Nach Flughafen-Hahn-Insolvenz

Reisende sollten Ruhe bewahren und abwarten

Auch der Platzhirsch im Passagiergeschäft am Flughafen Hahn, der irische Billigflieger Ryanair, verringerte sein Angebot im Hunsrück und verlagerte Flüge an benachbarte, größere Flughäfen.
Flughafen Frankfurt-Hahn / Thomas Frey
Auch der Platzhirsch im Passagiergeschäft am Flughafen Hahn, der irische Billigflieger Ryanair, verringerte sein Angebot im Hunsrück und verlagerte Flüge an benachbarte, größere Flughäfen.

Diese Nachricht lässt einige Reisende aufschrecken: Der Flughafen, ab dem der nächste Urlaubsflug starten sollte, hat Insolvenz beantragt. Der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover rät Betroffenen in diesem Fall: bloß keine Panik. Eine Fortführung des Betriebs ist nicht ausgeschlossen.

"Am besten wenden sich die Passagiere an ihre Fluggesellschaft oder den Reiseveranstalter, bevor sie einsame Entscheidungen treffen", sagt Reiserechtler Paul Degott. Wer den gebuchten Flug einfach storniert, bekommt in der Regel nur die Steuern und Gebühren für das Ticket zurück.

Degott rät dazu, Ruhe zu bewahren und die Lage zu beobachten. Ohnehin sei es wahrscheinlich, dass der Flugbetrieb erst einmal weiterlaufe.



Der Insolvenzverwalter verschaffe sich ein Bild der finanziellen Lage des Flughafens und müsse dann entscheiden, wie es weitergeht. All dies kann sich einige Zeit hinziehen – bei laufendem Betrieb. Irgendwann müssen laut Degott die Fluggesellschaften entscheiden, ob sie ihre Flüge auf andere nahe Airports umlegen.

Hier ist dann die Frage, wie zumutbar die Maßnahme für davon betroffene Reisende ist. Bei Unzumutbarkeit kann sich der Kunde das Ticket erstatten lassen. Das hängt dem Reiserechtsexperten zufolge vom Einzelfall ab.

Jahrelange Turbulenzen

Nach jahrelangen Turbulenzen hat der einzige größere Flughafen in Rheinland-Pfalz trotz jüngster Zuwächse im Frachtgeschäft Insolvenz angemeldet. Die Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH reichte den Antrag beim Amtsgericht Bad Kreuznach ein, wie Hahn-Betriebsleiter Christoph Goetzmann am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Laut Gericht haben dies auch vier weitere verbundene Gesellschaften getan: die JFH Jet Fuel Hahn, die HNA Airport Services GmbH, die HHN Airport Technology und die HHN Aviation Security. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Amtsgericht in allen Fällen den Sanierungs- und Insolvenzexperten Jan Markus Plathner aus dem Frankfurter Büro der bundesweit operierenden Anwaltskanzlei Kanzlei Brinkmann & Partner.

Der rheinland-pfälzische CDU-Generalsekretär Jan Zimmer sprach von einem "Schock für die Mitarbeiter des Flughafens und die gesamte Region". Betriebsleiter Goetzmann sagte, vorerst starteten weiterhin Maschinen im Hunsrück. Mit Blick auf den Geschäftsbetrieb ergänzte er: "Ich kämpfe für die Fortführung." Am Ruder sei nun aber Plathner. Das rheinland-pfälzische Innenministerium wies darauf hin, dass die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nicht automatisch die Einstellung des operativen Betriebs bedeute, "vor allem dann nicht, wenn entsprechendes Geschäft vorhanden ist".



Der vorläufige Insolvenzverwalter werde "die Situation der insolventen Gesellschaften zunächst prüfen und die Geschäfte des Unternehmens nach den insolvenzrechtlichen Regelungen führen". Zuvor hatte die "Wirtschaftswoche" darüber berichtet.

Der einstige US-Militär-Airport Frankfurt-Hahn, dessen Name der Mainmetropole in seiner Bezeichnung ein Marketing-Trick ist, gehört zu 82,5 Prozent dem chinesischen Großkonzern HNA. Dieser hatte die Anteile 2017 für rund 15 Mio. Euro vom Land Rheinland-Pfalz erworben. Die restlichen 17,5 Prozent hält Hessen.


Zuletzt hatte die Festnahme der Führungsspitze der finanziell angeschlagenen HNA für Aufsehen gesorgt. Der Hunsrück-Flughafen betonte seinerzeit, dies habe keine Auswirkungen auf den Hahn. Er sei auf gutem Kurs, hieß es Anfang Oktober.

Rückgänge im Passagiergeschäft

Die Frankfurter Luftfahrtexpertin Yvonne Ziegler sagte dagegen am Dienstag: "Womöglich hat HNA den Airport Hahn zuletzt weniger unterstützt." Sie erinnerte auch an die Krise um den hoch verschuldeten chinesischen Immobilienkonzern Evergrande, der den gesamten Finanz- und Immobilienmarkt im Reich der Mitte belastet.

Der Flughafen Hahn verbuchte zuletzt Zuwächse beim Frachtgeschäft, dabei profitierte der einstige US-Militärflughafen unter anderem vom Boom des Online-Handels und von Container-Engpässen im Seegeschäft. Beim Passagiergeschäft musste der Hahn dagegen immer wieder Rückgänge hinnehmen, auch schon vor den Corona-Reisebeschränkungen 2020.

Einst zählte der Regionalflughafen jährlich bis zu vier Millionen Passagiere, davon ist er mittlerweile weit entfernt. Auch der Platzhirsch im Passagiergeschäft am Hahn, der irische Billigflieger Ryanair, verringerte sein Angebot im Hunsrück und verlagerte Flüge an benachbarte, größere Flughäfen wie Frankfurt am Main und Köln/Bonn. Betriebsleiter Goetzmann betonte Anfang Oktober: "Wir haben den Hahn ohne Beihilfen und ohne Kurzarbeit durch Corona gesteuert."

Viele kleine Flughäfen straucheln

In früheren Jahren waren Betriebsbeihilfen des Landes Rheinland-Pfalz geflossen. Die Flughafen-Geschäftsführung erwartete laut ihrem im Bundesanzeiger veröffentlichten Bericht für 2020 gleichwohl einen Fehlbetrag. Je nach Verlauf der Pandemie plane man, "dass bis zum Jahr 2024 ein positives Konzernjahresergebnis erreicht werden kann", hieß es darin. Danach dürfen Flughäfen gemäß EU-Recht generell keine staatliche Subventionen mehr bekommen.


Der Hahn ist nicht der erste deutsche Flughafen, der zum Insolvenzgericht ziehen muss. Der Standort  Paderborn hat die von Corona beschleunigte Insolvenz überstanden, und auch am Bodensee-Airport Friedrichshafen zeigte sich Sachwalter Alexander Hubl optimistisch, dass die noch ausstehende Genehmigung durch die EU-Kommission das Eigenverwaltungsverfahren zu einem glücklichen Ende bringen werde.

Den kleinen Flughäfen fehlt schlichtweg auch deswegen Geld, weil sich Bund und Länder bei ihrer Rettungsaktion zu Jahresbeginn auf die 15 größeren Flughäfen in Deutschland konzentriert haben. Die kleinen Regionalflughäfen sollten mit 20 Mio. Euro bei den Flugsicherungskosten entlastet werden, was allerdings erst im kommenden Jahr so richtig durchschlägt und dem Hunsrück-Standort nicht mehr geholfen haben dürfte.

Den Flughäfen insgesamt gehe es bescheiden, sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands ADV, Ralph Beisel. "Die Flughäfen haben im vergangenen Jahr 2,1 Mrd. Euro Verlust vor Steuern gemacht, und in diesem Jahr werden es 1,5 Mrd. Euro sein." Die Bilder von langen Warteschlangen in den Sommer- und Herbstferien vermittelten ein falsches Bild.

"Unsere Terminals sind immer noch viel zu leer bei Passagierzahlen um die 50 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau", meinte Beisel. Umweltschützern waren die vielen regionalen Flughäfen schon vor der Pandemie ein Graus. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) setzte den Hahn in einer großangelegten Studie mit auf eine Liste von sieben sofort verzichtbaren Standorten. Sie leisteten nur geringe Beiträge zur Konnektivität, seien dauerhaft von Beihilfen abhängig und hätten sinkende Passagierzahlen verzeichnet, lautete die Kritik in dem Report, der im August 2020 veröffentlicht worden ist. Zustimmung kam unter anderem vom Verkehrsclub VCD, den Linken und den Grünen.

2 Kommentare Kommentieren

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2.
Andreas Schlehuber
Erstellt 20. Oktober 2021 09:02 | Permanent-Link

Zitat: '...Viele kleine Flughäfen straucheln...' Die Provinzfürsten (Landesregierungen) schmücken sich gerne zu Lasten der Steuerzahler mit Provinzflughäfen (Calden usw). Gut, wenn Jobs geschaffen werden (wieviele sind nur 450,- Basis oder weniger) ,aber Zuschuesse aus Steuermitteln, Resourcen-Verbrauch (Abholzung, Anfahrtswege bauen usw) , macht wenig Sinn, zumal die grösseren Verkehrsflughäfen gut an Bahn und Autobahn angeschlossen sind. Einziges Argument für die kleinen Flughäfen ist , dem Desaster der Funktionalität an grossen Flugäfen wie BER oder DUS als Fluggast zu entgehen.

1.
Ingo Simandi
Erstellt 20. Oktober 2021 07:19 | Permanent-Link

Nein, eine Insolvenz ist nicht schön, vor allem nicht für die Mitarbeiter. Das sie überraschend kam, gehört sicherlich in das Reich der Fabel, denn auch an diesem Flughafen hat es wahrscheinlich einen Buschfunk gegeben und die langjährige Geschichte spricht Bände. Wie sagt der Volksmund: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Mittlerweile wurde schon mehrfach bewiesen, dass dieser Flughafen, wie einige andere überflüssige Regionalairports, ohne Subventionen nicht leben und überleben kann. Diese Flughäfen werden nur durch die Eitelkeit einiger Provinzfürsten am Leben erhalten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die neue Regierung die Geldströme umleiten wird, da große Teile des Verkehrswesen auf dem Prüfstand stehen werden und man muss kein Prophet sein um festzustellen, dass das Geld vorne und hinten nicht ausreichen wird. Trotz aller Wahlkampfreden ist erkennbar, dass eine neue Regierung kein Interesse an der Touristik haben wird, denn sonst hätte man sich zu einem der größten Wirtschaftsbereiche der Bundesrepublik, explizit geäußert und ein selbstständiges Resort gefordert bzw. eingeführt. Man stelle sich rein hypothetisch vor, die Touristik wird dem neu gegründeten Umweltministerium angegliedert, da wird der Bock zum Gärtner gemacht. Tolle Aussichten, Corona überlebt und wie weiter?



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