Gastkommentar von Dirk Rogl

Die Travel Technology braucht mehr Harmonie

Dirk Rogl ist Geschäftsführer von Rogl Consult und stellvertrender Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes.
fvw/Heike Fritsch
Dirk Rogl ist Geschäftsführer von Rogl Consult und stellvertrender Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes.

In kaum einer anderen Branche gibt es so vielfältige Spezifikationen und Normen wie Tourismus. Pauschaltourismus, Airlines, Hotellerie, Bahn und Destinationsmarketing: Fast jeder Zweig der Reisebranche lebt in weitgehend isolierten Systemwelten.

Nur wenige der dort etablierten Normen reifen zu global akzeptierten Standard. Der längst fällige Austausch von Daten und damit auch die Angleichung von Prozessen bleiben eine Domäne, die vor allem die großen Gatekeeper im E-Commerce verstehen: Google, Airbnb, Tripadvisor, Booking.com und ein paar wenige mehr. Wir sollten das ändern.


Aber wie? Geschlossene Systeme und in Teilsegmenten etablierte Standards in den einzelnen Zweigen des Tourismus sind gesetzt und werden von starken Playern geschützt. Ein offener  Datenaustausch stößt spätestens dann an Grenzen, wenn sensible Kundendaten ins Spiel kommen. Dennoch gibt es eine Reihe innovativer Projekte, die zugleich das Potenzial, aber eben auch die Beschränktheit technischer Innovation aufzeigen, wenn denn in Silos gedacht wird. 

Der globale Luftfahrtverband etwa ist mit seiner New Distribution Capability (NDC) ein echter Innovationstreiber. NDC bringt völlig neue Datenflüsse in den Airline-Vertrieb. Auch Reisemittler, aber auch Tech-Giganten wie Amadeus und andere GDS setzen zunehmend auf NDC. Die Iata will nun auch Ancillary Services via NDC buchbar machen. Gemeint sind damit etwa auch Hotels oder Bahntickets. Ob die jeweiligen Leistungsträger hier mitspielen?


Die chinesische Trip Holding (ehemals Ctrip) investiert gerade 318 Mio. US-Dollar, um sich an Tripadvisor zu beteiligen und so Zugang zu exklusivem Content der führenden Reise-Community zu bekommen. Denn Unique Content ist das Gold im Online-Vertrieb.

Und die Destinationen, bislang relativ isoliert von der digitalen Customer Journey des Online-Vertriebs, suchen neue Wege, sich aktiv an den Point of Sale zu bringen. Die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) setzt auf den offenen Austausch sauber strukturierter Daten, um eine bessere Sichtbarkeit ihres touristischen Content in der digitalen Welt zu erzielen.

Andere setzen sogar darauf, die Buchbarkeit ihres Angebots zu fördern. Die Österreich Werbung etwa verhandelt im Rahmen ihrer Zukunftsplattform Neta mit Airbnb und Booking.com (Fareharbor) über die Vermarktung von Touren und Aktivitäten.

Visit England und Visit Britain bauen mit Tourism einen B2B-Marktplatz, um britische Angebote weltweit an die großen Reiseportale dieser Welt zu bringen. Die Hotellerie würde hier leicht gelangweilt von einem „Channel Manager“ sprechen. Im DMO-Sektor jedoch ist so etwas eine klare Innovation.

Treffen der Travel-Tech-Szene: Die Bilder vom fvw Travel Technology Day 2019



Derartige Initiativen sprengen die Grenzen des jeweils etablierten Geschäfts. Und sie basieren gemeinhin auf dem exklusiven Austausch von Daten. Dafür werden sie neue Technologien benötigen. Doch es gibt halt viel zu viele Normen und Spezifikationen.

Das Dilemma ist längst bekannt und seit einer Dekade amtlich bestätigt. Auf Basis jahrelanger Forschung auf europäischer Ebene kam das Europäische Komitee für Normierung (CEN) in Brüssel im Sommer 2009 zu diesem Fazit: "Die Tourismusbranche hat ein breites Spektrum an unterschiedlichen Standards und Datenmodellen geschaffen. Aus verschiedenen Gründen wird es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sein, sie zu ersetzen. Diese Vielfalt ist auch in gewissem Umfang erforderlich. Die Vermittlung zwischen ihnen soll helfen, diese Unterschiede zu bewältigen."

Die EU-Behörde gab der Reisebranche und der Politik ein ganzes Bündel an Empfehlungen mit auf dem Weg. Etwa die weitere Etablierung semantischer Technologien und die Einrichtung einer Kontrollinstanz "zur Vermittlung zwischen bestehenden Standards", so das CEN.

Geworden ist daraus relativ wenig. Zwar haben sich vielerorts im Tourismus semantische Technologien etabliert. Die umfassende Harmonisierung von Tourismusstandards jedoch hat es nie ernsthaft gegeben.

Das ist auch wenig verwunderlich. Denn es gibt halt zu viele Normen im Tourismus, die sich zum Standard erklären, ohne auf bestehende Normen und Logiken Rücksicht zu nehmen. Sie entstammen häufig einzelnen Branchen (wie der Luftfahrtstandard NDC) oder einzelnen Regionen (wie etwa das Open-Data-Projekt der DZT).


Und es gibt völlig unterschiedliche Arten und Zwecke der Normierung und damit auch völlig unterschiedliche Anlässe für Standardisierung. Unerlässlich sind Schnittstellen zwischen Computer-Systemen und die darauf aufbauenden Regeln. Welcher Server darf zuerst zugreifen? Wann genau wird eine Reservierung getätigt, aus einer Option eine feste Buchung, die Zahlung angestoßen? Spätestens hier hilft XML als weltweit etablierter Standard allein nicht weiter. Deshalb gibt es Regeln und Abfragelogiken etwa als XML-Schemes, wie sie etwa der DRV mit seinem DRV-Datenstandard versucht hat zu etablieren.

Der DRV-Datenstandard, auch ein gutes Jahrzehnt nach seiner Premiere keinesfalls der einst angestrebte unangefochtene Industriestandard für Urlaubsreisen, bietet aber noch mehr. Die Global Types sind eine schier unendlich Liste von Attributen, die quasi jedes erdenkliche Merkmal einer Urlaubsreise definieren, von Klassikern zu Verpflegung und Zimmerqualität über tausendfache Merkmale zu Service- und Zusatzleistungen. Immerhin: Zumindest ein Teil dieser vielfältigen Global Types hat sich in den Buchungs- und Vertriebssystemen des Tourismus etabliert. 

Aus Attributen werden dann Produktdaten. Diese Stammdaten unterscheiden sich von reinen Attributen auch dadurch, dass darin auch Preise und Verfügbarkeiten abgebildet sind, so es sich denn um buchbare Produkte handelt. Allerdings können über manche Stammdatenformate auch nicht buchbare Leistungen wie etwa POI-Daten und Tourenbeschreibungen gelistet werden, etwa wie es auch die DZT in ihrem Open-Data-Projekt über das verbreitete, aber nur bedingt travelspezifische Format Schema.org versucht zu etablieren.


Das alles ist gut. Aber das wohl Wichtigste aus dem CEN-Projekt ist in Vergessenheit geraten: das Ziel, all diese Normen und Spezifikationen bestmöglich zu harmonisieren. Die Harmonisierung der IT-Landschaft auf Basis sogenannter Ontologien (Regeln und Zusammenhänge) und Taxonomien (Hierarchien) als neutrale Übersetzungsebene zwischen etablierten Systemwelten war dringend empfohlen.

Dabei ist all das keine Rocket Science. Ontologien sind zusammenhängende Ketten von Wissen. Sie sind auch die Basis von semantischen Datenbanken. Leider enden sie wie im wahren Leben dort, wo Zusammenhänge nicht verstanden werden oder bewusst anders definiert werden. Das ist beispielsweise beim NDC-Projekt der Iata der Fall oder auch dort, wo sensible Kundendaten ins Spiel kommen. Beispielsweise in den CRM- und Midoffice-Systemen von Leistungsträgern, Veranstaltern und Reisemittlern.


Die vielen Segmente werden in den nächsten Jahren vielfältige Wege suchen, um sich besser zu vernetzten. Auf die Travel-Tech-Szene kommt enorm viel Arbeit zu. Schnittstellen und die gekonnte Aggregation von Daten sind so gefragt wie. Die Alternative dazu jedoch ist die Schaffung von Ontologien als Meta-Ebenen, die zwischen Systemwelten vermitteln.

Vielleicht gelingt es dann ja nicht nur Google und ein paar großen Online-Reisebüros, die Silos einzelner Industriezweige ein Stück mehr aufzubrechen. Denn der Erfolg der großen Portale basiert darauf, dass sie alle relevanten Daten aggregieren.

Selbst Google bedient sich ganz offen der Hilfe von Travel-Tech-Spezialisten wie beispielsweise Peakwork und Giata, um seine neue Travel-Plattform möglichst vollständig mit Angeboten zu befüllen. Und die Local Guides von Google sind eine sehr starke Armee der Freiwilligen, die einzigartige Destinationsinformationen exklusiv für Google bereitstellen. 

Es wäre ein Jammer, wenn allein Google und ein paar OTA aus Amerika und China von diesem zwar aufwändigen, aber relativ simplen Erfolgsrezept profitieren. Es wird Zeit, dass die Reisebranche es zulässt, dass ein paar mehr kostbare Datensilos den kontrollierten Zugang in die digitale Welt bekommen. Harmonisierung ist ein Lösungsansatz


Sie müssen eingeloggt sein, um kommentieren zu können.

1.
Rainer Maertens
Erstellt 24. Dezember 2019 09:02 | Permanent-Link

Lieber Dirk, das Problem ist, dass der durchschnittliche Touristiker maximal die Hälfte Deines Artikels versteht. Wir sind touristische Mittelständler, die wenig oder gar keine Ahnung von den aktuellen Möglichkeiten der IT verstehen, bzw. nicht die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, IT Experten einzustellen. Daher wird am neuen Kuchen kaum einer der "alten" Touristik des Mittelstandes mit naschen können.

?> stats