Interview mit Ingo Lies

Klima- und Naturschutzthemen gehören in jedes Verkaufsgespräch

Ingo Lies ist Gründer und Geschäftsführer von Chamäleon Reisen.
Chamäleon
Ingo Lies ist Gründer und Geschäftsführer von Chamäleon Reisen.

Tourismus auf einen nachhaltigen Weg zu bringen, ist für Ingo Lies und sein Team seit der Gründung von Chamäleon im Jahr 1996 gelebte Philosophie. Ist jetzt, im Zuge der allgemeinen Klimadebatte, die Zeit der grünen Reiseveranstalter gekommen und wie sieht es mit dem Bewusstsein für nachhaltige Reiseprodukte am Counter aus?

traveller: Als Sie 1996 Chamäleon gründeten, galten Reiseveranstalter mit "grünem" Reiseansatz noch als Exoten. Heute, 23 Jahre später, liegt man damit im Trend. Haben Reiseveranstalter mit nachhaltigem Portfolio jetzt die Nase vorne?
Ingo Lies: Reiseveranstalter mit einem gewachsenen, nachhaltigen Angebot sind jetzt durchaus im Vorteil. Auch weil Klimaschutz auf politischer wie wirtschaftlicher Ebene verstärkt in den Fokus gerückt wird. Bundeskanzlerin Angela Merkels Rede auf der Luftfahrtkonferenz in Leipzig war dahingehend geprägt, die fvw widmet dem Thema eine ganze Ausgabe und stellte auch den fvw Kongress unter den Nachhaltigkeitsschwerpunkt. Das Thema ist überall und gerade wir Touristiker stehen jetzt in der Auslage und sollten entsprechende Antworten haben.


Wie müssen die Antworten lauten?
Wir bei Chamäleon kaufen zum Beispiel seit 1999 Regenwald und stellen diesen unter Naturschutz. Jeder Reisende, der mit Chamäleon oder Yolo eine Fernreise bucht, erhält 100 Quadratmeter Regenwald – namentlich zertifiziert – symbolisch geschenkt. Aktuell verfügt die Rainforest-Foundation in zwei Quellflussgebieten des Amazonas über 12 Mio. Quadratmeter geschützten Regenwald. Das hat einen langen nachhaltigen Effekt, den man durch eine 1:1 Kompensation so nicht herstellen könnte.
Chamäleon pflanzt auch Bäume?
Ja, mit dieser Initiative als Teil unseres Klima-Engagements wollen wir unsere Vertriebspartner in den Fokus rücken. Seit 1. Januar 2019 pflanzen wir für jeden gebuchten Gast einen Baum, bis Jahresende wird der Chamäleon Wald auf der Yucatán-Halbinsel im Golf von Mexiko in Kooperation mit "Plant for the Planet" bereits 16.000 Bäume umfassen. Diese Ziffer macht auch den Hauptvertriebskanal deutlich, denn von der 2019 zu erwartenden Gästezahl kommen rund 80 Prozent über Reisebüros.

Gibt es auf Chamäleon-Reisen noch Plastikflaschen?
Die Plastik-Wasserflasche gibt es bei uns schon lange nicht mehr. 18.000 Gäste auf 102 Reisen – und kein einziger Gast trinkt mehr aus der Einwegflasche, sondern nutzt die "NatureBottle". Diese erhält er am ersten Reisetag und kann sie auf allen Reisen – auch in den Bussen, wo recycling-fähige Wasserkanister installiert wurden – kostenlos mit frischem und sauberem Trinkwasser befüllen. Wir wollen dieses System demnächst auch in Hotels bringen, denn dort sind mehrheitlich noch Plastik-Wasserflaschen gebräuchlich. Der Gast soll sich künftig frisches Trinkwasser in der Karaffe aus Wasserspendern holen können.

Weiß der Expedient über all das ausreichend Bescheid? Wie schätzen Sie Wissen und Bewusstsein für nachhaltige Reisen am Counter ein?
Wenn es ums offensive Anbieten von nachhaltigen Reiseprodukten geht, war der Counter oft zögerlich, man hat sich nicht wirklich drüber getraut. Mit "Fridays for future" – richtigerweise sollte es "everyday for future" lauten, denn dort muss die Menschheit aus meiner Sicht hin – ist dieses Allerweltsthema präsenter geworden. Es setzt eine echte Bewusstseinsbildung ein.

Der Expedient sollte also offensiver und deutlicher auf klimafreundliche Reisealternativen im Beratungsgespräch hinweisen?
Man geht, glaube ich, oft davon aus, dass der Gast derartige Angebote nicht wünscht, dass man ihm die Anreise mit der Bahn als grüne Alternative zum Flug – die mitunter länger dauert und vielleicht auch unbequemer ist – nicht zutrauen kann beziehungsweise steht der Preisaspekt im Vordergrund. Nur, dieses Bild wird dem Kunden in keinster Weise gerecht, denn es ist mehr Bewusstsein für nachhaltige und umweltgerechte Reiseangebote vorhanden, als man annimmt.

Die Entscheidung liegt ganz alleine beim Gast, der Auftrag aus meiner Sicht muss lauten: Anbieten und gezielt nachfragen, gerade auch in der Pauschale, denn auch in dieser Sparte ist das zertifizierte Angebot ein wachsendes. Ich bin überzeugt, dass Expedienten, die entsprechend geschult sind und sich laufend weiterbilden, um die Fragen der Gäste beantworten zu können, die sich trauen, nachhaltige Reiseprodukte offensiv anzubieten, im Vorteil sein werden. Klima- und Naturschutz-Themen gehören in jedes Verkaufsgespräch, denn Naturschutz geht uns alle an!
Ist die Touristik aus Ihrer Sicht nachhaltig fit?
Im Gegensatz zu anderen Branchen – in der Lebensmittelindustrie oder Mobilitätsbranche ist das nachhaltige Angebot längst etabliert und auch in den Köpfen der Konsumenten angekommen – hinkt man in der Touristik hinterher. Pauschal und billig trifft längst nicht mehr die Geschmäcker und Ansprüche vieler Reisender.

Will man zukunftsfähig sein, darf man die Verantwortung gegenüber Natur, Mensch und Tier und einen sorgsamen Ressourcen-Umgang im Produkt aber auch im Unternehmen und täglichen Umgang miteinander nicht aussparen und negieren. Initiativen wie Futouris werden den B2B-Bereich daher noch stärker in den Fokus rücken. (Anmerkung: Chamäleon und die Tochtermarke Yolo sind seit Mai dieses Jahres Futouris-Mitglieder, Ingo Lies wird für den Vorstand kandidieren).

Wenn ein Billigticket fast schon günstiger ist als ein Straßenbahn-Fahrschein, gehören da nicht gerade die Billig-Airlines seitens der Politik stärker in die Pflicht genommen?
Ja, eine Steuer ist überfällig, ich denke es leuchtet ein, wenn der Flug höher besteuert wird, als die Bahn. Im Moment ist es umgekehrt. Die Billig-Tarifstruktur fördert den Massentourismus, Begrenzungen sind notwendig, aber natürlich darf die Freiheit des Menschen zu reisen darunter nicht leiden. Aus meiner Sicht steuert sich das Verständnis über Preis und Gewissen. Denn weckt man das Bewusstsein, kommt auch das Gewissen ins Spiel.
Sieht man sich die rasant wachsende Luftfahrt an – auch im Hinblick auf den gerade erst in Bewegung gekommenen chinesischen und indischen Markt – bleibt dann eine verpflichtende CO2-Kompensation nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein, der für die Rettung des Weltklimas bei weitem nicht ausreicht?
Das sind große Fragen, die Touristik und Medien zwar beeinflussen können, letztlich aber von der Politik beantwortet und gelöst werden müssen. Es hat viel mit Aufklärung zu tun, was gerade am Beispiel Kreuzfahrten und die Schweröl-Thematik deutlich wird. Schafft man mit seriöser und ehrlicher Kommunikation Bewusstsein, rechtfertigt das für den Kunden, davon bin ich überzeugt, auch einen höheren Preis.

Zurück zu Chamäleon: Auch der Firmensitz in Berlin entspricht nachhaltiger Bauweise?
Unser Holzbau wird zu 100 Prozent mit Strom aus der Solaranlage versorgt, die auch die Wärmepumpe, die wiederum die Heizung betreibt, mit Energie versorgt. Was im Winter die Böden angenehm warm und im Sommer – ganz ohne Klimaanlage – durch Erdkühlung entsprechend kühl macht. Und die Mitarbeiter werden in der Cafeteria mit einem regionalen 4-Gang-Menü kostenlos kulinarisch verwöhnt.
Stichwort Katalog: Braucht es dieses traditionelle Druckwerk in online-getriebenen Zeiten überhaupt noch und wie nachhaltig sind die Chamäleon-Kataloge?
Ein wichtiger Punkt, denn auch wenn die Auflagen bei allen Marktbegleitern sinken, werden Kataloge noch rund zehn Jahre Bestand haben. Sie werden sich aber zunehmend zu Magalogs verändern. Die Chamäleon-Kataloge sind in der ganzen Prozesskette recyclebar und mit dem "Blauen Engel" ausgezeichnet.
„Jeder Reisende, der mit Chamäleon oder Yolo eine Fernreise bucht, erhält 100 Quadratmeter Regenwald – namentlich zertifiziert – symbolisch geschenkt.“
Ingo Lies, Chamäleon

Wir kaufen für unsere Kataloge auch zusätzlich 50.000 Quadratmeter Regenwald, der unter Naturschutz steht. 2020 erscheint mit dem "100 Mio. Euro Katalog" übrigens nur ein Katalog, womit wir auch gleich unser Umsatzziel fürs nächste Geschäftsjahr kundtun. 2019 liegen wir bei 80 Mio. Euro Umsatz, mit aktuell mehr als 30 Prozent Voraus- und bereits 20 Prozent Fixbuchungen sind wir auf einem sehr guten Weg, dieses Ziel zu erreichen.

Auch in der Preisstruktur wird dem Nachhaltigkeitsgedanken Folge geleistet?
70 Prozent des Reisepreises verbleiben im Zielgebiet, um den Menschen eine Ausbildung, qualifizierte Arbeitsplätze und damit mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Wir prämieren seit Jahren auch Unterkünfte mit dem "Sustainability Award" für Verbesserungen in den Bereichen Energiegewinnung, Wassernutzung und Müllvermeidung und fördern zudem über die Chamäleon Stiftung weltweit mehr als 50 Projekte in den Bereichen Soziales, Handwerk und Natur.

Wie bekannt ist Chamäleon in Österreich?
Österreichische Gäste lieben unsere persönlichen und privaten Reisekonzepte, sie sind offen für Gefühle und mit großer Freude unterwegs. Wir arbeiten in Österreich mit vielen Partnern, unter anderem mit Ruefa zusammen, und setzen auch immer wieder gezielte Aktionen – etwa mit den Power-Tagen auf der Donau. Und wir werden noch viel mehr für unsere österreichischen Vertriebspartner anbieten.

Darf ich abschließend um einen besonderen Reisetipp für unsere Expedienten bitten?
Sehr gerne. Auf jeder unserer Reisen stehen ein bis zwei Besuche bei der lokalen Bevölkerung auf dem Reiseplan. In Tansania etwa, wo man natürlich in der Serengeti auf Safari geht und in wunderschönen Lodges wohnt, besucht man auch Mwema, das für 24 Mädchen im Rahmen eines Straßenkinder-Projekts ein Zuhause ist. Dieser Besuch berührt und ist von einer Herzlichkeit geprägt, die man nicht vergisst. Den Abschluss bildet Sansibar, wo man den Dorfalltag erlebt.

Frauen mit Frauen und Männer mit Männern, was soviel heißt wie: Die Männer liegen am Strand und kommen mit einer frisch vom Baum gepflückten Kokosnuss abends als Helden ins Dorf zurück, wo sie von den Frauen nach traditioneller Körperpflege bekocht werden. Ein humorvolles Erlebnis, das mit der Buchung dieser Reise dazu beiträgt, die Zukunft der Menschen in dieser Region ein Stückweit zu sichern. Denn bei allem was wir tun, und gerade auch auf Reisen, geht es um Geben und Nehmen, und nicht bloß um Nehmen. 

Dieser Artikel stammt aus dem ebenfalls im Deutschen Fachverlag erscheinenden traveller.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Rainer Stoll
    Erstellt 23. September 2019 14:19 | Permanent-Link

    Chamäleon ist in vielen Bereichen vorbildlich aufgestellt. Dazu zählt inzwischen auch der Nachhaltigkeitsbereich. Ich freue mich auf weiteren intensiven Austausch und bin gespannt auf weitere tolle Ideen.

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