Nach Veranstalter-Pleite

Cook-Geschädigte könnten auf 400 Mio. Euro sitzenbleiben

Zentrale von Thomas Cook Deutschland in Oberursel
Thomas Cook
Zentrale von Thomas Cook Deutschland in Oberursel

Werden die betroffenen Kunden von Thomas Cook Deutschland auf Kosten im Umfang von 400 Mio. Euro sitzenbleiben? Diese Frage wirft ein Bericht der "Bild am Sonntag" auf. fvw hat nachgefragt.

Die Summe klingt erschreckend hoch. Auf rund 400 Mio. Euro beziffert die "Bild am Sonntag" (BamS) den Gesamtschaden, auf dem betroffene Thomas-Cook-Kunden trotz eines gültigen Reisesicherungsscheins sitzenbleiben dürften. Das Blatt beruft sich dabei auf nur ihm vorliegende Informationen und macht folgende Rechnung auf: Die deutsche Thomas Cook habe zum Zeitpunkt der Insolvenz Ende September 660.000 Buchungen mit einen Gesamtwert von 500 Mio. Euro gehabt.

Der zuständige Versicherer Zurich muss jedoch nur maximal 110 Mio. Euro zahlen, weil die deutsche Gesetzgebung Kundengeldabsicherern wie Zurich erlaubt, die Höchsthaftung auf eben diese Summe zu deckeln. Abzüglich der vom Versicherer gedeckten Summe, so rechnet die BamS vor, fehlten somit rund 400 Mio. Euro, um alle Thomas-Cook-Urlauber voll zu entschädigen. Eine solche vollständige Erstattung schreibt die EU-Pauschalreiserichtlinie zwar vor, dennoch gestattet Deutschland als einziger EU-Staat den besagten Haftungsdeckel. Deshalb ist eine Debatte darüber entbrannt, ob der Bund für die Unterdeckung haften muss.

Die Zahl von 660.000 offenen Buchungen hatte Thomas Cook Deutschland bereits kurz nach der Pleite selbst bestätigt. Doch kann der von der BamS genannte Gesamtwert von 500 Mio. Euro stimmen? Thomas Cook Deutschland nimmt hierzu keine Stellung – und darf es nach Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens auch nicht mehr. Der Versicherer Zurich würde zwar gerne selbst den Gesamtschaden kennen und schnellstmöglich nennen, weist aber darauf hin, dass dies erst "in einigen Wochen" möglich sein werde.

Dennoch halten von der fvw befragte Experten, die namentlich nicht genannt werden wollen, die Größenordnung von 500 Mio. Euro für durchaus realistisch – was bedeuten würde, dass die Cook-Geschädigten tatsächlich auf Kosten von rund 400 Mio. Euro sitzenbleiben würden. Die Argumentation der Experten: Die deutsche Cook und ihre Veranstaltermarken erzielten im  Geschäftsjahr 2018/2019 einen Umsatz von geschätzt 2,5 Mrd. Euro. Die Pleite trat Ende September direkt vor dem Beginn der Herbstferien ein, alle Reisen bis zum Jahresende wurden abgesagt – entsprechend ist der Gegenwert der bereits ganz oder teilweise bezahlten, aber nicht mehr erbrachten Pauschalreisen.

Bei der Multimillionensumme handelt es sich jedoch um einen Näherungswert. Denn wie hoch der Gesamtschaden tatsächlich ausfällt, hängt von vielen Faktoren ab. Bislang sind nur die Reisen bis zum Jahresende abgesagt. Was mit den gebuchten Urlauben mit einem Reisedatum ab dem 1. Januar 2020 passiert, ist noch offen. Ebenfalls ist unklar, für welchen Anteil der abgesagten Reisen bereits Zahlungen geleistet wurden. Diese Informationen lägen Zurich noch nicht ausreichend vor, um eine seriöse Hochrechnung daraus abzuleiten, erklärte ein Sprecher des Versicherers.

Auch die Kosten für die Rückholung von Urlaubern stehen noch nicht fest. Zwar war in der vergangenen Woche im Tourismusausschuss des Bundestags die Summe von 80 Mio. Euro als Gesamtkosten für die Heimholung und Unterbringung von gestrandeten Cook-Urlaubern genannt worden. Zurich kann diese aber nicht bestätigten. Unklar sei zum Beispiel noch die Gesamtsumme der Unterbringungskosten bis zur Heimholung. Zurich hatte Hoteliers angeboten, sofort 50 Prozent der von Cook nicht mehr beglichenen Rechnungen zu zahlen und den Rest später, sofern der Hotelier die betroffenen Urlauber nicht zur Selbst- und damit Doppelzahlung nötige.

Ob die Hoteliers sich daran gehalten hätten, werde nun mit Hilfe der Urlauberrückmeldungen geprüft. Als zu hoch erwiesen hat sich laut Zurich die von Cook genannte Zahl von 140.000 gestrandeten Urlaubern aus Deutschland. Unter diesen waren aber nur 90.000 Pauschalreisende – und nur diese haben über den Sicherungsschein Erstattungsansprüche.
110 Mio. Euro reichen nicht
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Bislang liegen Zurich zudem erst etwas mehr als die Hälfte der erwarteten Schadenmeldungen vor. Der Versicherer fordert deshalb alle Betroffenen auf, baldmöglichst ihre Ansprüche bei dem beauftragten Abwickler Kaera AG geltend zu machen. Kaera rechnet aufgrund der Erfahrung mit früheren Insolvenz damit, dass etwa 95 Prozent der Betroffenen sich melden werden. Nach Angaben des Zurich-Sprechers will der Versicherer noch in diesem Jahr eine belastbare Gesamtschadensumme nennen. Im Tourismusausschuss war damit erst für einen Zeitpunkt Anfang 2020 gerechnet worden.

Der Versicherer plant jedem Betroffenen zu bescheinigen, mit welcher Quote die Ansprüche anteilig entschädigt werden. Mit diesem Vorgehen will Zurich den Cook-Geschädigten, die ihre Reise mit einer Kreditkarte bezahlt haben, ermöglichen, eine Rückerstattungen vom Kreditkartenunternehmen zu verlangen, bevor diese Möglichkeit verfällt.

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