Nachhaltigkeitsdebatte (Gastkommentar)

Klimaschutz ist wichtig – aber nicht das Wichtigste

Rainer Stoll ist CEO des Veranstalters Travel to Nature.
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Rainer Stoll ist CEO des Veranstalters Travel to Nature.

Die gesamte Umweltdebatte, auch in der Reisebranche, verengt sich derzeit auf den Klimaschutz. Dieser darf jedoch nicht der alleinige Heilsbringer eines nachhaltigen Tourismus sein, findet Rainer Stoll, Geschäftsführer und Gründer von Travel to Nature, Birdingtours und For Family Reisen.

Ich finde es fatal, dass wir uns alle inzwischen in die "Klimaecke" drängen lassen, aus der wir nicht herausfinden. Denn das einzige Schlupfloch ist die Kompensation der Flugemissionen. Das aber wird uns oft als "Ablasshandel" ausgelegt, den sich nur Reiche leisten können. Nicht ganz zu Unrecht übrigens.

In der Klimadebatte sind kaum Argumente zu hören, was der Tourismus an Gutem für die Menschheit bringt. Und da gibt es einiges: Humanistisch gesehen hat er positive Aspekte im Hinblick auf die Menschenrechte, insbesondere Frauen profitieren heute vom Tourismus. Überhaupt ist die Zahl der Arbeitsplätze im Tourismus ein Pfund, das es gilt, in die Waagschale zu werfen. Das Verständnis untereinander, zwischen verschiedenen Kulturen, wird gestärkt und ein Kriegsrisiko reduziert. Auch im Artenschutz gibt es Fortschritte durch touristische Aktivitäten – hier möchte ich das Beispiel Island anführen, wo der Waltourismus das Abschlachten der Tiere offenbar verhindert. Touristen achten zudem darauf, dass keine Kinderarbeit unterstützt wird, oder engagieren sich für Projekte, die auf Reisen besucht werden. Minderheiten werden durch den Tourismus geschützt, und viele kleine Bauernfamilien leben vom Handel mit unseren Reisegästen.

Ich bin nicht so blauäugig, um nicht zu wissen, dass in unserer Branche noch sehr viel falsch läuft: Es gibt immer noch Kreuzfahrten, die mit Schweröl ohne Abgasnachbehandlung operieren, es gibt Prostitution im Tourismus und Ausbeutung von Kindern, es gibt Jagdsafaris und viele andere unschöne Arten des Reisens. Gleichzeitig können es sich immer weniger Veranstalter leisten, noch mehr in Nachhaltigkeit zu investieren. Jeder, der in unserer Branche agiert, muss sich anstrengen, besser zu werden: Wo kann ich CO2 einsparen? Brauchen wir noch Inlandsflüge, oder können wir die Wegstrecke mit der Bahn realisieren? Werden meine Dienstleister gerecht bezahlt? Wie steht es um die Menschenrechte in den Destinationen? Wie gehen wir auf unseren Reisen mit dem Thema Müllvermeidung um? Welche Maßnahmen ergreifen wir in Sachen Recycling? Bei der Ressourcen-Schonung müssen wir mehr tun.

Ganz wichtig: Zahlen wir Steuern im Reiseland? Einige Veranstalter nehmen es da nicht so genau und vermeiden es, dort Steuern zu entrichten. Dabei ist es überaus bedeutsam, die Regierungen der Länder mit – hoffentlich gerechtfertigten – Steuermitteln zu versorgen, damit sie eine vernünftige Infrastruktur aufbauen können. Auf diese Weise soll ein selbstbestimmtes und sicheres Leben in den von uns besuchten Ländern ermöglicht werden. Wie essenziell das ist, bekommen wir seit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 mit. Auch diese Sicherheit ist ein Pfund, mit dem wir Touristiker wuchern können.

Ich erachte es als unsere Pflicht, nachfolgenden Generationen einen möglichst großen Gestaltungsspielraum zu hinterlassen. Wir kleine Veranstalter haben es in dieser Hinsicht etwas einfacher, und wir sind Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit. Wenn in den Klimadebatten künftig auch einmal die Worte Menschenrechte, Arbeitsplätze, Gleichberechtigung und Minderheitenschutz fielen, würde ich mich sehr darüber freuen.

Der Gastbeitrag stammt von Rainer Stoll, Geschäftsführer und Gründer von Travel to Nature, Birdingtours und For Family Reisen. 

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Dietmar Rauter
    Erstellt 16. September 2019 09:42 | Permanent-Link

    Wenn alle so denken und handeln wie Kollege Stoll sind wir auf dem richtigen Weg (meint der Oberlehrer) . Die Bezeichnung Nachhaltigkeit bedeutet, daß 'wir' mehr die (Aus-)Wirkungen unseres Handelns erkennen sollten. Und: Wir Mitteleuropäer (Hilfe, die Asiaten kommen jetzt dazu) befinden uns in der priviligierten Situation, sich eigentlich (?) Reisen in ferne Länder leisten zu können (und damit in den bereisten Ländern noch neue Arbeitsplätze zu schaffen) . Und das Streben nach neuen Erfahrungen -und wenn es nur das bessere Wetter an idyllischen Stränden ist- ist per se ja auch nicht verwerflich. Aber: Wieviel Tourismus veträgt z.B. Venedig, der Ballermann, unsere Atmosphäre ? Wer darf und kann sich das leisten ? In einer Wettbewerbsgesellschaft geht alles über den Preis ... Und leben wir in einem auf Solidarität fußenden System ? In Bezug auf das Zusammenleben und Gemeinsinn können wir bei uns noch viel von anderen lernen, sonst wäre die SUV-Frage des Wochenendes kein Thema mehr. Und dazu gehört, unsere Reisegewohnheiten zu überprüfen. Wer entscheidet, wann Wasserstofffahrzeuge in Betrieb gehen können ? Können wir abwarten, bis das alte System abgeschrieben wurde ? Weitere Wortmeldungen sind erwünscht !

  2. Andre Kiwitz
    Erstellt 16. September 2019 21:35 | Permanent-Link

    Rainer, du bringst es auf den Punkt! Danke für diesen gelungenen Kommentar!

  3. Benno
    Erstellt 17. September 2019 01:12 | Permanent-Link

    Ein sehr gelungener Kommentar, Rainer!

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