Meinungsdebatte

Braucht es wirklich Fluggastentschädiger?

Die fvw-Redakteure Rita Münck und Tobias Pusch kommentieren ihre Sicht auf die Fluggastentschädiger.
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Die fvw-Redakteure Rita Münck und Tobias Pusch kommentieren ihre Sicht auf die Fluggastentschädiger.

Ist der Flugmarkt durch die Fluggastportale ein Stück gerechter geworden? Oder handelt es sich um Wegelagerer, die sich durch eine hohe Provision auszeichnen? Die fvw-Redakteure Tobias Pusch und Rita Münck liefern sich ein Pro und Contra.

Tobias Pusch: Ohne Portale keine Gerechtigkeit

Als Self Loading Cargo – selbst ladende Fracht – soll Ryanair-Chef Michael O’Leary einmal seine Passagiere bezeichnet haben. In diesem Sommer wurde deutlich, was passiert, wenn diese zynische Sichtweise flächendeckend Einzug hält. Die Fluggäste werden zur Verschiebemasse, die irgendwie in den Ablauf der Airline reingequetscht wird. Service? Komfort? Flugerlebnis? Ein schöner Traum! Denn es wird nicht einmal mehr das Minimum geboten: eine pünktliche Beförderung.

Auf diesem Nährboden gedeihen die Fluggastportale. Sie helfen den geschädigten Passagieren dabei, an ihr Geld zu kommen. Daran ist nichts Schändliches, zumal die Airlines sich oft mit Händen und Füßen gegen diese Ansprüche wehren.

Natürlich sind die happigen Entschädigungssätze für die Fluggesellschaften schmerzhaft, teilweise sogar existenzbedrohend. Aber die Höhe ist angemessen. Durch sie soll verhindert werden, dass Airlines viel zu knappe Flugpläne stricken und so auf Kosten der Passagiere ihren Profit maximieren. Dass es trotzdem zu so einem Chaossommer wie 2018 kommen konnte, zeigt eher, dass der finanzielle Schmerz für viele Airlines offenbar noch nicht groß genug ist.

Wenn man die Entschädigungssätze nun – wie von den Fluggesellschaften gefordert – senkt, dann würden die Portale rasch sterben. In der Folge würden die Airlines ihre Kunden wieder am langen Arm verhungern lassen und Flugpläne bestenfalls als unverbindliche Empfehlung betrachten. Das kann nicht die Lösung sein. Stattdessen muss die Luftfahrt wohl damit leben, dass die Portale mit ihrem aggressiven Auftreten auch dabei helfen, unredlich agierende Airlines aus dem Markt zu drängen – und somit für etwas mehr Gerechtigkeit im brutalen Wettbewerb am Himmel sorgen.

Rita Münck: Die reinste Wegelagerei

Der Sommer 2018 war ohne Zweifel ein besonderer mit Blick auf den Flugverkehr. Mit aller Macht haben Airlines versucht, die Lücken nach der Air-Berlin-Insolvenz zu schließen. Und keine Frage, einige haben sich dabei übernommen und wurden unzuverlässig.

Doch der Sommer 2018 war auch ein besonderer, weil sich – so deutlich wie nie – gezeigt hat, wie sehr das System Luftfahrt überlastet ist: Es gibt zu wenige Fluglotsen, zu viel Flugverkehr und zu langsame Passagierkontrollen. All das führte und führt auch zu Chaos und hat nun sogar Vertreter aus Politik und Luftfahrt zum Gipfeltreffen zusammenkommen lassen.

Angesichts dessen kommt das Gebaren der Fluggastentschädiger wie blanker Hohn daher: Sie freuen sich in ihren Mitteilungen geradezu über die vielen Flugausfälle und Verspätungen. Denn damit verdienen sie ihr Geld. Stellvertretend für Passagiere fordern sie deren Ansprüche laut EU-Fluggastrechte-Verordnung ein – und kassieren dafür bis zu 50 Prozent Provision.

Verbraucherschutz ist zweifelsohne ein hohes Gut. Aber er sollte auch ohne besagte Wegelagerer funktionieren. Die Deutsche Bahn macht es vor und verteilt bei Verspätungen von mehr als einer Stunde entsprechend Formulare an die Reisenden. Hier könnte die Luftfahrt von der Bahn lernen. Doch nicht nur da. Auch mit Blick auf die Entschädigungshöhen, die Brüssel einst festgelegt hat. Sie orientieren sich im Bahnverkehr prozentual am Ticketpreis. Das ist fair. In der Luftfahrt hingegen werden je nach Flugdistanz 250, 400 oder 600 Euro fällig. Nicht selten sind diese Pauschalen höher als zuvor die Ticketpreise. Da wundert es nicht, dass sich zum einen eine ganze Branche nur mit dem Thema beschäftigt und zum anderen nicht jede Airline den Sommer 2018 überlebt hat.

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