Misir kennt Kroatien besser als die Konkurrenz

Länder-Spezialist aus Essen in zweiter Generation: Misir Sonnenlandreisen bietet seit über 55 Jahren Reisen nach Kroatien an.
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Seit 1966 schickt Misir Sonnenlandreisen Deutsche in den Kroatien-Urlaub. Nach zwei schwierigen Jahren hofft Co-Geschäftsführer Martin Misir auf den Sommer 2022. Darüber hinaus will er langfristig eine neue Destination ins Programm nehmen.

"Frisch gepflückt schmecken sie natürlich am besten", sagt Martin Misir. Vor Kurzem ist der Chef vom Kroatien-Spezialisten Misir Sonnenlandreisen von der traditionellen Saisonabschlussreise zurückgekehrt – mit Mandarinen im Gepäck. Der Besuch der Mandarinenplantage im Neretva-Tal bei Dubrovnik, bei der die Rundreisenden sich als Erntehelfer probieren konnten, war wie immer einer der Höhepunkte.

Insgesamt 130 deutsche Gäste waren mit Bus und Flieger an die dalmatinische Küste gereist. Es hätten noch weitaus mehr werden können, sagt Misir. "Die Nachfrage war immens", freut sich der 51-Jährige.

Am Ende der Rundreise gab es sogar ein Ständchen zum 55. Geburtstag des Essener Familienunternehmens. Es war ein schöner Abschluss für ein weiteres durchwachsenes Geschäftsjahr.

Atmosphärische Anreise: In Booten und mit musikalischer Begleitung geht es zur Mandarinenplantage im Neretva-Tal bei Dubrovnik – ein beliebter Ausflug im Rundreiseprogramm des Spezialisten.
Atmosphärische Anreise: In Booten und mit musikalischer Begleitung geht es zur Mandarinenplantage im Neretva-Tal bei Dubrovnik – ein beliebter Ausflug im Rundreiseprogramm des Spezialisten.
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Krisen-erprobtes Familienunternehmen

In seiner langen Firmengeschichte hat der Mittelständler schon so manche Krisen überstanden: zwei Kriege, ein Vulkanausbruch und einiges mehr. "Da sind wir erprobt", meint Misir.

Die Pandemie aber sei bislang "die extremste und außergewöhnlichste Herausforderung", sagt er. "Ich dachte ja, dass wir als Veranstalter, Busreiseunternehmen und Hotelier breit aufgestellt sind, aber durch Corona kam alles zum Stillstand."

Im ersten Pandemie-Jahr 2020 buchten 91 Prozent weniger Gäste als im Vorjahr. Viele Kunden zeigten sich solidarisch und akzeptierten einen Gutschein. 2021 lief ein "bisschen besser", sagt Misir.

Jetzt hofft er auf den nächsten Sommer. Irgendwann müsse sich die Lage ja wieder normalisieren. Mit Prognosen hält er sich jedoch zurück: "Die Leute wollen raus und reisen, aber sie sind vorsichtig geworden."

Die Misirs: Markus (links) ist für das Busreise-, Martin (rechts) für das Flugreisegeschäft verantwortlich. Beide teilen sich die Geschäftsführung. 1966 hatte Vater Lovro das Unternehmen in Essen gegründet. Er kümmert sich heute um die drei eigenen Hotels in Kroatien.
Die Misirs: Markus (links) ist für das Busreise-, Martin (rechts) für das Flugreisegeschäft verantwortlich. Beide teilen sich die Geschäftsführung. 1966 hatte Vater Lovro das Unternehmen in Essen gegründet. Er kümmert sich heute um die drei eigenen Hotels in Kroatien.
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Etwas Gutes kann Misir der Krise dennoch abgewinnen: Sie schweißte ihn und seinen Bruder (56) Markus, der für das Busreisegeschäft verantwortlich ist, noch enger zusammen. "Während des Lockdowns haben wir uns stets zu viert mit unseren Frauen getroffen und gemeinsam über die nächsten Schritte beraten", erzählt er.

Und etwas Unverhofftes konnte er in der Krise erleben: Er durfte Dubrovnik, die Stadt, in der es als Heranwachsender viel Zeit verbrachte, ohne Touristen genießen. "Dubrovnik ist eine der schönsten Städte der Welt, aber sie hatte durch den Massentourismus ihre Ursprünglichkeit verloren. Während der Pandemie war es leer."

Zur Person
Martin Misir wurde 1970 in Essen geboren. Sein Vater Lovro stammt aus Bosnien Herzegowina, seine Mutter Helga aus Herne. Nach seiner Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann bei Hapag-Lloyd stieg er 1993 in das Familienunternehmen ein. Heute organisiert er das Flugreisegeschäft, sein fünf Jahre älterer Bruder Markus ist für das Busgeschäft verantwortlich. Martin Misir ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Essen.

Vom Ein-Mann-Betrieb zum Mittelständler

Die kroatische Hafenstadt spielt in der Geschichte der Misirs eine zentrale Rolle. Martin Misirs Vater Lovro kam als Teenager aus dem heutigen Bosnien und Herzegowina nach Dubrovnik und fasste dort Fuß in der Touristik, erst als Guide, dann im staatlichen Reisebüro.

In Dubrovnik lernte er auch eine Urlauberin aus Herne kennen und lieben. Ihretwegen zog er von der "Perle der Adria" in den Ruhrpott. Das war 1966.

Im selben Jahr eröffnete Lovro Misir in Essen ein winziges Reisebüro. Mit 20 DM Startkapital konnte er sich kein Personal leisten, also war er zugleich Geschäftsführer, Berater, Verkäufer, Buchhalter und Sekretär.

Steiler Aufstieg: 1973 eröffnet Lovro Misir sein erstes größeres Büro in Essen. Im selben Jahr starteten erstmals wöchentliche Charterflüge ab Düsseldorf nach Split und Dubrovnik.
Steiler Aufstieg: 1973 eröffnet Lovro Misir sein erstes größeres Büro in Essen. Im selben Jahr starteten erstmals wöchentliche Charterflüge ab Düsseldorf nach Split und Dubrovnik.
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Um für seine in Deutschland weithin unbekannte Jugoslawien als Reiseziel zu werben, trat er in Sportvereine ein, von Fußball über Schwimmen bis Turnen, wandte sich an Verbände, hielt Diavorträge, verteilte Flyer, veranstaltete Folkloreabende.

Die allerersten Kunden seiner selbst organisierten Reisen ließen sich auch nicht von der mühseligen Anfahrt schrecken: Mit dem Zug ging es nach Rijeka und von dort mit dem Auto, Bus oder Schiff weiter nach Split und Dubrovnik. "Drei Tage war man unterwegs. Das war wie eine Fernreise", lacht Sohn Martin Misir heute.

Sein Vater behauptete sich als kleiner Spezialist. Ab den 1970er-Jahren boomte sein Geschäft – vor allem dank der Grubenarbeiter: Zuerst mit der Gewerkschaft der Ruhrkohle AG, später auch mit anderen Stahl- und Bergbaukonzernen, schickte er jahrelang Tausende Kumpel in die Sommerferien nach Dalmatien.

"Jugoslawien ist eine Reise wert": Zum zehnjährigen Firmenjubiläum 1976 lud Misir-Gründer Lovro Misir eine Säbel- und Tanzgruppe aus Korčula zu den Feierlichkeiten ein.
"Jugoslawien ist eine Reise wert": Zum zehnjährigen Firmenjubiläum 1976 lud Misir-Gründer Lovro Misir eine Säbel- und Tanzgruppe aus Korčula zu den Feierlichkeiten ein.
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Der Höhenflug endete 1991 mit dem Beginn des Balkankriegs. Um den Kollaps des Kerngeschäfts zu aufzufangen, baute er das Busreisegeschäft aus. "Mein Vater suchte stets nach Lösungen, war immer flexibel", erinnert sich Martin Misir.

Ein gutes Beispiel dafür: Unmittelbar nach Kriegsende war das von Lovro Misir gecharterte Kreuzfahrtschiff La Palma das Erste, das den Hafen von Dubrovnik wieder anlief.

Im Laufe der Zeit eröffnete sein umtriebiger Vater drei Hotels in Kroatien, eines in Berlin und Essen, ein Appartementhaus in Garmisch-Partenkirchen, zwischenzeitlich war er auch Betreiber eines Restaurants und einer Videothek mit angeschlossenem Reisebüro. "Mein Vater war ein Macher", sagt Martin Misir. "Seine Mentalität hat auf mich abgefärbt und kommt mir heute zugute."

Zum Team von Misir Sonnenlandreisen zählen aktuell 15 Mitarbeiter. Seit 1987 rollen Misir-Busse in Richtung Kroatien.
Zum Team von Misir Sonnenlandreisen zählen aktuell 15 Mitarbeiter. Seit 1987 rollen Misir-Busse in Richtung Kroatien.
Misir

Tourismus in der DNA

Wann genau die beiden Brüder Geschäftsführer des Familienunternehmens wurden, ist schwer nachzuvollziehen. "Das war ein fließender Übergang", meint Martin Misir. Dass sie früher oder später in die Fußstapfen ihres Vaters treten würden, war aber früh klar.

Beide waren schon von klein auf immer unterwegs, reisten als Knirpse bereits allein zur Verwandtschaft nach Kroatien. "Tourismus war die Berufung unseres Vaters und ist auch in unserer DNA einfach verankert", sagt er.

Präsenter am Counter
In der Pandemie hat sich Martin Misir vorgenommen, noch stärker auf den Vertrieb zuzugehen. Mit fast 2000 Partnerreisebüros arbeitet der Kroatien-Spezialist derzeit zusammen, sie sorgen für rund 40 Prozent aller Buchungen. Was für Misir spreche? "Wir sind ein kleines Unternehmen, absolute Destinationsexperten und immer gut erreichbar: Unsere Telefone waren während der Krise nie abgeschaltet."


Misirs Bestseller – neben Badeurlaub, Rund- und Mietwagenreisen – sind Kreuzfahrten auf Motoryachten. Das Segment wolle man weiter ausbauen. Vereinzelt werden auch Törns speziell für Radfahrer und Yoga-Fans oder Jugendliche und Studenten unter dem Motto "Young & Fun" angeboten.

Insbesondere letzterer Zielgruppe würde es Misir – selbst Vater von zwei Teenagern – wünschen, dass sie bald wieder unbeschwerte Urlaubsmomente erleben könne. "Die Jugend hat unter Corona viel gelitten."

Totes Meer statt Adria: Martin Misir will Neuland betreten und vielleicht schon im Winter 2023 eine neue Destination anbieten.
Totes Meer statt Adria: Martin Misir will Neuland betreten und vielleicht schon im Winter 2023 eine neue Destination anbieten.
Jordan Tourism Board

Neuland für den Kroatien-Spezialisten

Bald will der 51-Jährige mit Misir Sonnenlandreisen unbekanntes Terrain betreten – vielleicht schon im Winter 2023. Man darf gespannt sein: Schon länger hatte Misir aufgrund des sommerlastigen Kroatien-Geschäfts nach einem Rundreiseziel für den Winter gesucht. Schließlich hat er sich für eine Destination entschieden, die zwar auch ein Sonnenland ist, aber sonst so gut wie nichts mit dem vertrauten Kroatien zu tun hat: Jordanien.

7x zu Ende gedacht
Mein Lebensmotto ist:
Nicht so viel reden, sondern öfter einfach mal machen.

Wenn ich nicht Touristiker geworden wäre, dann wäre ich heute:
Pilot. Zum Tennis-Profi hat das Talent nicht gereicht. ;-)

An meinem Job mag ich:
Menschen, positive Erlebnisse zu ermöglichen.

Kroaten sind:
Gesellig, reiselustig, mobil und sportbegeistert.

Das mache ich nur in Kroatien:
Segeln und Fisch essen.

Mein liebstes Reiseziel außerhalb Kroatiens:
Montreal.

Zurzeit lese ich:
Andrea Petkovics Biografie „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“

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