Gastkommentar von Martin Lohmann

Kreuzfahrtwachstum erreicht Grenzen

Fast ein Viertel der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren ist an einer Kreuzfahrt auf See interessiert – rund 15 Mio. Menschen. Vier Prozent planen eine solche Reise in den nächsten drei Jahren ziemlich sicher, für 19 Prozent kommt sie generell infrage.

So die Ergebnisse der diesjährigen Reiseanalyse. Das sind zweifellos viele Menschen, deutlich mehr als die drei Millionen Bundesbürger, die in den vergangenen Jahren bereits eine Kreuzfahrt unternommen haben. Das Wachstum dieses Urlaubssegments war in der jüngeren Vergangenheit ja geradezu atemberaubend.


Der Erfolg der Vergangenheit und das große Potenzial für die Zukunft haben Gründe. Die Branche hat sich gewandelt: Die Kapazitäten sind kräftig gewachsen, die Preise für viele erschwinglich geworden, das Bordleben ist ungezwungener. Unterschiedliche Konzepte von der Heavy-Metal-Tour bis zur Antarktis-Erkundung bieten für viele Zielgruppen etwas. Kreuzfahrten sind in der Lage, die häufigsten Urlaubsmotive zu erfüllen: unterwegs sein und immer wieder ankommen – wobei Ankommen beim Reisen doch fast das Größte ist, – gute Gesellschaft, umsorgt werden, eine Fülle von Angeboten an Bord und an Land. Kurzum: Die Kreuzfahrt ist toll.

Lange war das große Schiff Sinnbild für die weite Welt, die große Freiheit, das Mittel, das die Erkundung fremder Länder erst möglich macht. Man brauchte es als Eroberer, Händler, Auswanderer, schließlich dann auch zum schieren Vergnügen. Kritische Stimmen nennen es jetzt ein Symbol für völlig nutzlose Umweltverschmutzung und miserable Arbeitsbedingungen. Kreuzfahrt ist in mancherlei Hinsicht so etwas wie der touristische Paradefall. So zeigen sich im Kreuzfahrtsegment die Chancen und Probleme des Tourismus wie unter einem Brennglas. Kein Wunder, dass es den Akteuren heiß wird.

Die Herausforderungen kommen nicht nur aus den Nachhaltigkeitsanforderungen. Auch bei den Nachfragepotenzialen wird es enger. Die große Zahl von Interessenten bedeutet nicht automatisch weiteres Wachstum; es zeigt lediglich eine Möglichkeit, eine Chance, die man im Marketing nutzen kann. 

Die Herausforderungen dafür sind vielfältig, es existieren diverse dämpfende Faktoren. Da ist zunächst der Umstand, dass zwar die Zahl der Interessenten gewachsen ist, der Anteil der tatsächlichen Planer darin aber viel langsamer steigt. Das Interesse wird unverbindlicher. Das passt zusammen mit der starken Multioptionalität zukünftiger Kreuzfahrtkunden: Sie haben so viele unterschiedliche Urlaubswünsche, dass sie mit ganz verschiedenen Angeboten glücklich werden können. Es muss keine Kreuzfahrt sein, es darf auch eine Wohnmobilreise, ein Strandurlaub oder mal eine Winterreise in den Schnee sein.

Die Kreuzfahrt ist nur eine Option von vielen. Die Kunden werden kaum die Finger von der Kreuzfahrt lassen, weil sie zu viel Dreck macht, sondern eher, weil es so viele schöne andere touristische Angebote gibt. Ein weiteres Warnsignal ist, dass das Interesse an Kreuzfahrten kurzfristig, also in den letzten drei Jahren nicht mehr gewachsen ist. Das kann eine Konsolidierung der Nachfrage andeuten, die im Gegensatz zum Kapazitätsausbau auf der Angebotsseite steht. Nicht nur in puncto Nachhaltigkeit wird sich die Branche 2020 sehr anstrengen müssen.

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