Totalausfall im Event-Bereich

Was im Mice-Segment jetzt passieren muss

Bernd Fritzges, Vorstandsvorsitzender des VDVO
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Bernd Fritzges, Vorstandsvorsitzender des VDVO

Für Mice-Anbieter bedeutete Corona schon früh den Totalausfall. Von der Politik fühlen sich die Tagungs- und Event-Agenturen vernachlässigt. Auch fordern sie mehr als rein finanzielle Hilfen.

Ausgeprägter könnte das Wechselbad der Gefühle nicht sein, das die Unternehmen der Mice-Branche in den vergangenen Tagen durchlebt haben. "Wir sind nichts wert!", so überschrieb der Verband der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) noch zu Beginn dieser Woche eine Mitteilung auf seiner Website.
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Die vielen kleinen Unternehmen der Branche, die nach den Messeabsagen seit Ende Februar als erster Wirtschaftszweig überhaupt den Totalausfall erlebten, stünden vor einem Massensterben, zeigte sich VDVO-Vorstandschef Bernd Fritzges resigniert: "Ich bin fassungslos, dass wir es in den letzten Tagen nicht geschafft haben, die Dramatik für die Meeting- und Event-Branche und die Hotellerie an den richtigen Stellen zu platzieren." 

Jetzt, nachdem die Bundesregierung weitere Hilfen beschlossen hat und vor allem die Bundesländer selbst tätig werden, ist in der Mice-Branche wieder so etwas wie Optimismus eingekehrt. "Nun kommt Bewegung in die Sache", berichtet Fritzges, der nicht nur um das Überleben seiner eigenen Firmen kämpft. Auch vergeht derzeit kaum eine Minute, in der er nicht mit einem der mehr als 700 Mitglieder des VDVO telefoniert und sich bei Behörden und Banken über die Hilfen für seine Branche informiert.

Lob für die Hilfsprogramme der Länder

Angetan zeigt er sich besonders über die Länder: "Sie agieren flexibel und agil und haben ihre personellen Ressourcen gut organisiert", lobt er. "Mein Eindruck ist, dass sich hier sehr kompetente Mitarbeiter kümmern." Während auf Bundesebene die Abstimmungsprozesse zwischen KfW, Bund und Hausbanken oft noch "viel zu lange dauern", zeigten sich die Länder bei ihren Liquiditätszuschüssen schneller und unbürokratischer.

Dabei geht es den Mice-Anbietern derzeit nicht allein um direkte Finanzspritzen von Bund und Ländern. Die Betriebe selbst bringen weitere Hilfsvorschläge ein. In einem Brief an Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, fordert zum Beispiel der Bundesverband der Deutschen Incoming-Unternehmen, als "wirkungsvolle Sofortmaßnahme" die Margensteuer im B2B-Bereich auszusetzen. Diese wird seit 18. Dezember 2019 fällig und belastet vor allem Event-Agenturen massiv. Zudem fordern die Incoming-Betriebe (DMC), die stark im Mice-Segment tätig sind, eine Stundung von Steuerzahlungen sowie bereits jetzt ein Konjunkturprogramm für die Zeit nach der Krise.

Gerade Hotels kommen ohne weitere Hilfen vielfach nicht aus – vor allem dann nicht, wenn sie sich auf Tagungs- und Messegäste spezialisieren. "Unsere Messehäuser gehörten zu den Ersten, die von Corona betroffen waren", sagt Dorint-Eigentümer Dirk Iserlohe: "Bei manchen sank die Belegungsrate sofort von 90 auf null Prozent."

Über Rücklagen verfügen auf Mice fokussierte Häuser kaum, und die Margen sind gering. Iserlohe warnt jedoch davor, nach der Krise mit niedrigen Preisen zu locken: "Das hilft nicht, sondern verlängert die Situation nur." 

Deregulierung bei Margensteuer und DSGVO

Stattdessen fordert auch er neben den schon erwähnten Finanzhilfen gesetzgeberische Unterstützung. Dazu gehörten besonders Deregulierungen in vielen Bereichen: Sowohl beim Datenschutz laut DSGVO als auch beim Meldeschein, im Pauschalreiserecht und im teilweise "überspitzten Verbraucherschutz" ließen sich Bürokratie und damit Kosten einfach und preisgünstig verringern.

Und schließlich sieht Iserlohe die Krise als Signal dafür, "unsere Abhängigkeit von den Online-Buchungsportalen weiter zu verringern" – durch die Förderung eigener Loyalitätsprogramme und mehr Firmenabsprachen. Ein Wunsch, den andere Experten wie IHA-Geschäftsführer Markus Luthe teilen. So verlangte etwa Booking von den Hotels, wegen der Coronakrise kostenfrei zu stornieren. Zudem vergaben manche Hotels ihre Außer-Messe-Kapazitäten zu nicht profitablen Preisen fast komplett an die Portale, da sie ihre Gewinne zu den Messezeiten generierten. Als die Ausstellungen abgesagt wurden, fehlte plötzlich jede Aussicht auf Profit.

Iserlohe sieht es als unumgänglich an, dass Tagungshäuser in Zukunft verstärkt technische Lösungen für Meetings anbieten, mit deren Hilfe sich etwa echte mit virtuellen Tagungen verknüpfen lassen. Grundsätzlich zeigt er sich mit Blick auf Tagungen allerdings überzeugt, dass Unternehmen auch nach der Krise wieder auf den persönlichen Kontakt setzen würden. "Das kann jeder nachvollziehen, der schon mal an einer Telefon- oder Videokonferenz mit mehr als zehn Personen teilgenommen hat", sagt Iserlohe: "Das ist anstrengend, ineffizient und kein Ersatz für Kongresse."

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