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Karawane Reisen richtet Fokus auf Europa

Im Homeoffice: Seit 2020 ist Georg Albrecht (47) alleiniger Karawane-Geschäftsführer. Er stieg 2000 nach seiner Ausbildung zum Reiseassistenten in das Familienunternehmen ein.
Karawane Reisen
Im Homeoffice: Seit 2020 ist Georg Albrecht (47) alleiniger Karawane-Geschäftsführer. Er stieg 2000 nach seiner Ausbildung zum Reiseassistenten in das Familienunternehmen ein.

Ludwigsburger Traditionsunternehmen: Seit über 70 Jahren ist der Spezialist für Individualreisen, Kreuzfahrten und Sondergruppen in Familienhand. In Pandemiezeiten setzt Geschäftsführer Georg Albrecht statt auf die Ferne verstärkt auf Europa.

Karawane-Chef Georg Albrecht (47) war noch lange nicht geboren, als sein Großvater Kurt 1950 für Aufsehen in der Ludwigsburger Presse sorgte. Der Studienrat organisierte für seine Abiturienten eine Abschlussreise nach Venedig – eine kleine Sensation im Nachkriegsdeutschland.

Nur ein Jahr später war der Beamte zum Vollbluttouristiker geworden und veranstaltete mehrere Studienreisen durch Europa. Dafür gründete der Quereinsteiger mit seiner Frau Ruth den Verein "Karawane" und das "Büro für Länder- und Völkerkunde". Ein Dromedar zierte das Logo.

Das Familienunternehmen wuchs rasant. Schiffsreisen kamen schnell hinzu. 1967 ging es nach Afghanistan und in den Iran. In den 80ern folgten Afrika, später Pazifik-Ziele, Südostasien, Nord-, Süd- und Mittelamerika.
Schon am Namen zu erkennen: In den 1980er Jahren liegt der Fokus des Spezialisten noch auf Studienreisen. Der eigene Reisebus ist in Deutschland und Europa unterwegs.
Karawane Reisen
Schon am Namen zu erkennen: In den 1980er Jahren liegt der Fokus des Spezialisten noch auf Studienreisen. Der eigene Reisebus ist in Deutschland und Europa unterwegs.

Raus aus der Studienreise-Nische

Heute ist Karawane nach wie vor in Familienbesitz, in der dritten Generation inzwischen. Neben Individualreisen nach dem Baukastenprinzip – Bestseller vor Corona waren das südliche Afrika, Australien und Neuseeland – konzentriert man sich auf Kreuzfahrten und Sondergruppenreisen. Ein Stammkunde ist zum Beispiel ein 40-köpfiges Orchester.

Studienreisen machen heute nur noch 20 Prozent des Geschäfts aus. "Unsere Kunden und ihre Wünsche haben sich geändert", sagt Georg Albrecht. "Studienreisen werden zu Erlebnisreisen mit viel Freiraum zur Individualität. Wir sind sehr flexibel bei der Ausarbeitung der Reiseplanung. Kein Programm ist identisch."
Erste Liebe seit Kindertagen: Immer wieder zieht es Karawane-Chef Georg Albrecht – hier im Chobe-Nationalpark in Botswana – nach Afrika.
Karawane Reisen
Erste Liebe seit Kindertagen: Immer wieder zieht es Karawane-Chef Georg Albrecht – hier im Chobe-Nationalpark in Botswana – nach Afrika.

Von klein auf Globetrotter

Seinen Großvater Kurt (er starb 1970 bei einem Verkehrsunfall) hat Georg Albrecht nicht mehr kennengelernt. Doch natürlich wurde er früh vom Familiengeschäft geprägt.

Als Spross von Touristikern war Albrecht schon als kleines Kind überall in der Welt unterwegs. Griechenland, Stonehenge und Skandinavien, aber auch in die Ferne: Es ging in die USA, zum Nordpol und mehrmals nach Afrika. In Botswana entdeckte er das Okavango-Delta, schipperte auf dem Lake Kariba in Simbabwe. "Jede Reise war etwas Besonderes", erinnert sich Albrecht. Das südliche Afrika bleibt sein Lieblingsziel.  "Der Drang nach Afrika zu reisen ist recht stark ausgeprägt in unserer Familie."
Ein Dromedar ziert das Karawane-Logo seit 1950. In einer frühen Broschüre heißt es: "Ja, es ist die zauberhafte Ferne, welche die Karawane lockt, und wer möchte da nicht mitreisen?"
Karawane Reisen
Ein Dromedar ziert das Karawane-Logo seit 1950. In einer frühen Broschüre heißt es: "Ja, es ist die zauberhafte Ferne, welche die Karawane lockt, und wer möchte da nicht mitreisen?"

70. Geburtstag ohne Party

Im vergangenen Jahr, zugleich Albrechts erstes Amtsjahr als alleiniger Geschäftsführer, wollte der Spezialist groß auffahren: mit einer Messe zum 70. Firmengeburtstag und dem umfangreichsten Reiseprogramm der Geschichte. Die Pandemie vereitelte die Feierlichkeiten.

In einem Gastbeitrag für ein Wirtschaftsmagazin fordert Albrecht im Mai 2020 mehr Unterstützung von der Politik für mittelständische Reiseunternehmen. Er wählt die Überschrift "Rien ne va plus". Karawane sei "ein grundsolide aufgestelltes schwäbisches Familienunternehmen, doch auch bei uns fließen nun unvorstellbare Summen ab, und ein Ende ist nicht in Sicht".
Runder Geburtstag ohne Feier: Die Party und Messe zum 70-jährigen Jubiläum mussten wegen der Pandemie ausfallen. Die 31 Mitarbeiter schauen voller Zuversicht auf 2022.
Karawane Reisen
Runder Geburtstag ohne Feier: Die Party und Messe zum 70-jährigen Jubiläum mussten wegen der Pandemie ausfallen. Die 31 Mitarbeiter schauen voller Zuversicht auf 2022.

Immerhin: Rund 50 Prozent aller Reisen konnten umgebucht werden. In der Krise blieb man erfinderisch, startete eine Webinar-Reihe und das "Fernweh-Telefon". Albrecht: "Manche Anrufer möchten 'einfach weg, egal wohin', andere haben konkretere Vorstellungen und möchten detaillierte Informationen zu den Einreisebestimmungen." Aus fast der Hälfte aller Anrufe entstehen Buchungen.
Faire Partnerschaft mit Reisebüros
Rund 30 Prozent seines Umsatzes generiert Karawane durch Reisebüros, "Tendenz steigend", sagt Georg Albrecht. Er führt dies darauf zurück, dass man "auch während der Pandemie sichtbar und ansprechbar war und ist. Wir betreiben schon immer einen fairen Umgang mit unseren Partnern."

Fokus auf Europa, Lust auf Afrika

Albrecht baut auf das kommende Jahr, besonders auf die Destination Europa – die Region also, mit der einst die Karawane-Geschichte begann. Die eigens dafür eingerichtete Projektgruppe hat das Europa-Programm, das bislang zumeist aus Studien- und Sonderreisen bestand, umfassend ausgeweitet. Viele Mietwagenreisen sind neu dabei.

In jüngster Zeit zieht das Geschäft wieder deutlich an, merkt Albrecht. "Die Erleichterungen für Geimpfte und Genesene scheinen die Reiselust unserer Kunden wieder zu steigern", sagt er.

Auch bei Albrecht nimmt das Fernweh zu. Es gebe noch viel zu sehen, sagt der 47-Jährige. 2019 hat er seinen zwei Töchtern Botswana gezeigt. Für 2022 hat er Namibia oder Südafrika im Blick, doch zuerst gehe es in diesem Sommer in die Toskana.

Man gönnt es ihm. Albrecht kann sich zwar gut bei der Gartenarbeit, beim Kochen oder Lesen (zurzeit "Game of Thrones") entspannen. Doch so richtig abschalten – das gelingt dem Globetrotter seit Kindertagen am besten beim Reisen.

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