Interview mit Trendforscher

David Bosshart sieht Konsumgesellschaft kritisch

Trendforscher David Bosshart sieht die Vorteile Europas und der Schweiz schwinden. Aber er verbreitet in einem Interview auch Zuversicht.

Sie nennen die Menschen in der Schweiz "Prinzessinnen auf der Erbse". Was soll das?
David Bosshart: Wir müssen viel ambitionierter, mutiger und risikobereiter sein, wenn wir unseren Wohlstand und unsere Errungenschaften wie etwa die Sozialwerke erhalten wollen. Wir geben rasch auf, jeder Stress wird als Zumutung empfunden, wir sind fröhliche Weichlinge geworden. Mittelmäßigkeit aber wird abgestraft.

Als ein Vorbild dient Ihnen China. Inwiefern?
Schauen Sie auf die rasch wachsende Mittelschicht. Die jungen Chinesen wollen vorwärtskommen, Karriere machen. In einigen Jahren dürfte gemäß IWF die Wirtschaftsleistung Chinas und Indiens jene der USA und Westeuropas überholen.


Weshalb muss uns das Sorgen bereiten?
Weil die wirtschaftliche Macht des Westens abnimmt. Und weniger wirtschaftliche Macht bedeutet immer auch, dass die politische Macht abnimmt.

Besonders die EU kommt bei Ihnen nicht gut weg. Warum?
Europa ist großartig, die EU funktioniert im gnadenlosen Murksmodus mal recht, mal schlecht. Der Austritt Großbritanniens ist kein Zufall, aber damit geht so viel Wirtschaftsleistung weg, wie wenn die 20 kleineren EU-Mitglieder austräten. Die Abhängigkeit von einem gut funktionierenden Deutschland, das nicht führen will, und einem gut funktionierenden Frankreich, das nicht führen kann, wird noch viel größer.

Was wäre vonnöten?
Im Zeitalter des Populismus und der Ungewissheit werden kluge Identitätsangebote für die Bürger enorm viel wichtiger. Die Menschen wollen sich an Menschen und Werten orientieren. Am meisten stört mich der fehlende Wille zur Verteidigung der großartigen Errungenschaften Europas. Unsere Eliten scheinen das nicht zu verstehen. Oder gar: nicht verstehen zu wollen.

Die USA haben Amazon, Apple, Google oder Microsoft, Asien hat Handyhersteller oder Alibaba. Fällt Europa technologisch zurück?
Unzweifelhaft. Und wir sind moralisch nicht stark genug, das zu kompensieren. Wir träumen davon, dass China sich demokratisiert oder Donald Trump nicht mehr gewählt wird, statt dass wir uns selbst weiterentwickeln. Und wir geben so die Vorteile preis, die wir industriell hatten. Ich erwähne nur: Automobilindustrie oder Airbus. Mit Frankreich, Spanien und Italien haben wir die großen Tourismusmagnete – Europa wird zum Museum für betuchte Touristen aus China, Indien und dem Mittleren Osten, die nebenbei auch noch unsere Firmen aufkaufen.

Sie plädieren auch dafür, die digitale Entwicklung voranzutreiben und lassen sich nicht von Vorbehalten etwa betreffend der elektromagnetischen Mobilfunk-Strahlung beirren.
Ich sehe keine erhöhten und Besorgnis erregenden gesundheitlichen Risiken, und solche sind wissenschaftlich nicht erwiesen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Nehmen wir die Entwicklung der industriellen Revolution, mit Kohle und Dampf. Aber erst Elektrizität und Verbrennungsmotoren haben den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel revolutioniert.

Und so ist es auch, wenn jeweils ein neuer Mobilfunk-Standard lanciert wird?
Ja. Jedes Mal ändert sich das ganze Ökosystem der Lieferanten und Anbieter. 4G wurde von den US-Amerikanern und Samsung dominiert. 5G wird chinesisch. Und Trump hat kürzlich getweetet, er wolle endlich 6G.

Und das ist gut so?
Es ist nicht falsch: Der Wandel von 4G zu 5G heißt 20 Gigabyte pro Sekunde downloaden, 6G verspricht 1 Terabyte, also 1000 Gigabyte, pro Sekunde. Wenn wir erneuerbare Energien erfolgreich managen und die vernetzte Mobilität weitertreiben wollen, kommen wir nicht darum herum, 5G klug, pragmatisch und rasch umzusetzen.

Was verspricht mehr? Elektromobilität oder der Brennstoffzellenantrieb?
Eine Vielfalt der Antriebe. Auch bei den Brennstoffzellen braucht es noch viel Forschung. Und vor allem die Infrastruktur, die wir entwickeln müssen. Das alles dauert viel länger als vermutet. Aber ich würde selbst Diesel noch nicht aufgeben. Im Mix kann das interessant sein.

Inwieweit verändert der Klimawandel unsere Konsumgewohnheiten?
Wir haben immer mehr Informationen über den Klimawandel. Es gibt immer mehr Wissen und wissenschaftliche Studien. Was immer man davon hält: Entscheidend ist, dass der Graben zwischen Wissen und praktischer Weisheit immer größer wird. Ab einem bestimmten Wissensstand klärt noch mehr Wissen nicht mehr auf, sondern erhöht die Konfusion der Menschen. Konsum verändert sich nur, wenn es nicht weh tut respektive wenn es Ersatzprodukte gibt. Verzichten fällt im Kopf leicht, aber bis der Wille und der Bauch mitmachen, können Sie noch lange warten.

Das GDI hat eine Studie publiziert über das Ende des Konsums, wie wir ihn heute kennen. Worauf müssen wir uns gefasst machen?
Es laufen drei Revolutionen ab: die Datenrevolution, die unser persönliches Kaufverhalten immer besser vorhersehen lässt, die Handelsrevolution, die den Handel als Branche schrittweise überflüssig, aber seine Funktion zur Verteilung von Gütern und Dienstleistungen immer wichtiger macht. Und schließlich die Konsumrevolution, bei der die Menschen zugleich zu Prinzessinnen, Diktatorinnen und Sklavinnen werden.

Sie bemühen schon wieder die Prinzessinnen. Was bedeutet das hier?
Wir haben eine immer größere Auswahl, immer schnellere Verfügbarkeit, Preisvergleiche auf einen Klick. Das stärkt unsere Verhandlungsmacht. Diktatorinnen wiederum bedeutet: Es ist unglaublich leicht, cleveren Shitstorm gegen Händler und Lieferanten loszutreten, Druck zu machen mit Gleichgesinnten, wenn sie unzufrieden sind. Aber wir sind auch Sklavinnen: Weil wir immer transparenter werden, können wir auch fokussiert werden mit der Präzision fortgeschrittenster Militärdrohnen. Facebook mit seinen Apps Instagram, WhatsApp, Messenger und Facebook hat pro Tag 985 Mio. Stunden Watch Time – die wissen alles über uns.

Dieses Interview von Thomas Griesser Kym ist zuerst im Schweizer Tagblatt erschienen.

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1.
Dietmar Rauter
Erstellt 25. Februar 2020 09:31 | Permanent-Link

Thomas Griesser Kym ist ja nicht der Einzige, der fest stellt, daß die demokratische Politik hierzulande den Herausforderungen in Bezug auf unsere Zukunft nicht gewachsen ist (da haben es die Technokraten Chinas deutlich einfacher, solange sie einer aufstrebenden Mittelschicht genügend Wohlstand garantieren, steht die Frage nach demokratischer Teilhabe noch nicht auf der Tagesordnung) . Selbst der VW-Boss stellt fest, daß es bei den großen Parteien erhebliche Defizite gibt , die Zeichen der Zeit zu erkennen. In Davos, dem Treffen der Bosse, war man sich einig, daß die bestimmenden Parteien viel zuviel Angst davor haben, ihren Wählern reinen Wein einzuschütten. Danke für diesen Beitrag !

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