Eurowings-CEO nimmt Stellung

"2023 dürfen wir die Gäste nicht enttäuschen"

Jens Bischof entschuldigt sich bei Veranstaltern und Vertrieb für die Flugstreichungen.
Eurowings
Jens Bischof entschuldigt sich bei Veranstaltern und Vertrieb für die Flugstreichungen.

Es knirscht laut im System Luftfahrt. Die Urlaubshungrigen bangen um ihre Erholung. Jens Bischof, Chef von Eurowings, Ferienflieger Nummer eins in Deutschland, bezieht exklusiv gegenüber fvw|TravelTalk Stellung zur Lage. So viel vorweg: Chaos sieht für den Manager anders aus. 95 Prozent der Gäste kämen schließlich an ihr Ziel.

Reiseveranstalter und Reisebüros fluchen derzeit laut über die vielen Flugstreichungen, die unter anderem vom selbsternannten Ferienflieger Nummer eins in Deutschland, Eurowings, vorgenommen werden müssen.

Laut CEO Jens Bischof will die Airline so Stabilität ins System bringen. Im Interview erläutert er die Systematiken im Hintergrund, denn in der Luftfahrt müssen viele Zahnräder ineinander greifen, damit es funktioniert.

2023, das ist sein Ziel, soll Eurowings – wie in der Vergangenheit – wieder zu den pünktlichsten und zuverlässigsten Airlines in Europa gehören. Das will er gemeinsam mit den Systempartnern wie Flughäfen und Bundespolizei erreichen.

Doch er sieht auch künftig große Herausforderungen: "Corona ist noch nicht weg, und wir müssen uns auf eine Rezession einstellen. Keiner kann heute seriös vorhersagen, ob wir all die Kapazitäten, die wir jetzt unter hohem Druck aufbauen, im nächsten Jahr auch benötigen werden." Das mache die aktuelle Situation so anspruchsvoll und außergewöhnlich.

Ob Eurowings für 2022 noch wie geplant schwarze Zahlen abliefern wird, wollte Bischof nicht mit Bestimmtheit sagen. Nur so viel: Die Ölpreisentwicklung sei aktuell viel schmerzhafter für die Gewinn- und Verlustrechnung als die finanziellen Auswirkungen des Flugchaos.

Die Angst der Passagiere ist groß, in diesen Tagen nicht ans Ziel zu kommen. Können Sie das Fliegen noch mit gutem Gewissen empfehlen?
Fliegen muss man heute niemandem mehr empfehlen. Die Sehnsucht, wieder zu reisen, ist nach zwei Jahren Pandemie enorm. Das ist zunächst eine gute Nachricht für alle in der Touristik: Europaweit werden die Erwartungen für diesen Sommer weit übertroffen. Nach einer langen Durststrecke brauchen wir diese Nachfrage auch, doch das Hochfahren des Systems von fast null auf 100 innerhalb weniger Wochen ist ein enorm schwieriges Unterfangen.

"Zwei Jahre wie am Boden gefesselt"

Warum? Gerade Eurowings und den Lufthansa-Konzern vereinen Jahrzehnte Erfahrung.
Nie zuvor in mehr als 100 Jahren Luftfahrt war eine komplette Branche zwei Jahre wie am Boden gefesselt. Maschinen kann ich einfach hoch- und herunterfahren, aber nicht Menschen, die in einem hochkomplexen System wie dem Luftverkehr arbeiten. Es werden Lizenzen laut Luftsicherheitsgesetz benötigt oder Zuverlässigkeitsprüfungen für Aufgaben im Hochsicherheitsbereich der Flughäfen. Wenn sich Mitarbeitende zudem in Branchen mit vermeintlich besserer Perspektive verabschieden, entstehen Probleme beim Restart.

Welche Probleme sind bei Eurowings entstanden, dass Sie Hunderte von Flügen zwischen Juli und Oktober aus dem System nehmen müssen?
Mal ganz konkret: Eurowings hat in den vergangenen Monaten allein 750 Mitarbeiter neu eingestellt, mehr als fast jede andere Airline in Europa. Das spricht gegen die gern verbreitete These, wir hätten zu wenig Personal an Bord. Tatsächlich beschäftigen wir inzwischen 4000 Mitarbeitende, so viele wie nie zuvor. Aber im Cockpit etwa konnten wir noch nicht alle fertig lizenzieren, weil Pilotinnen und Piloten neben der Simulatorausbildung auch Linienflüge mit Gästen an Bord durchführen müssen. Dafür fehlte uns im coronabelasteten ersten Quartal schlichtweg das Flugaufkommen. Auch für Kabinen-Crews dauern die Zuverlässigkeitsüberprüfungen seitens der Behörden mittlerweile Monate – also viel zu lange.
Jens Bischof

Karriere: Bischof, Jahrgang 1965, führt seit März 2020 Eurowings. Zuvor war er drei Jahre lang Chef von Sun Express, einem Joint Venture von Lufthansa und Turkish Airlines. Im Lufthansa-Konzern ist Bischof bereits seit 1990 tätig und zeichnete dort zuletzt für den Vertrieb verantwortlich. Fünf Jahre verbrachte er für Lufthansa in den USA, wo er das Geschäft in Nord- und Lateinamerika managte.

Privat: Der Speditionskaufmann mit BWL-Abschluss und Master of Management ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Kann es sein, dass Eurowings für den Sommer – um Kasse zu machen – mehr Flüge ins System gestellt hat, als sie jetzt bewältigen kann?
Ich habe mich zu Jahresbeginn mit den großen Veranstaltern ausgetauscht, und alle waren überzeugt, dass sie im Sommer wieder 100 Prozent des Geschäftsniveaus von 2019 erreichen werden. Auch der Austausch mit Flughäfen, mit der Flugsicherung oder den Verantwortlichen für Sicherheitskontrollen war intensiv. Heute müssen wir aber anerkennen, dass wir bei diesem Kundenansturm an die Grenzen aktuell verfügbarer Ressourcen stoßen.

Das klingt nach Verzweiflung.
Eher nach Unzufriedenheit. Natürlich sind wir zuallererst mit unserer eigenen Performance unzufrieden – und dafür können wir uns bei unseren Gästen, aber auch bei vielen Partnern in der Touristik nur entschuldigen. Wir wissen sehr genau, dass jeder Flugausfall einer zu viel ist. Wir sollten aber auch nicht unerwähnt lassen, dass wir selbst in der aktuellen Ausnahmesituation noch mehr als 95 Prozent unserer Gäste an ihre Urlaubsziele bringen. Und jeder Punkt, der zu den 100 Prozent fehlt, tut uns enorm weh. Andere Industrien müssen ihre Produktion wegen akuter Lieferkettenprobleme bisweilen um zehn oder gar 20 Prozent reduzieren.

Rekruiting im Highspeed-Tempo

Hunderte Einzelfälle führen zum Aufschrei. Wie gehen Sie mit den Kunden um? Drohen bald wieder Berge von Entschädigungsfällen?
Wir sehen, dass sich die Lage nach einem schwierigen Ferienstart in NRW gerade stabilisiert. Kurzfristige Streichungen sind sehr deutlich auf dem Rückzug. An Flughäfen wird im Highspeed-Tempo rekrutiert. Auch von Airline-Seite tun wir alles Menschenmögliche, um die Situation weiter zu verbessern. Sollten wir Flüge dennoch nicht darstellen können, verfügen wir heute über schnellere, weitgehend automatisierte Möglichkeiten der Rückerstattung. Dem weit überwiegen den Teil unserer Gäste geht es aber gar nicht primär um Rückerstattungen. Vor allem geht es darum, dass wir Menschen, die jetzt dringend einen Tapetenwechsel wollen, in den Urlaub bringen.

Reiseveranstalter und Reisebüro-Vertreter werfen Eurowings mangelhafte Kommunikation vor.
Transparenz ist in solchen Phasen oberstes Gebot. Unsere Partner erhalten von uns schnellstmöglich Informationen, sobald Gäste von Flugstreichungen betroffen sind. Wir wissen, dass das für die Veranstalter schwierige Gespräche sind. Deshalb kämpfen wir ja bis zuletzt um jeden einzelnen Flug – selbst um bereits gestrichene, um sie schnellstmöglich nachholen zu können. Dabei suchen wir nach Alternativen in der gesamten Lufthansa-Gruppe. Unsere Teams im Operations-Center, aber auch in einigen anderen Bereichen arbeiten zurzeit Tag und Nacht.


Wie stark sind Städteverbindungen von den Streichungen betroffen?
Wir konsolidieren den Flugplan zunächst da, wo wir die schnellsten und besten Beförderungsalternativen sehen. Innerdeutsche Verbindungen sind deshalb häufiger betroffen, Urlaubsflüge etwa nach Palma sehr selten. Herausfordernd ist, dass die Geschäftsreisenachfrage im Moment ebenfalls stark anzieht. Also versuchen wir Tagesrandverbindungen bestmöglich zu halten. Unterm Strich müssen wir unseren Sommerflugplan um rund fünf Prozent der Flüge bereinigen. Nur wenn wir in Verkehrsspitzen etwas Last vom Gesamtsystem nehmen, erreichen wir eine Stabilisierung über den Sommer. So erleichtern wir die Abfertigung der Flugzeuge, wir verkürzen die Warteschlangen an Kontrollstellen und gewinnen mehr Puffer, auch um den wachsenden Krankenständen in vielen Bereichen zu begegnen.
„Wir kämpfen um jeden Flug, auch um die, die wir bereits gestrichen haben.“
Jens Bischof, CEO von Eurowings

Wie viele Flugzeuge halten Sie als Reserve bereit?
Flugzeuge sind derzeit nicht das Problem. Es ist auch nicht so, dass die Maschinen einfach rumstehen und auf ihren Einsatz warten. Eine Reserve ergibt sich, wenn etwa ein Flugzeug, das morgens um 10 Uhr in Hamburg landet, erst am Nachmittag um 14 Uhr wieder fliegt. Dann habe ich einen Puffer von vier Stunden und könnte, wenn das Flugzeug zwischendurch gebraucht wird, ein anderes für 14 Uhr nach Hamburg disponieren. Wir haben unsere Reserven für den Sommer auf die Kapazität von sieben Jets hochgefahren. Auch die Crew-Reservekapazitäten wurden um 25 Prozent aufgestockt.

Was bedeutet das für die Herbstferien? Wird es dann besser laufen?
Die Situation wird herausfordernd bleiben, auch wenn Flughäfen und Airlines intensiv an Verbesserungen arbeiten. Im Herbst kommt die Touristik aber grundsätzlich nicht an die Verkehrsspitzen eines Sommer-Peaks heran. Deshalb dürfte die Frage mangelnder Reserven dann nicht mehr so stark im Vordergrund stehen.

Treibstoffpreise verhageln Bilanz

Sie wollten 2022 schwarze Zahlen schreiben. Wie sehr belasten die Flugstreichungen die Bilanz?
Wirtschaftlich stellt der Ölpreisschock seit Beginn des Ukraine-Kriegs alles in den Schatten. Allein der Unterschied zwischen dem Rohölpreis und dem für veredeltes Kerosin verursacht bei uns Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe, die wir nur zu einem geringen Teil weitergeben können. Die Kerosinkostenrechnung wird also entscheidende Auswirkungen auf unsere Gewinn- und Verlustrechnung haben.


Was heißt das für Ihr Endergebnis?
Wir haben bei Eurowings auf der Kosten- wie auf der Umsatzseite enorme Fortschritte gemacht – und auch die Nachfrage nach Urlaubs- und Geschäftsreisen kehrt jetzt stark zurück. Da ist es umso ärgerlicher, dass die wilden Ölpreis-Ausschläge vieles von dieser Entwicklung auffressen. Dennoch: Eurowings ist heute fit, wettbewerbsfähig und resilient. Wenn die Kerosinkosten nicht noch weiter galoppieren, sollten wir unser Ergebnis auch 2022 deutlich verbessern können – wie bereits im Vorjahr.
Eurowings in Zahlen
Flotte: 100 eigene Airbus 320 plus Jets von TUIfly (zwei), Air Baltic und Avion Express, die samt Crews für die Hochsaison geleast sind.

Basen: sechs in Deutschland (Düsseldorf, Hamburg, Berlin, Stuttgart, Köln/Bonn, Dortmund) und fünf im europäischen Ausland (Mallorca, Prag, Stockholm, Salzburg und Pristina).

Mitarbeiter: 4000. Davon wurden 750 während der Corona-Krise neu eingestellt.


Apropos Preise: Um wie viel ist der Preis für ein Eurowings-Ticket seit Jahresbeginn bereits gestiegen?
Im Durchschnitt sind Tickets bisher um etwa zehn Euro pro Strecke teurer geworden – aber weitere Anpassungen sind angesichts eines Ölpreises oberhalb der 100-Dollar-Marke unausweichlich. Dabei ist die Preisentwicklung immer stärker abhängig von der geflogenen Streckenlänge: Ein längerer Kanaren-Flug verteuert sich tendenziell also stärker als eine kurze Route wie Düsseldorf–Berlin.

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