In eigener Sache

Warum und wie fvw|TravelTalk gendert

Auch der Duden befasst sich in mehreren Publikationen mit gendern.
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Auch der Duden befasst sich in mehreren Publikationen mit gendern.

Gendersternchen und Doppelpunkt spalten die Nutzer von Medien. Beziehungsweise die Nutzerinnen und Nutzer. Oder die Nutzer:innen. Vielleicht auch die Leserschaft. Vor allem auf den digitalen Plattformen gilt für immer mehr Redaktionen: Gendern ist Pflicht. Wer sich um eine gendersensible Sprache bemüht, erntet Anerkennung – und zugleich lauten Protest. Wie also umgehen mit diesem polarisierenden Thema?

Die fvw|TravelTalk-Redaktion hat gemeinsam mit ihren Schwester-(Bruder?)Titeln der dfv Mediengruppe eine Umfrage bei Leserinnen und Lesern gemacht, wie sie das derzeit viel diskutierte Thema bewerten.


Schließlich geht es um Sie, um Ihr Leseerlebnis. Und unser Journalismus, so haben wir es erst kürzlich in sieben Publizistischen Grundsätzen festgelegt, ist keine Einbahnstraße, sondern Kommunikation auf Augenhöhe. Wir trauen uns ein Urteil über Ihr Business zu. Und wir nehmen Ihr Urteil über unsere Arbeit ernst.



Also auf in die Debatte! Unsere Tochtergesellschaft Business Target Group (BTG) hat unter Leitung der Marktforscherin Mareike Wisniewski eine repräsentative Online-Befragung unter den Nutzerinnen und Nutzern der dfv-Titel durchgeführt. Dazu gehören neben fvw|TravelTalk etwa die Lebensmittel Zeitung, Textilwirtschaft, Horizont, ahgz und ABZ Allgemeine Bäckerzeitung.
Über die Studie:

Die Business Target Group (BTG) hat im Zeitraum 12. November bis 8. Dezember 2021 eine repräsentative Online-Befragung unter den Nutzerinnen und Nutzern zahlreicher Titel der dfv Mediengruppe durchgeführt. Insgesamt nahmen 2162 Personen teil, davon 340 aus der fvw|TravelTalk-Community.


Die wichtigsten Ergebnisse: Mehr als zwei Drittel der (überwiegend) Führungskräfte, die wir in unterschiedlichen Branchen befragt haben, finden, dass sie Wichtigeres zu tun haben als sich mit gendergerechter Sprache auseinanderzusetzen. Zu ähnlichen Ergebnissen waren in der Vergangenheit auch Studien gekommen, die für die gesamte Bevölkerung repräsentativ sind, etwa von Allensbach oder der Forschungsgruppe Wahlen. Aber ein knappes Drittel unserer Zielgruppen ist anderer Ansicht: Die Auseinandersetzung mit diesem Thema sei wichtig oder sogar sehr wichtig. Eine Minderheit, aber keine Randgruppe. Etwa so groß wie der Anteil jener Partei, die nach der jüngsten Bundestagswahl den Kanzler stellt.
„Für Menschen, die in der Touristik aktiv sind, ist die Genderfrage weniger wichtiger als in anderen Branchen. Nur 20 Prozent der insgesamt 340 Befragten finden Gendern wichtig oder sehr wichtig.“
Sabine Pracht, Chefredakteurin fvw|TravelTalk

Soweit ein zentrales Ergebnis der Studie über die ganze Breite der etwa 100 dfv-Titel hinweg. Unterschiedliche Zielgruppen haben allerdings unterschiedliche Prioritäten: Die fvw|TravelTalk-Community tickt anders als die der Lebensmittel Zeitung oder der Textilwirtschaft, das Fashion-Business wiederum anders als die Hotel- und Gastronomiebranche.

Deshalb jetzt der Fokus auf das fvw|TravelTalk-Publikum: Für Menschen, die in der Touristik aktiv sind, ist die Genderfrage weniger wichtiger als in anderen Branchen. Nur 20 Prozent der insgesamt 340 Befragten finden Gendern wichtig oder sehr wichtig. 64 Prozent halten das Thema für unwichtig, 16 Prozent für weniger wichtig.

Bei der fvw|TravelTalk-Umfrage haben 340 Leserinnen und Leser teilgenommen.
fvw
Bei der fvw|TravelTalk-Umfrage haben 340 Leserinnen und Leser teilgenommen.


Und nun? 80 zu 20, die Sache ist entschieden? Das wäre zu einfach. Unsere Zeitschrift, die Website, unsere Newsletter, unsere Social-Media-Inhalte produzieren wir sowohl für die Mehrheit der 80 Prozent als auch für die (mutmaßlich wachsende) Minderheit der 20 Prozent. Kann es bei diesem hoch emotionalen Thema Kompromisse geben? Also journalistische Formen, die all den Frauen gerecht werden, die nicht mehr nur mitgemeint, sondern auch mitgenannt sein wollen? Und geht das, ohne dass sich die Mehrheit der Gender-Skeptiker (Skeptikerinnen gibt es auch) aus dem Dialog ausgeschlossen fühlen?

Wir haben weitergefragt: Wie könnte denn eine gendersensible Sprache beschaffen sein, die den Konsens sucht? Vier Varianten haben wir in unserer Befragung in einem kurzen Text zur Auswahl gestellt:
1. Das traditionelle generische Maskulinum. Beispiel: Wir schreiben und sprechen von Entscheidern. Entscheiderinnen sollen sich selbstverständlich auch angesprochen fühlen.
2. Wir nennen systematisch beide Geschlechter: Also schreiben und sprechen wir von Entscheidern und Entscheiderinnen, gern auch in umgekehrter Reihenfolge.
3. Wir vermeiden geschlechtsspezifische Begriffe, wo es geht und verwenden stattdessen geschlechtsneutrale Formulierungen: statt Entscheiderinnen und Entscheidern verwenden wir zum Beispiel den Begriff Führungskräfte.
4. Wir gendern mit dem Doppelpunkt – Entscheider:innen. Das ist das sichtbarste Zeichen der gendergerechten Sprache. Es könnte auch ein Sternchen oder das Binnen-I sein, aber aus Gründen der Übersichtlichkeit haben wir uns auf eine dieser Schreibweisen konzentriert.

Das Ergebnis der Befragung entspricht auf den ersten Blick den Erwartungen. Zunächst die Mehrheit der Gender-Skeptiker: Sie würden am liebsten am traditionellen generischen Maskulinum festhalten – kein Wunder. Interessant ist aber, dass als Alternative in dieser Gruppe die geschlechtsneutrale Formulierung ("Führungskräfte") auf Zustimmung stößt, und zwar in allen Kategorien, die wir abgefragt haben: Lesbarkeit/Verständnis des Textes, Lesefluss und Ästhetik. Die Nennung beider Geschlechter landete – ebenfalls in allen Kategorien – auf dem dritten Platz, der Doppelpunkt abgeschlagen am Schluss.

Anders fällt – auch das erwartungsgemäß – das Bild bei denen aus, die gendersensible Sprache prinzipiell befürworten. Aber Achtung: Der Doppelpunkt ist in dieser Gruppe keineswegs die favorisierte Lösung, sondern (wiederum in allen Kategorien) die geschlechtsneutrale Formulierung. Erst auf Platz zwei folgt der Doppelpunkt, das generische Maskulinum und die regelmäßige Nennung beider Geschlechter rangieren auf den letzten Plätzen.

Das Bemühen um geschlechtsneutrale Formulierungen steht also bei den Gender-Befürwortern auf Platz eins, bei den Kritikern immerhin auf Platz zwei.

Studierende statt Studenten sind inzwischen zum sprachlichen Standard geworden, an Mitarbeitende statt Mitarbeiter können sich womöglich auch Sprachästheten gewöhnen, Beschäftigte können Arbeitnehmer (und Arbeitnehmerinnen) ersetzen, Führungskräfte, Menschen und Leute sind Begriffe, die niemanden ausschließen und den Lesefluss nicht stören.

Der Doppelpunkt dagegen ist für die Gender-Skeptiker offenkundig eine Provokation, sie lehnen diese Form ähnlich vehement ab wie die Befürworter des Genderns das generische Maskulinum. Wenn es also Kompromisslösungen gibt, dann offenbar am ehesten durch geschlechtsneutrale Formulierungen (siehe oben) und eigentlich auch durch die regelmäßige Nennung beider Geschlechter, also zum Beispiel Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. 

Fazit der fvw|TravelTalk-Redaktion

Seit der Fusion von fvw und TravelTalk zu fvw|TravelTalk im Januar vergangenen Jahres nutzen wir auf allen Kanälen eine gendergerechte Sprache. Wir hatten uns dafür entschieden, weil wir fanden, dass es bei einem grundlegenden Relaunch auch an der Zeit ist, sich sprachlich zu erneuern, zu verjüngen (zumal die Touristik extrem weiblich geprägt). Die Studienergebnisse zeigen uns, dass wir damit den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir bemühen uns also weiterhin um eine gendersensible Sprache, die niemanden ausschließt, weder Frauen noch Männer, weder Minderheit noch Mehrheit. Deshalb vermeiden wir nach Möglichkeit das generische Maskulinum. Andererseits verzichten wir darauf, den Doppelpunkt zum Standard unserer Sprache zu machen. Stattdessen verwenden wir geschlechtsneutrale Formulierungen, wo sie zur Verfügung stehen. Und wir nennen beide Geschlechter, allerdings nicht so häufig, dass der Text dadurch schwer lesbar wird.
„Die Studienergebnisse zeigen uns, dass wir damit den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir bemühen uns also weiterhin um eine gendersensible Sprache.“
Sabine Pracht, Chefredakteurin fvw⁄TravelTalk

Keine Regel allerdings ohne Ausnahme, etwa in unseren Schlagzeilen. Die sollen kurz und prägnant sein; leider sind gendersensible Formulierungen fast immer länger, manchmal zu lang. In unseren Social-Media-Accounts dagegen kann auch der Doppelpunkt Gender-Sensibilität ausdrücken – wenn wir uns in Umfeldern bewegen, in denen dieser Standard bereits etabliert ist.

Lesen ist Arbeit. Für die Augen und fürs Gehirn. Eine Arbeit, die eine Menge Spaß machen und das Leben bereichern kann. Oder die anstrengend und nervig sein kann. Deshalb bemühen wir uns um eine Sprache, die es Ihnen, unseren Lesern, Leserinnen, Leser:innen, also unserem Publikum, unserer Audience (falls Sie auf Anglizismen stehen) so leicht wie möglich macht.

1 Kommentar

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1.
Lars Peters
Erstellt 20. Januar 2022 14:56 | Permanent-Link

Da die Variante mit dem Doppelpunkt scheinbar sehr unbeliebt ist, würde ich an dieser Stelle noch eine mögliche Alternative in den Raum werfen: Gendern mit dem Herzen – Entscheider♥innen. Das Herz dürfte einen besseren Ruf als der Doppelpunkt haben und positivere Emotionen hervorrufen. ;o)



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