Rede zum Neujahrsessen der fvw

Der Klimawandel rüttelt an den Grundfesten

Marliese Kalthoff ist Herausgeberin der fvw.
Jan-Timo Schaube
Marliese Kalthoff ist Herausgeberin der fvw.

Für die Reisebranche besteht unverändert die Gefahr, in einem stagnierenden Markt ins Hintertreffen zu geraten. Die Konsolidierung geht weiter. 2020 könnte sich allerdings ein historisches Zeitfenster öffnen. fvw-Herausgeberin Marliese Kalthoff über Hemmschuhe und Wachstumsdimensionen.

Liebe Freunde der fvw, schön, Sie zu sehen. Ihnen allen einen launigen Abend und ein herzliches Willkommen zum 39. Neujahrsessen. Wir reichen mit unserer Tradition also fast an das Lebensalter der Grünen-Partei heran.

Dürfen uns aber, und da verrate ich Ihnen jetzt mal ein Geheimnis, über einen deutlich höheren Marktanteil freuen. Für mich, die Redaktions- und Verlagskollegen, ist es jedes Mal ein wunderbares Vergnügen, mit Ihnen gemeinsam über den Dächern Hamburgs ins Jahr zu starten. Und nun auch noch gleich in ein neues Jahrzehnt.

Jahresauftakt: Stelldichein der Branche beim fvw-Neujahrsessen



Die gute Nachricht vorweg: Die Apokalypse findet nicht statt. Die schlechte: Der heutige Abend bietet die letztmalige Chance, zu entspannen. Im Turbogang geht's weiter. Frei nach dem Motto: Wettbewerb belebt das Geschäft, kein Wettbewerb erst recht.

Natürlich dürfen Sie auch heute Abend gespannt sein, wer der Branche die Leviten liest und Ihnen als Dinner-Speaker die Zeit bis zum Hauptgang verkürzt. Ich sage nur soviel: Er schwimmt nicht gern, taucht dafür umso lieber nach Perlen, liebt den Turbo-Effekt und besitzt einen unwiderstehlichen Charme. Wer kommt? Wir werden sehen. Was kommt? Ebenso.
„Der ethisch-moralische Anspruch ersetzt den sonntäglichen Kirchgang.“
Marliese Kalthoff, Herausgeberin fvw

Ob die 20-er Jahre golden, bunt oder grau werden, wer weiß. Jedenfalls sind Optimismus, Mut und Entschlossenheit weiterhin angesagt, Veränderungen beherzt zu gestalten, alte Strukturen zu durchbrechen und Silos zu verlassen.

Das gesamtwirtschaftliche Fundament ist rissig. Automobil-Industrie, Maschinenbau, Handel und Konsumgüterindustrie – alle Branchen werden sich in den kommenden Jahren strukturell verändern. Der Arbeitsmarkt gerät unter Druck. Der Klimawandel fordert seinen Tribut. Im Gesamtszenario werden Digitalisierung, Demografie und Dynamik einen weiterhin wummernden Dreiklang bilden.

Oder wie es Grünen-Hoffnungsträger Robert Habeck vorhersagt: "Es wird eine Dekade des Umbruchs."

Für das alte Jahrzehnt lassen sich deutliche Paradigmenwechsel konstatieren: Der Wunsch nach autoritativer Führung wächst. Die Angst vor der Globalisierung steigt und der Klimawandel rüttelt an den Grundfesten etablierter Strukturen.

Neue Paradoxien und Widersprüche entstehen

Was in punkto Rente und Pflege nicht klappt, erledigt der Greta-Hype. Die Klima-Debatte wird zum Zerrbild eines Generationen-Konfliktes. Während sich Häme und Hass, verbale Enthemmung und Entgleisung im Netz ausbreiten, gilt umgekehrt: Nie war so viel Scham wie heute. Fliegen, Kreuzfahrten, Fleisch-Konsum, SUV fahren oder Fast Fashion shoppen.

Der ethisch-moralische Anspruch ersetzt den sonntäglichen Kirchgang. Dabei wissen Ökonomen und Verhaltensforscher nur zu gut: Öffentliche Pranger haben noch nie eine Verhaltensveränderung herbeigeführt. Und übertriebener ordnungspolitischer Ehrgeiz und ministerielle Pädagogik schränken die Wahlfreiheit eines mündigen Bürgers ein und verhindern unternehmerische Innovationen.

Die Entfremdung zwischen Politik und Wirtschaft nimmt zu. Die zwischen Wirtschaft und Gesellschaft auch. Und selbst auf die britische Krone ist seit Wochenbeginn kein Verlass mehr. Nach dem Brexit folgt der Megxit. Keep calm and carry on. Das eiserne Prinzip der Queen hätte Siemens-Chef Kaeser in diesen Tagen wohl auch besser beherzigt.

Niemanden wundert also, dass die Männer der Welt erneut Feuer legen. Trump, Putin, Erdogan. USA, Iran, Irak, Russland, Türkei. Köpfe der Macht. Deal-Maker, Despoten, Darsteller. Sie bewegen sich zwischen Provokation und Eskalation. Zwischen Freihandel und Protektionismus. Zwischen Vormacht und Ohnmacht. Mittendrin ein Europa, das zaudernd seine Rolle sucht.
„Was in punkto Rente und Pflege nicht klappt, erledigt der Greta-Hype. Die Klimadebatte wird zum Zerrbild eines Generationen-Konfliktes.“
Marliese Kalthoff, Herausgeberin fvw

Mit Blick auf die Weltbühne steht zu befürchten, dass sich Francis Fukuyama wohl doch geirrt hat, als er nach dem Zusammenbruch des Ostblocks auf die "Alternativlosigkeit des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus" verwies.

30 Jahre später sprechen die Fakten eine andere Sprache. Die US-Amerikaner, einst Vorreiter des Freihandels, überziehen die Welt mit Protektionismus. Das ehemalige Entwicklungsland China schwingt sich zur globalen Wirtschaftsmacht Nummer Eins auf. Krisenbeschwörer sollten sich daher mit John F. Kennedy trösten: "Im Chinesischen enthält das Wort Krise zwei G. Eins steht für Gefahr. Das andere für Gelegenheit."

Die Gefahr? Besteht für die Reisebranche unverändert, in einem stagnierenden Markt ins Hintertreffen zu geraten. Generalisten tun sich schwer, Spezialisten wachsen. Marke und Story müssen stimmen. Dann stehen auch Investoren auf der Matte, wie die 70-Mio.-Euro-Finanzierungsrunde beim Berliner Start-up Tourlane gezeigt hat.

Die Neuordnung dürfte unausweichlich sein. Deshalb droht manche Debatte – sei es Vollkasko-Schutz bei der Pauschalreise, Gutscheine ja oder nein – den Blick auf die künftigen Kraftfelder der Wertschöpfung zu verstellen: Die Zukunft liegt in maßgeschneiderten Individualreisen, Buchbarkeit von Bausteinen und Komponenten, Wertschöpfung in den Destinationen, Ausbau der Kreuzfahrt, Tourismus in Deutschland, Luxus und Nachhaltigkeit.
„Nie war so viel Scham wie heute. Fliegen, Kreuzfahrten, Fleisch-Konsum, SUV fahren oder Fast Fashion shoppen.“
Marliese Kalthoff, Herausgeberin fvw

Vertikalisierung, Spezialisierung und horizontale Kollaboration heißen die Geschäftsmodelle der Zukunft. Ob Veranstalter, Vertrieb oder Leistungsträger: Viele machen sich auf den Weg, sich neu aufzustellen. Wettbewerb findet auch künftig nicht auf der Ruhebank des Verbraucherschutzes statt, sondern agiert global. Denn das internationale Business kennt vor allem die Sieger der Plattform-Industrie: Booking schafft es auf 77 Mrd. Euro Marktwert. Tendenz: weiter steigend. Verfolger wie Expedia, Trivago und andere lecken ihre Wunden.

Selbst auf den Asien-Hype fallen angesichts der Marktmacht der US-Amerikaner lange Schatten. Trotzdem gehen die Chinesen natürlich weiter auf Einkaufstour, wie der jüngste Deal belegt. Der Verkauf der Deutschen Hospitality an Houazou für 700 Mio. Euro. Das ist doch mal ein Deal auf Augenhöhe, lieber Herr El Chiaty. Und in Deutschland? Gibt es mit dem Cook-Scheitern im September in der Insolvenz-geprüften Branche eine historische Zäsur.

Too big to fail – das jahrelange Kalkül, als Milliarden-Konzern und Penny-Stock an der Börse, eine Asset-Light-Strategie zu fahren und Liquidität über tagesaktuelles Cash-Pooling zu sichern, ging nicht auf. Rasend schnell riss das britische Epizentrum die deutschen Gesellschaften mit in den Abgrund.

Beeindruckend flink gelang es umgekehrt, zu retten, was zu retten lohnt. Griffbereit lagen die Pläne bei allen in der Schublade. Liebe Frau Berk, lieber Herr Dr. Seeliger, niemand wollte mit Ihnen tauschen, mehrere tausend Mitarbeiter nach Hause schicken zu müssen.
„Manche Debatte droht den Blick auf die künftigen Kraftfelder der Wertschöpfung zu verstellen.“
Marliese Kalthoff, Herausgeberin fvw

Umsätze wurden verteilt, Know-how und gute Köpfe gesichert. Neben der längst überfälligen Gewerbesteuer-Rückzahlung verschafft das für 2020 ein bisschen Luft. Auf der Strecke blieben belastbare Geschäftspartnerschaften mit Hoteliers und Kunden. Das Vertrauen wurde erschüttert. Die Summe der Provisionsausfälle spricht Bände.

Anlass genug, wie Sören Hartmann im Roundtable-Gespräch mit der fvw einwarf, schwarze Schafe künftig stärker in die Pflicht zu nehmen. Und dennoch besteht kein Grund, eine ganze Branche unter Generalverdacht zu nehmen. In Sachen Condor bleiben die kommenden Wochen weiterhin spannend. Steigt ein Finanzinvestor ein, ein Family-Office oder müssen die Veranstalter in die Bresche springen?

Die profunde Aufbereitung der Folgen, Hintergründe und Konsequenzen für den Markt haben in den vergangenen Monaten viele neue Leser von fvw und Travel Talk interessiert. Die abonnierte und bezahlte digitale Reichweite der fvw stieg 2019 um mehr als 60 Prozent auf rund 1,5 Mio. PIs im Monat.

Der Counter-Cube konnte mit Akademie und Destinationsinfos die Reichweite um ein Vielfaches ausbauen. Das spornt uns an, Ihnen weiterhin Tempo und Tiefe und neue digitale Angebote zu liefern, im zweiten Quartal auch mit einem komplett neu aufgestellten fvw Magazin.

Und die Gelegenheiten 2020?

Die K-Fragen hängen nicht nur am Schwarzen Brett der Politik. Konsolidierung, Kundengeldabsicherung, Kooperation und Klima. Die Geschwindigkeit beim Um- und Ausbau der Geschäftsmodelle, die Sicherung von Finanzierung und Investitionen in aussichtsreiche Assets, bleiben der Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg.

Der Preis- und Margendruck steigt in allen Segmenten weiter. Die Klima-Generation verändert den Konsum.

Im Airline-Bereich belasten Green Deal, Luftverkehrssteuern und erwartete Rückgänge der Passagierzahlen. Zusätzlich lastet das Boeing 737 Max – Desaster auf vielen Airlines. Neue kleine Player werden auf den Markt drängen und das Ferienfluggeschäft unter Druck setzen. Das diskutieren wir übrigens mit hochkarätigen Köpfen in zwei Wochen auf dem European Aviation Symposium.
„Im Online-Kanal spricht vieles dafür, dass sich der Steigflug eines Check 24 fortsetzt und die Turbulenzen bei den heimischen OTA verstärkt. “
Marliese Kalthoff, Herausgeberin fvw

Und die Gelegenheiten im Vertrieb?

Im Online-Kanal spricht vieles dafür, dass sich der Steigflug eines Check 24 fortsetzt und die Turbulenzen bei den heimischen OTA verstärkt. Für einige wird der Grat zwischen Investitionen in die Markenwahrnehmung und Liquidität immer schmaler.

Für den stationären Vertrieb könnte sich dagegen ein historisches Zeitfenster öffnen. Alle ernst zu nehmenden Player haben im vergangenen Jahr konsequent die Weichen für den Aufbau von Plattformen gestellt. Gelingt es den Kooperationen, ihre Gesellschafter über die kommenden Jahre bei Laune zu halten und ein belastbares Daten-Management aufzubauen, dann liegen Wettbewerbsvorteile auf der Hand.

Ohne Kooperation mit Spezialanbietern, einer intelligenten Kundenansprache, Pre- und After-Sales-Konzepten, Aufbau von Eigenveranstaltern und besserer Sichtbarkeit der Vertriebsmarke dürfte es allerdings nicht gehen.

Sitzt der Vertrieb künftig im Driver Seat des Porsche Taycan oder auf dem Rücksitz eines Tandems? Der Erfolg wird davon abhängen, wie schnell die Anbindung der Reisebüros gelingt, um neue Sortimente aufschalten und die notwendigen Bündelungs- und Steuerungseffekte erzielen zu können. Unbestrittenen bleibt der Charme, sich perspektivisch aus dem engen Korsett der Handelsvertreter-Rolle befreien und moderne Retail-Konzepte aufbauen zu können.
„Es gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen.“
Erich Kästner

Die Zukunft steht also für 2020 weit offen. Und es liegt an uns allen, ob die 20er golden, bunt oder grau werden. Es hilft auf Erich Kästner zu setzen, der davon überzeugt war: "Es gibt nicht nur die ewig Gestrigen, es gibt auch die ewig Morgigen."

Die Lust, zu reisen, wächst. Die Art des Reisens verändert sich. Untrennbar aber bleiben Freiheit und Reisen miteinander verbunden. Deshalb wünsche ich Ihnen von Herzen den Schwung der ewig Morgigen, Sensibilität in punkto Freiheit, Elan, Humor und Mut.

Haben Sie ein wunderbares 2020, unternehmerische Fortune und Lust, sich in die Debatte über die Zukunft einzumischen.

Ein fröhliches Salute auf 2020!


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3.
Marliese Kalthoff
Erstellt 21. Januar 2020 17:41 | Permanent-Link

Lieber Jens Hulvershorn,
es ist Tradition, dass die Dinner Speech bewusst im Kreis der Gäste bleibt, damit Redner und Themen keine politischen Rücksichten nehmen (müssen). Aber vielleicht lohnt eine persönliche Nachfrage bei Karl J. Pojer.
Besten Gruß nach Kiel!

2.
Wolfgang Hoffmann
Erstellt 21. Januar 2020 11:33 | Permanent-Link

...eine beachtliche Rede. Und immer wieder Hinweise auf die Anforderungen, die der Klimawandel und die Umweltbelastung hervorrufen.
Dabei sei zu ergänzen, dass von allen Industrien weltweit die Tourismusindustrie zu denen gehört, die am flexibelsten neuen Parametern folgen kann. Unsere Angebote an den Markt, unsere Produkte sind im höchsten Maße anpassungsfähig. Und der Vertrieb ist ein Chamäleon - wenn nicht der Vertrieb, die Reisebüros die sind, die die Veranstalter und Leistungsträger überhaupt in eine Touristik 4.0 coachen. Gemeinsam geht es natürlich optimal. Dann merken unser Kunden schneller, dass wir voll da sind, voll im Thema, auf der Höhe der Zeit. Gehen wir es an! Bezeichnend ist ja schon, wer da bei dem Neujahrstreffen anwesend war. Respekt!

1.
Jens Hulvershorn
Erstellt 21. Januar 2020 07:28 | Permanent-Link

Liebe Marliese,
auch wenn ich sie dieses Jahr leider nicht live hören konnte - tolle Rede! Aufrüttelnd und doch optimistisch. Gibt es die Key Note von Herrn Pojer auch zur Einsicht?
Viele Grüße und ein buntes 2020!
Jens

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