Zukunftsforscher Jánszky im Interview

Bei der Digitalisierung gibt es eine Realitätslücke

Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky leitet die 2b AHEAD ThinkTank GmbH.
2b Ahead
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky leitet die 2b AHEAD ThinkTank GmbH.

Als Thinktank für die Wirtschaft prognostiziert das Zukunftsforschungsinstitut 2bAhead große Effizienzsprünge durch Technologie und Datennutzung. Voraussetzung ist allerdings, dass deutsche Unternehmen wirklich den Mut finden, es anzupacken.


Haben Sie ein Beispiel?
Wenn ich genaue Daten habe, wie viele Flaschen ich von Sekt A am nächsten Samstag im Supermarkt verkaufe, werde ich dem Hersteller nur noch diese Menge abnehmen und mir die Lagerhaltung sparen. Auch die Warenpräsentation werde ich danach ausrichten. Nutze ich zusätzlich Bewegungsdaten vom Kunden, kann ich ihm bis zur Kasse spezielle Angebote machen.

Und was verändert sich durch KI?
Wer in fünf bis acht Jahren vom Kunden Echtzeitdaten und Kassenzettel bekommt, kann mit wirklich ganz wenig künstlicher Intelligenz prognostizieren, was dieser in fünf Tagen kaufen wird. Sobald digitalaffine Händler diese Muster und Verbrauchsrhythmen erkennen, warten sie natürlich nicht mehr, bis der Kunde am Samstag wieder in den Laden kommt, sondern schicken ihm seinen Warenkorb schon Freitagabend.

Elektronische Kassendaten können Händler doch seit Jahren nutzen...
Ja, aber sie haben sie nicht mit den Menschen verbunden, mit Namen und Adressen. Wir Zukunftsforscher reden uns seit Jahren den Mund fusselig, das zu tun, bevor die Amazons und Alibabas mit stationären Läden nach Deutschland kommen.

Dennoch halten Sie den deutschen Handel für fortschrittlich, was den Einsatz künstlicher Intelligenz angeht.
Ja, der Handel war eine der ersten Branchen, die Predictive Software eingesetzt hat. Aber vielen reicht es, Logistik und Warenlieferung zu optimieren. Dabei bieten Kundendaten den viel stärkeren Hebel für neues Geschäft. Aber da passiert nichts. Das machen Amerikaner und Chinesen.

Woran liegt das?
An falsch verstandenem Datenschutz. In anderen Ländern sagt man: ‚Lieber Kunde, ich habe hier einen Nutzen für dich und brauche dafür deine Daten.‘ Meist stimmen die Kunden zu. Wir Deutschen haben oft eine Schere im Kopf und fragen gar nicht erst, weil wir glauben, dass der Kunde nein sagt. Bei Amazon tut er das nicht.


Modehändler wie Otto setzen Predictive Pricing längst ein. Lohnt es sich denn, den Joghurtpreis tagsüber um ein paar Cents schwanken zu lassen?
Nach meiner Vorstellung machen die Händler bald das Geschäft nicht mehr mit dem Menschen, sondern dessen digitalem Einkaufsassistenten und der reagiert auf feine Preisunterschiede.

Wie verändert sich das Angebot?
Kommt in drei Jahren das selbstfahrende Auto, kann jeder Tante-Emma-Laden einen kostenlosen Lieferdienst anbieten. Der Markt wird sich spalten in Versorgungshandel und Premiumhandel. Wer ein Geschäft betritt, tut das nur noch, um seine Identität auszudrücken im Sinne von Öko, sportlich, kosmopolitisch, Genussmensch, reich etc.. Dort verbringt man ein paar Stunden, verzehrt etwas, nutzt Dienstleistungen.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?
Im Premium-Segment muss es auf jeden Fall mehr Mitarbeiter geben als heute. Sie sind Coaches, Begleiter für eine Lebenswelt und werden über höhere Margen bezahlt. Im Bio-Supermarkt kann man sich mit ihnen über den besten Anbau von Möhren unterhalten, vielleicht gibt es hier ein Beet oder Gartenanbaukurse. Die Mitarbeiter in Sportläden sind trainiert, tragen Sportkleidung, können Ernährungstipps geben und Trainings empfehlen.

Und im Massensegment?
Dort sind Mitarbeiter nicht mehr notwendigerweise im stationären Laden zu finden. Datenanalyse ist gefragt, um neue Kundennutzen auszulesen, zu generieren, und in Payment und Logistik zu integrieren.

Das hört sich nach dem Abbau von Arbeitsplätzen an. Warenkörbe werden ja wahrscheinlich die Roboter packen?
Nein, nicht jeder Robotereinsatz wird sich in den nächsten zehn Jahren wirtschaftlich lohnen. Im Massenbereich wird es weniger Regaleinräumer geben, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit viel mehr Leute in der Entwicklung digitaler Services.

Und wo finden Händler die IT-Talente? Der Markt ist doch leer gefischt.
Das betrifft alle Branchen und hängt wieder mit einem deutschen Phänomen zusammen: Wir denken, dass IT-Kompetenz nur bei einer besonderen Spezies von Menschen vorkommt. In den USA dagegen können Menschen in einer dreimonatigen Weiterbildung Programmieren lernen. Sie erreichen genau das Level, das für den Handel reichen würde. In China ist Programmieren schon in der Grundschule Pflichtfach. Würden wir heute damit anfangen, könnte bald jeder Schüler programmieren.

In Deutschland wird nach wie vor erst ein Prozent der Lebensmittel online eingekauft. Können wir uns da nicht einen Sonderweg leisten?
Bislang halten die niedrigen Margen noch die Angreifer aus dem Ausland ab. Aber wenn die Segmente mit höherer Spanne ausgeschöpft sind, werden sie aktiver werden. Wir werden spätestens dann überrannt, wenn der Lieferdienst kostenlos und die Logistik gelöst ist.

Sie warnen vor einer Realitätslücke zwischen deutscher Sicht und dem, was in puncto Digitalisierung in der Welt bereits passiert. Wie schließt man sie?
Genau dafür ist meine Zunft der Zukunftsforscher da. Wir erstellen erst ein Zukunftsbild der Branche in fünf oder zehn Jahren und fragen dann das Unternehmen, was es 2022 oder 2023 tun muss, um dorthin zu kommen. So erreicht man die rote Linie. Üblicher sind immer noch Fünf-Jahres-Strategien auf Basis des Umfelds heute und der jüngsten Vergangenheit. Damit landet man auf der blauen Linie und kann lediglich den Status Quo leicht verbessern.

Wieviel hat Digitalisierung für Sie mit Kulturwandel zu tun?
Darüber wird aus meiner Sicht viel zu viel geschwätzt. Mit Bällebad und Krawattenverzicht hat er nichts zu tun. Vielmehr geht es um die Veränderung der Denk- und Verhaltensmuster in den Köpfen der Menschen, ihren tief liegenden Routinen.

Übernehmen wir Kulturprojekte, lassen wir die Leute gern aufschreiben, nach welchen Denk- und Verhaltensmustern sie handeln und fragen dann: ‚Nach welchen Denk- und Verhaltensmustern müsstet ihr Euch richten, um Euer Zukunftsbild zu erreichen? Alten Mustern zu folgen, muss vereitelt werden: Möchte ein Handelsunternehmen erreichen, dass nur noch digital bestellt wird, muss es den Papierweg abschaffen.

Nach Ihrer Prognose spaltet der Fachkräftemangel die Arbeitgeber in fluide Unternehmen und Caring Companys.
Ja, in den nächsten zehn Jahren fehlen uns drei Millionen Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Es sieht nicht so aus, als ob die Politik an Stellschrauben wie mehr Zuwanderung oder höheres Rentenalter drehen würde. Angebot und Nachfrage werden den Markt noch viel deutlicher prägen als die Stories über Generation Z oder Y. Ressourcenstarke Unternehmen in den Großstädten haben die Macht und werden sehr professionell werden im Anziehen und Abstoßen der benötigten Projektarbeiter.

Kleinere Unternehmen auf dem Land haben diese Möglichkeit nicht?
Nein, Sie müssen zu Caring Companies werden, die ihre Arbeitskräfte über soziale Bindung festhalten: Wer für einen Jobwechsel erst seine Kinder aus der betriebseigenen Kita, die Eltern aus dem Senioren-Service nehmen und die Werkswohnung aufgeben muss, bleibt eher. Das mag teuer sein, ist aber billiger, als ständig Mitarbeiter zu verlieren.

Was wird die Digitalisierung hierzulande begünstigen, was hemmt sie?
Deutschland versteht Technik, wenn es will. Bei jedem neuen Technologieschritt haben wir also das Potenzial, wieder mit vorn dabei zu sein. Aber in der Vergangenheit hat Deutschland sich aus wichtigen Technologiefeldern wie Atomenergie, KI, Quantencomputer, Gen- oder Batterietechnik herausgezogen. Das waren bewusste Entscheidungen.

Es war nicht so, dass die Chinesen oder Amerikaner die Dinge eher entdeckt hätten. Je stärker Technologie die Welt treibt und je stärker Deutschland sich zurückhält, desto größer wird die Lücke. Aber ich bleibe Berufsoptimist und sehe meine Aufgabe darin, Unternehmen zu Veränderungen zu motivieren.

Dieser Artikel stammt aus der ebenfalls in der dfv Mediengruppe erscheinenden Lebensmittel Zeitung.

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