Manila

Filipinos träumen im Aida-Ausbildungszentrum vom Aufstieg

Ein Auszubildender beim Drapieren von Handtüchern, die in Herzform aufs Bett gelegt werden.
Christiane Engelhardt
Ein Auszubildender beim Drapieren von Handtüchern, die in Herzform aufs Bett gelegt werden.

Beim Umweltschutz ist Aida Branchenprimus. Nun poliert die internationale Arbeitgebermarke öffentlichkeitswirksam auch ihre soziale Seite. Die Rostocker engagieren sich besonders auf den Philippinen. Dort rekrutieren sie einen Großteil ihrer Besatzung. Die Hintergründe. Viele Filipinos träumen von der Mittelschicht

Mit Headlines wie „Hartes Pensum, wenig Lohn“ (Stiftung Warentest) oder „Hier Champagner, da Knochenjob“ („Der Spiegel“) stehen die Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen immer wieder in der medialen Kritik. Tatsächlich arbeiten die meist aus Fernost stammenden Crew-Mitglieder länger und für weniger Geld, als es nach deutschem Arbeitsrecht üblich ist. Da die Reedereien nicht unter deutscher Flagge fahren, sind die Arbeitsbedingungen nach den Gesetzen des jeweiligen Flaggenstaats geregelt. Außerdem überwachen international agierende Gewerkschaften das Geschehen auf den Schiffen. Ein rechtsfreier Raum ist die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff also nicht.

Arbeitskräfte auf Schiffen

Wie viele Crew-Mitglieder auf den Kreuzfahrtschiffen weltweit beschäftigt sind, dazu gibt es keine Angaben. Aber allein beim Marktführer Carnival sind es rund 100.000, darunter 13.500 für Aida. Der zweitgrößte Konzern Royal Caribbean Cruise Line kommt auf 65.000, bei Norwegian Cruise Line sind es rund 30.000. Auch MSC Kreuzfahrten beschäftigt etwa 30.000 Menschen auf den Schiffen. Schätzungen zufolge sind rund ein Drittel davon Filipinos.


Und: Vor allem Mitarbeiter aus Schwellenländern finden auf den Schiffen meist bessere Bedingungen vor als zu Hause, lautet das Argument der maritimen Arbeitgeber. Die Reedereien fahren dabei unterschiedliche Strategien. So nutzt beispielsweise TUI Cruises die Schweizer Firma Sea Chefs für das Recruiting und den Schiffsbetrieb. Aida sorgt dagegen selbst für die Anwerbung und Ausbildung von Personal. Dabei arbeitet sie mit der auf Kreuzfahrt spezialisierten Personalagentur Magsaysay in Manila zusammen.

Aus gutem Grund: Die Filipinos sind als Arbeitskräfte in der Kreuzfahrt begehrt, besonders in Bereichen mit Gastkontakt. Denn sie sprechen Englisch und gelten als freundlich, zuvorkommend und kinderlieb. Und ihre Arbeitskraft ist vergleichsweise günstig zu haben. Rund 400.000 Filipinos arbeiten bereits als Seeleute auf den Meeren dieser Welt. Auf Kreuzfahrtschiffen stellen sie den Großteil des Personals. Bei Aida etwa kommen 34 Prozent der insgesamt 13.500 Crew-Mitglieder aus dem südostasiatischen Inselstaat. 

Strammstehen für Aida: die neuen philippinischen Kadetten.
Christiane Engelhardt
Strammstehen für Aida: die neuen philippinischen Kadetten.

Einer von ihnen ist Martin Yon Aubrey: Sechs Monate arbeitet er an Bord, sechs Monate lebt er bei seiner Familie. Der 31-jährige Sous-Chef heuerte 2009 als Restauranthilfe bei Aida an und arbeitete sich nach oben. Die Trennung von der Familie fällt ihm schwer. „Doch ich bin Aida dankbar“, sagt er, der einst Chancenlose: Er war 16, als er Vater wurde und sein eigener Vater starb. Er hatte keinen Job, kein Geld, keine Zukunft: „Ich war ein mittelloser Taugenichts.“

Jetzt kann er seine Familie ernähren. Oder Leonarda J. Cay, die seit 2006 mit an Bord ist. Sie berichtet von ihrem Aufstieg vom Zimmermädchen zur Hausdame. Die 43-Jährige, heute Gebieterin über 80 Hauswirtschaftskräfte, sagt: „Die Crew ist meine Familie, das Schiff mein Zuhause.“ 
„Wir sind wild entschlossen, die Herausforderung anzunehmen.“
Aida-Kadettinnen Garcia und Principe

Im Vergleich zum Heimatland ist der Verdienst gut: Ein Kellner an Bord verdient 900 US-Dollar bei freier Kost und Logis, Trinkgeld on top, steuerfrei. Wer fortgeschrittene Deutsch-Kenntnisse vorweisen kann, bekommt nochmal rund 200 US-Dollar zusätzlich. Auf den Philippinen liegt der Verdienst laut Magsaysay-Geschäftsführer Marlon R. Rono zwischen 200 und 400 US-Dollar. Reinigungskräfte auf dem Schiff verdienen 700 US-Dollar.

Laut Aida-Unternehmensangaben beträgt die monatliche Arbeitszeit 285 Stunden, damit kommt man auf einen Stundenlohn von 2,50 US-Dollar. In Manila liegt der Mindestlohn zum Vergleich bei nur zehn Dollar am Tag. Für viele junge Filipinos – das Durchschnittsalter im Land beträgt 24 Jahre – gilt ein Kreuzfahrtjob als Eintrittskarte in die Mittelschicht. 
Insgesamt leben laut Zahlen des Länderinformationsportals der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) drei Viertel der 108 Mio. Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Weiter heißt es im GIZ-Portal: „Internationale Wirtschaftsorganisationen und das Gros philippinischer Ökonomen sind sich in dem entscheidenden Punkt darin einig, dass trotz eines zeitweilig starken Wirtschaftswachstums die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft und die Einkommensverteilung, aber auch der Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen wie Trinkwasser extrem ungleich ist.“ Dem Land fehlt eine gesunde Mitte mit bescheidenem Wohlstand – genau das, wovon die jungen Filipinos, die bei Aida anheuern, träumen.

Dieses Argument bringt auch Aida-CEO Felix Eichhorn: „Solide Ausbildung und eine mit philippinischen Maßstäben verglichen gute Bezahlung unserer Crew-Mitglieder sind eine Investition in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Nachhaltigkeit des Landes.“

Martin Henkelmann, Geschäftsführer der deutsch-philippinischen Industrie- und Handelskammer (GPCCI), pflichtet ihm bei: „Der Beitrag der sogenannten Overseas Filipine Workers, kurz OFW, ist für die philippinische Wirtschaft aus makroökonomischer Sicht von hoher Bedeutung. Wenn es um steigende Kaufkraft und eine wachsende Mittelschicht geht, spielen deren Überweisungen in das Heimatland eine große Rolle.“

„Die Crew ist meine Familie, das Schiff mein Zuhause.“
Leonarda J. Cay

Die von der philippinischen Statistikbehörde erhobenen Zahlen für 2018 belegen: OFW überwiesen weltweit rund 29 Mrd. US-Dollar nach Hause. Das sind etwas mehr als neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Allein auf die Seeleute unter den OFW entfielen rund sechs Milliarden US-Dollar. Den Anteil aus Deutschland beziffert Henkelmann vom GPCCI mit 561 Mio. US-Dollar.

Einen Großteil ihres Gehalts werden wohl auch die Aida-Kadettinnen Garcia und Principe nach Hause schicken – die ersten Frauen, die Magsaysay zu Offizieren ausbildet. Die Seefahrtsakademie des Unternehmens bietet insgesamt 300 Plätze an, denen rund 9000 Bewerber gegenüberstehen.

Drei Jahre Akademie, drei Jahre Ausbildung auf dem Schiff – die zierliche Garcia nimmt das harte Training auf sich, um „meiner Familie zu helfen und sie unterstützen zu können“. Principe vermutet, dass sie Heimweh bekommen wird. Doch beide sagen wie aus einem Mund: „Wir sind wild entschlossen, die Herausforderung anzunehmen.“

Neben den akademischen Einrichtungen betreibt Magsaysay eigene Trainingszentren für Gäste-Services. Großauftraggeber für die praktischen Schulungen seiner Crews ist etwa die Aida-Mutter Carnival Corporation.

Im Manilaer Ausbildungszentrum übt sich ein Auszubildender gerade im Drapieren von Badetüchern in Form von Herzen und Pelikanen. Das gehört zu seiner Qualifikation für den Aida-Zimmer-Service dazu. Für ihn ist das Training ein Schritt hin zur Erfüllung seines Lebenstraums: „Ein sicherer Job mit guten Perspektiven“, sagt er und greift zum nächsten Handtuch.

Eine Teamkollegin von ihm beschäftigt indes eher ihr ganz persönliches Tagesziel: „Bettenmachen in fünf Minuten.“ Sie erzählt: „Du kommst nach Hause und weinst, wenn du es wieder nicht in der erforderlichen Zeit geschafft hast. Am nächsten Tag versuchst du es wieder und wieder. Irgendwann schaffst du es. Und das macht dich unglaublich stolz und glücklich.“

Wildwuchs von unseriösen Personalagenturen

Die beiden werden von Aida fest angestellt und nicht – wie sonst häufig – bei einer zwischengeschalteten Agentur. Personalpartner Magsaysay erhält direkt von der Reederei eine monatliche Gebühr für Recruiting- und Ausbildungsleistungen. Unternehmenschefin Doris Magsaysay-Ho betont: „Die Auszubildenden und Arbeiter zahlen keine Gebühren. Wir werden ausschließlich von unseren direkten Auftraggebern bezahlt. Viele Agenturen machen das anders.“

Walter Kuhnert, der seit 25 Jahren in Asien lebt und seit elf Jahren die Oberaufsicht über Ausbildung und Training von Aida-Crews in Asien hat, kann ein Lied davon singen. Viele seiner philippinischen Schützlinge hätten bereits eine Odyssee von einem unseriösen Vermittler zum nächsten hinter sich, bevor sie zu Magsaysay/Aida kämen.

Arbeitskräfte auf Schiffen

Wie viele Crew-Mitglieder auf den Kreuzfahrtschiffen weltweit beschäftigt sind, dazu gibt es keine Angaben. Aber allein beim Marktführer Carnival sind es rund 100.000, darunter 13.500 für Aida. Der zweitgrößte Konzern Royal Caribbean Cruise Line kommt auf 65.000, bei Norwegian Cruise Line sind es rund 30.000. Auch MSC Kreuzfahrten beschäftigt etwa 30.000 Menschen auf den Schiffen. Schätzungen zufolge sind rund ein Drittel davon Filipinos.


Er spricht von einem regelrechten „Wildwuchs von dubiosen Agenturen, die die Notlage arbeitssuchender Filipinos ausnutzen, um sich zu bereichern“. Mit exorbitanten Vermittlungs- und Service-Gebühren etwa oder Bestechungsgeldern, um einen Kontakt zu vermeintlichen potenziellen Arbeitgebern herzustellen.

Gegen solche Praktiken positionieren sich Aida und Magsaysay vehement. Felix Eichhorn: „Wir investieren in bestes Training und soziale Unterstützung, weil wir unser gut ausgebildetes Personal langfristig halten wollen.“ Die Quote jener, die Jahr für Jahr erneut anheuern, spricht dafür: Sie soll laut Magsaysay-Erhebung bei 97 Prozent liegen.

„Learn – Earn – Return“ lautet das Motto von Magsaysay und folgt damit dem Prinzip des Gebens und Nehmens. Doris Magsaysay: „Wir bilden unsere Landsleute aus, geben ihnen einen Job. Und lassen sie wiederkommen. Wir geben ihnen wieder einen Job. Und lassen sie wiederkommen. Wir geben ihnen einen Job …” Immigranten, sagt sie, seien für das Land, das sie ursprünglich ausgebildet habe, verloren: „Aber die Philippinen bekommen ihre Leute zurück.“

Und Aida braucht sie mehr denn je. Vor dem Hintergrund der Flottenerweiterung auf insgesamt 16 Schiffe bis 2023 wird die Rostocker Reederei ihre philippinischen Crews um 50 Prozent aufstocken – das heißt, 5000 Filipinos neu einstellen. 

Von Christiane Engelhardt

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