Viel Kritik

49-Euro-Ticket im Nahverkehr "zu teuer"

Großes Angebot für 49-Euro-Ticket im ÖPNV – doch vielen ist der Preis zu hoch.
Imago/Christian Ohde
Großes Angebot für 49-Euro-Ticket im ÖPNV – doch vielen ist der Preis zu hoch.

Für das Nachfolgemodell des 9-Euro-Tickets gibt es eine Verständigung zwischen Bund und Ländern – über die Finanzierung nicht. Viele fordern ein günstigeres Ticket als 49 Euro.

An der Grundsatzeinigung über ein 49-Euro-Ticket für Busse und Bahnen gibt es Kritik – Sozialverbände und Verbraucherschützer halten es für zu teuer. Die Verkehrsminister von Bund und Ländern hatten sich auf dieses Modell als Nachfolger des 9-Euro-Tickets verständigt. Allerdings sind Finanzierungsfragen weiter offen. Das muss nun auf Spitzenebene geklärt werden. Der Deutsche Städtetag fordert dauerhaft mehr Geld vom Bund für Busse und Bahnen.

Das millionenfach gekaufte 9-Euro-Ticket hatte im Juni, Juli und August für je einen Monat deutschlandweit Fahrten in Bus und Bahn ermöglicht. Den 49-Euro-Nachfolger soll es nach den Plänen der Verkehrsminister als laufendes Abonnement geben, das aber monatlich kündbar sein soll. Ziel sei eine Einführung des bundesweiten Tickets zum 1. Januar 2023, hatte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) gesagt.

Die Verbraucherzentralen forderten größeres Augenmerk auf soziale Aspekte. "Der öffentliche Nahverkehr muss für alle erschwinglich sein, unabhängig vom Einkommen", sagte die Leiterin für Verbraucherpolitik beim Bundesverband (vzbv), Jutta Gurkmann, der dpa. Insbesondere Empfängerinnen und Empfängern von Transferleistungen, aber auch Geringverdienenden ohne staatliche Leistungen helfe ein 49-Euro-Ticket wenig. Um einen wirklichen Anreiz für einen Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu schaffen, hatte der Verband ein 29-Euro-Ticket gefordert, das auch monatlich gekauft werden kann.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, erklärte, eine 29-Euro-Lösung wäre eine gute Nachfolge für das 9-Euro-Ticket gewesen. "So hätten auch Menschen mit wenig Einkommen weiterhin die Möglichkeit, kostengünstig den ÖPNV zu nutzen – sei es, um Familie und Freunde zu besuchen oder wichtige Arzttermine wahrzunehmen."

Auch aus Sicht des Fahrgastverbands Pro Bahn ist ein 49-Euro-Ticket für einkommensschwache Menschen nach wie vor zu teuer. "Das Prinzip Gießkanne wird damit nicht durchbrochen", sagte der Pro-Bahn-Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann der dpa. "Wir bräuchten für diese Menschen ein günstigeres Angebot."

In Ländern könnte es gestaffelte Preise geben. Für Berlin hatte Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) ein differenzierteres Modell angekündigt: "In Berlin gibt es viele Menschen, die 49 Euro im Monat nicht aufbringen können." Baden-Württembergs Minister Winfried Hermann (Grüne) hatte gesagt, ein 49-Euro-Ticket wäre sehr viel günstiger als bisherige Abos in vielen Großräumen. Wissing hatte deutlich gemacht, es biete sich an, bisherige vergünstigte Angebote aus sozialen Gründen ausgehend vom 49-Euro-Ticket anzubieten.

Finanzierung weiter ungeklärt

Finanzierungsfragen zwischen Bund und Ländern sind zudem weiter offen. Der Bund hatte zugesagt, ein Nachfolgeticket des 9-Euro-Tickets mit 1,5 Mrd. Euro zu finanzieren – wenn die Länder mindestens den gleichen Betrag zur Verfügung stellen. Die Länder sind aber nur zu einer Mitfinanzierung bereit, wenn es vor dem Hintergrund gestiegener Energiekosten eine Verständigung über eine Anhebung der Regionalisierungsmittel in Milliardenhöhe gibt. Mit diesem Geld des Bundes bestellen sie Busse und Bahnen.

Ein Regierungssprecher machte deutlich, die Bundesregierung strebe eine Klärung in einem Paket an. Der Bund gehe von einer gütlichen Einigung aus.

Die Länder und der Bund streiten derzeit noch über andere Finanzfragen zur Entlastung der Bürger, dabei geht es etwa um eine Ausweitung des Wohngelds. Ein entscheidendes Treffen der Regierungschefs der Länder und Kanzler Olaf Scholz (SPD) könnte es nach der neuen Steuerschätzung Ende Oktober geben.

SPD-Fraktionsvize Detlef Müller sagte, es müsse darum gehen, schnellstmöglich die offenen Finanzierungsfragen zur Abfederung der hohen Energiekosten und zum Angebotsausbau zu klären. "Es wäre hilfreich, wenn sich die Länder einen Schritt auf uns zu bewegen würden, damit die Menschen das Angebot möglichst zum Jahresstart 2023 nutzen können."

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, sagte der dpa, das 49-Euro-Ticket dürfe wichtige Investitionen in den Ausbau des Nahverkehrs nicht ausbremsen. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) sei schon lange "extrem unterfinanziert".
8 Kommentare Kommentieren

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5.
Andreas Weghorn
Erstellt 17. Oktober 2022 11:35 | Permanent-Link

Die Geister, die ich rief. Mit dem 9-Euro-Ticket hat man Erwartungen geschürt, dass es so weitergeht. Hätte man sich an das vielzitierte 365-Euro-Ticket gehalten und damals schon 30 Euro ausgerufen wären 49 Euro jetzt kein Thema ...
Wer dauerhaft auf den Zug umsteigen wird, für den sind 49 Euro in Ordnung. Wer nur mal ein Wochenende verreisen will, für den wohl eher nicht ... Man kann es auch nicht jedem recht machen.

Hans Meixner
Erstellt 17. Oktober 2022 12:05 | Permanent-Link

@Andreas Weghorn:
Das € 365,00 Ticket war ja eigentlich im Vorfeld nur für die jeweiligen ÖPNV-Verbünde gedacht, wie beispielsweise MVV (München und andere). Da ich auf dem Land wohne und einen ÖPNV von maximal 6 Abfahrten Mo-Fr und 3 am Sa, So und Feiert, am Wohnort habe und dann noch umsteigen muss bei ca. 12 Kilometer zum Zentrum einer Großstadt. ist dieser ÖPNV nonsens. Während des 9-Euro-Tickets konnte man auch für kurze Strecken, gerade an der Umsteigestation zur Bahn, diese "Beförderung" vergessen: Die Züge hatten meist Verspätung und waren dermaßen überfüllt, dass man gar nicht einsteigen konnte. Anschlußzüge waren dann nicht mehr erreichbar und man war für Strecken, welche mit dem Auto in einer Stunde gemütlich erreichbar waren, meist mehr als 4 h unterwegs, ganz zu Schweigen von den vielen Zugausfällen. Ich hatte für die 3 Monate die Tickets gekauft und in diesem Zeitraum ganze 4 x benutzt, weil ich dann frustriert aufgegeben habe. Und dann zu sehen, wie Behinderte und ältere Leute gar nicht einsteigen konnten, war beschämend. Ich verstehe nicht, wie da die Politik von "Erfolg" sprechen konnte. Wahrscheinlich nur durch die Anzahl der gekauften Ticktes, welche vielfach gar nicht benutzt werden konnten (siehe oben)!

4.
Hans Meixner
Erstellt 17. Oktober 2022 11:11 | Permanent-Link

Wo ist das Problem, ein günstigeres Ticket, wie das "Sozialticket", zu € 29,00 für Transferleistungsempfänger (Hartz IV, Wohngeld, etc.) anzubieten? Schon jetzt zahlen die Kommunen so ein Ticket und das würde dann deren Kassen in Zukunft auch nicht höher belasten.

3.
Andreas W. Schulz
Erstellt 17. Oktober 2022 10:51 | Permanent-Link
bearbeitet

Wie naiv muss man sein, um zu glauben, total überfüllte Züge mit Euro 9,00 beziehungsweise 29,00 Tickets würden mehr Pendler locken?

2.
Dietmar Pedersen
Erstellt 14. Oktober 2022 19:25 | Permanent-Link

Der Nahverkehr wird schon jetzt mit vielen Milliarden Euro subventioniert. Ein zu billiges Ticket führt nur zu "Spaßfahrten" auf Kosten der Steuerzahler.

Kein Pendler wird dauerhaft noch Bahn fahren, wenn die Züge durch solche "Spassfahrer" total überfüllt oder sogar gar nicht betretbar sind.

1.
Falk Wehner
Erstellt 14. Oktober 2022 16:06 | Permanent-Link

Wieder typisch, die Verbraucher-und Sozialvereine denken wieder nur an Harz 4 Bezieher, als wenn die die Züge füllen, das hat man beim 9 Euro Ticket gesehen, unmögliches Verhalten schon beim Betreten des Zuges, Spaßfahrten nur weil es so billig war, während die Pendler wie ich jeden Tag um einen Sitzplatz kämpfen mussten und froh waren, ebenso wie die Mitarbeiter der Bahn, als der Spuk nach 3 Monaten vorbei war. Nichts gegen ein günstiges Ticket für alle, aber vorher muss die entsprechende Infrastruktur inkl. Gleise, Weichen und lange Bahnsteige sowie genügend Züge geschaffen werde um die Massen dann auch zu befördern. Deshalb bin ich wie die meisten Pendler für ein 49 Euro Ticket, das führt zu mehr Reisenden, aber nicht zu so einem Chaos wie letzten Sommer.

Hans Meixner
Erstellt 17. Oktober 2022 11:25 | Permanent-Link

@Falk Wehner:
Da gebe ich ihnen im Prinzip recht. Sinnvoll wäre es gewesen ein € 29,00 Ticket einzuführen mit Beginn Mo-Fr. ab 9:00 Uhr und ein € 49,00 rund um die Uhr. Allerdings profitieren davon in der Regel die Ballungsgebiete, da hier die monatlichen Tickets weitaus teurer sind. Der ländliche Bereich hat davon weniger, weil das ÖPNV Angebot teilweise katastophal ist und man nicht täglich ins Zentrum muss und dann die € 49,00 dafür zu teuer sind. Sinn muss es sein, mehr Leute von der Straße zum ÖPNV zu bringen. Nur wenige werden in Ballungsgebieten mit gut ausgebautem ÖPNV mit dem Auto zur Arbeit fahren. Solange der ländliche Bereich weiterhin so vernachlässigt, wird ist das zwecklos.

Lars Peters
Erstellt 18. Oktober 2022 09:30 | Permanent-Link
bearbeitet

@Falk Wehner: Jeglicher Spaß verbietet sich natürlich, wenn Sie zur Arbeit pendeln. Das darf natürlich nicht sein und ist das beste Argument gegen einen günstigen Personen-Nahverkehr. In diesem Zusammenhang könnte man vielleicht auch gleich den Liter Benzin auf 5,00 € anheben, damit die Spaßfahrten aufgrund des günstigen Benzins zur Rush Hour aufhören.



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