Reiseversicherung

"Gerade bei Jüngeren wächst der Bedarf an Reiseschutz"

Katharina Jessel verantwortet seit Januar 2021 als Vorstandsmitglied die Kranken- und Reiseversicherung im Konzern Versicherungskammer, zu dem die Union Reiseversicherung (URV) gehört. Zuvor leitete die Sales-Expertin den Bankenvertrieb von Allianz Deutschland in allen drei Sparten Lebens-, Sach- und Krankenversicherung.
URV/Stefan Heigl
Katharina Jessel verantwortet seit Januar 2021 als Vorstandsmitglied die Kranken- und Reiseversicherung im Konzern Versicherungskammer, zu dem die Union Reiseversicherung (URV) gehört. Zuvor leitete die Sales-Expertin den Bankenvertrieb von Allianz Deutschland in allen drei Sparten Lebens-, Sach- und Krankenversicherung.

URV-Vorständin Katharina Jessel erklärt in ihrem ersten Interview für die Touristik, weshalb die Pandemie einer Bergbesteigung gleicht, warum Revenge Travel zunimmt und welcher Reiseschutz dazu passt.

Frau Jessel, Sie verantworten seit Januar als Vorständin das Geschäft der URV. Teilen Sie den neuen Reiseoptimismus, der derzeit wächst?
Katharina Jessel: Bisher lief es wie bei einer Bergbesteigung. Es ging steil bergauf, dann wieder bergab. Dennoch bewegen wir uns nach vorn. Ich selbst habe schon im November mit der Familie einen Griechenland-Urlaub für die Zeit ab Ende August gebucht – und glaube fest daran, dass er stattfinden wird.

Für wann erwarten Sie eine echte Normalisierung des Tourismus?
Wir werden im Spätsommer und spätestens im Herbst einen Aufschwung sehen, weil das Impfen vorangeht. Als sehr stark erwarte ich die klassische Frühbucherphase ab November für das Reisejahr 2022. Es gibt einen hohen Nachholbedarf, der auf Englisch mit dem Begriff Revenge Travel, also wörtlich "Rachereisen", umschrieben wird. Zu Deutsch: Die Menschen wollen die asketische Phase hinter sich lassen und endlich wieder reisen.

Welche Reiseschutzart wird davon am stärksten profitieren?
Meine Prognose ist, dass der Rücktrittsschutz eine extreme Bedeutung erhält, weil auch die Reisepreise anziehen werden. So billig wie bisher kann und wird das Reisen nicht bleiben. Neben der anziehenden Nachfrage gibt es weitere Treiber, die es verteuern dürften, etwa ein zunächst geringeres Angebot gerade bei Flügen oder die Bestrebung des Staats, Pauschalreisen über den geplanten Sicherungsfonds voll abzusichern, um Enttäuschungen wie durch die Thomas-Cook-Insolvenz zu verhindern.

Wird ein günstiger Preis nicht doch der stärkste Absatzhebel bleiben?
Alle Veranstalter sitzen in einem Boot. Das spricht gegen Rabattschlachten. Ich vergleiche die Lage mit meinen Erfahrungen aus der Kfz-Versicherung: Wenn die Schadenquoten hoch sind, gibt es keinen Preiskampf, weil niemand dauerhaft Verlust machen kann. Auch in der Touristik sind die Spielräume nach Corona kleiner geworden.

Hat sich das Schutzbedürfnis der Reisenden verändert?
Das Bewusstsein für Reiserisiken ist deutlich gestiegen. Das gilt gerade auch für jüngere Menschen. Von ihnen erwarten wir eine wachsende Nachfrage. Generell gilt: Wer eine teure und somit kostbare Reise bucht, wird sie mit der Pandemieerfahrung im Hinterkopf eher versichern wollen.

Mit welchen Produkten reagiert die URV auf die neuen Bedürfnisse?
Kernprodukt der URV ist und bleibt die Reiserücktrittsversicherung. Mit Covid-19 Protect hat die URV eine ergänzende Deckung bei Reiserücktritt und Abbruch auf den Markt gebracht. Sie enthält seit Februar erweiterte Leistungen. Unter anderem wurde der Kreis der Risikopersonen deutlich ausgedehnt. Ebenso wichtig ist der Schutz während der Reise. Deshalb hat die URV die Auslandsreisekrankenversicherung um das Servicepaket Medical Protect ergänzt. Es enthält sechs Zusatzleistungen, etwa eine digitale Sprechstunde und einen Assistenten für den Rücktransport. Das Thema Assistance im Ausland sehen wir generell als klaren Wachstumsmarkt, ebenso den Bereich Busreise.

Wie unterstützt die URV ihre Partner beim Weg aus der Krise?
Unser Vertriebsteam stand seit Beginn der Krise im ständigen Austausch mit unseren Vertriebspartnern. Mit der Lockerungen der Corona-Bestimmungen wird seit Mitte Mai die Kommunikation mit den Partnern vor Ort intensiviert. Zugleich bewältigen wir eine Welle von bis zu 50 Prozent Umbuchungen bezogen aufs Kalenderjahr 2020, da wir mit Regelungen zur Umbuchung oder zum Einfrieren des Versicherungsschutzes vielen Agenturen im ersten und im zweiten Lockdown die Einnahmen retten konnten.

Wie herausfordernd sind die coronabedingten Umbuchungen?
Oft wollen Reisende nicht mehr den ursprünglich gebuchten, sondern einen anderen Urlaub. Wenn der Schutz dafür nicht ausreicht, kann immer aufgestockt werden. Im umgekehrten Fall, der bislang selten auftritt, bitten wir das Reisebüro, sich zu melden. Wir versuchen dann, eine gute Lösung im Sinne der Reisenden und des Vertriebspartners zu finden. Die Kollegen im Backoffice sorgen dann für eine reibungslose Abwicklung.

Welche Rolle spielt künftig der Vertrieb über Reisebüros?
In welche Urlaubsländer lässt sich sicher reisen? Welche Regeln gelten in der jeweiligen Destination? Gerade jetzt können Reisebüros mit ihrem Fachwissen glänzen. Die Beratung wird aber zunehmend um digitale Tools wie die Videoberatung erweitert werden. Ich bin überzeugt, wenn sich die Reisebüros digital entwickeln, haben sie eine hervorragende Zukunft.
Kommentare

Sie müssen sich einloggen oder registrieren, um kommentieren zu können.

stats