Chamäleon will Großes leisten

Bauherr: Das Aqua Beach Resort & Spa auf Sansibar gehört dem Berliner Veranstalter.
Chamäleon

Erfinderisch, nachhaltig und immer voller Leidenschaft: Seit 25 Jahren schreibt Ingo Lies an der Erfolgsgeschichte des Berliner Erlebnisreisen-Spezialisten Chamäleon. Das nächste Projekt: Im Oktober geht es auf große Deutschland-Tournee.

Stillstand ist nichts für Ingo Lies. Selbst in Pandemiezeiten ist der Chamäleon-Gründer so umtriebig wie eh und je. "Wir sind gern kreativ, probieren auch mal was aus und lassen uns nicht von der Krise abschrecken", sagt der 54-Jährige.
Typisch Chamäleon
Der Erlebnisspezialist aus Berlin steht für nachhaltige Fernreisen in kleinen Gruppen (höchstens zwölf Teilnehmer) mit naturnahem Verlauf, individuellen, landestypischen Unterkünften und deutschsprachiger Reiseleitung aus der Region.

Ein Rückblick auf die vergangenen Monate: Da waren der neue Katalog, in dem erstmals Europa auftaucht, der Launch der neu gestalteten Website im interaktiven Scrollytelling-Format und die aufwändig produzierten Livestream-Sendungen, die im Winter fortgesetzt werden sollen. Und davor steht im Oktober ja auch noch die Tour zum 25. Firmengeburtstag durch zwölf deutsche Städte an. Für diese Events dreht Lies gerade einen Kurzfilm.
Chamäleon on tour: Ab Oktober gehen Ingo Lies und sein Team – wie hier 2019 beim Partnertag in Berlin – wieder auf Roadshow.
Chamäleon

Gefühle programmiert

Zur Jubiläumstour hat Lies mehrere alte Weggefährten eingeladen. Alfonso Tandazo zum Beispiel: Mit dem Ekuadorianer gründete er 2010 die Rainforest Foundation. Oder Kedar Regmi: Der Nepalese war 1996 Träger auf der ersten Chamäleon-Reise im Himalaya, als Lies noch Organisator und Reiseleiter in einer Person war.
Die Reise seines Lebens
Ingo Lies, 1967 geboren, aufgewachsen in Braunschweig, studierte nach dem Zivildienst Grundschulpädagogik und Sport an der FU Berlin. Er verbrachte dazu mehrere Monate in Nepal, Indien und Pakistan, wo er für eine Hilfsorganisation arbeitete. 1996 gründete er Chamäleon in Berlin. Der Fernreisespezialist für Kleingruppen gilt als ein Vorreiter des nachhaltigen Tourismus und beschäftigt über 100 Mitarbeiter. Lies lebt mit seiner südafrikanischen Partnerin in Berlin und hat zwei Söhne (16 und 18).

Wenn man mit Lies spricht, spürt man: Er ist heiß auf diese Tournee, dem ersten wirklichen Wiedersehen mit Freunden und Partnern seit Beginn der Pandemie. Auf der Website werden darum auch nichts weniger als "ein Rausch der Gefühle, magische Momente und herzberührende Geschichten" angekündigt.

Die überschwänglich gefühlsbetonte Sprache ist – so wie der Pioniergeist – eines der Markenzeichen der Berliner. Der Firmenslogan verspricht Kunden "Die Reise Ihres Lebens". Der Katalogtitel lautet "Seele. Liebe. Herz". Kurz: Lies scheut die großen Worte nicht. Auf seinen ersten Auftritt zum Tourneestart in Berlin darf man also gespannt sein.
Organisator und Reiseleiter in einer Person: 1995 veranstaltete Lies (unten links) seine erste Gruppenreise nach Nepal.
Organisator und Reiseleiter in einer Person: 1995 veranstaltete Lies (unten links) seine erste Gruppenreise nach Nepal.
Chamäleon

Schwergewicht aus dem Mittelstand

Corona hat natürlich auch Chamäleon ausgebremst. Davor wuchs der Überflieger aus dem Mittelstand fast jährlich um 20 Prozent.
Es begann im Wohnzimmer
1995 veranstaltete Ingo Lies, damals noch Lehramtsstudent, seine erste Gruppenreise nach Nepal. Seine ersten Kunden waren zwölf Freunde und Bekannte, denen er im elterlichen Wohnzimmer von der Himalaya-Destination vorschwärmte.

Gut lässt sich die Erfolgsgeschichte am Umfang des Katalogs verdeutlichen. Der erste umfasste 20 Seiten und drei Ziele: Nepal, Neuseeland und Costa Rica. Der aktuelle Katalog – Lies nennt ihn "eine Kurzgeschichtensammlung aus der ganzen Welt mit integriertem Bildband" – ist: 448 Seiten stark, mit 120 Reisen in über 70 Ländern.

Erstmals ist Europa dabei. Insgesamt 20 Reisen sind es. Bestseller sind zurzeit das Baltikum und Norwegen. Mit bis dato 800 Gästen ist Lies "absolut zufrieden". 2022 will er diese Zahl verdoppeln.

Ansonsten ist er mit Prognosen vorsichtig. Aktuell bewegt sich das Geschäft bei etwa 20 Prozent von dem, wo es vor der Krise 2019 lag. Für 2022 erwartet er 60 bis 80 Prozent. Ein Teil der Buchungen sind Umbuchungen, rund 70 Prozent der Chamäleon-Gäste konnten dazu bewegt werden. "Die sitzen quasi auf gepackten Koffern", meint Lies.
Wie Corona das Reisen verändert hat
Drei Trends hat Ingo Lies ausgemacht:
  1. Wildnis ist das neue Wellness: Urlauber sehnen sich nach Natur.
  2. Slow Travel: Urlauber werden bewusster, langsamer und länger reisen.
  3. Nachhaltigkeit: Das Bewusstsein für nachhaltige Reisen wird immer stärker.

Optimistisch stimmt ihn auch, dass Afrika-Reisenden keine Quarantäne mehr droht oder dass Destinationen wie Neuseeland, das bislang sehr restriktiv vorgegangen ist, daran denkt, im nächsten Jahr die Grenzen wieder zu öffnen. "Die Politik ändert sich. Die Impfkampagnen schreiten voran. Reisen wird wieder leichter werden. Die Reisenden werden mutiger."
Ein Platz zum Leben und Lernen für Straßenkinder: das Mwema Street Children Center in Tansania.
Ein Platz zum Leben und Lernen für Straßenkinder: das Mwema Street Children Center in Tansania.
Chamäleon

Nachhaltig engagiert– auch aus Eigeninteresse

Für Lies ist "Tourismus auch Entwicklungspolitik". Den Menschen in den Reiseländern zu helfen, sie zu fördern, gehört für ihn – gerade auch in der Pandemie – zur Geschäftsphilosophie.

70 Prozent des Reisepreises bleiben laut Lies durchschnittlich im Reiseland. Davon profitieren einheimische Unterkünfte, Transportmittel und Reiseleiter. Vor Kurzem hat er einen Solidaritätsfonds zur Unterstützung seiner Partner aufgelegt.  Er wolle damit "sicherstellen, dass die touristische Infrastruktur für die Chamäleon-Reisen auf dem gleichen Niveau wieder startet".
Tourismus ist auch Entwicklungspolitik.
Ingo Lies über Chamäleons soziales Engagement

Eine Besonderheit sind die 50 sozialen und ökologischen Projekte der Chamäleon-Stiftung. Ob Kindergarten in Tansania oder Ausbildungsstätte für Frauen aus den Townships Kapstadts – die unterstützten Einrichtungen sind für Gäste erlebbar. In Handwerksbetrieben wie der Arganöl-Frauenkooperative Assafar in Marokko erhalten sie sogar ein kleines Geschenk. So greifen Reisegestaltung, soziale Verantwortung und Marketing wie in einem Räderwerk ineinander.

Stiftungsprojekt Tansania Mwema


Expedienten rät Lies , Klima- und Naturschutzthemen mit in jedes Verkaufsgespräch aufzunehmen. Plastikflaschen sind auf Chamäleon-Reisen tabu. Jeder Gast erhält 100 Quadratmeter Regenwald in Ekuador – namentlich zertifiziert – symbolisch geschenkt. Und für jeden Kunden, den Reisebüros für Chamäleon buchen, pflanzt man einen Baum auf der Halbinsel Yucatan. Selbst der Berliner Firmensitz ist klimaoptimiert.
Der Fernreisespezialist engagiert sich nachhaltig: So hat Ingo Lies 14 Mio. Quadratmeter Regenwald gekauft und unter Schutz gestellt.
Chamäleon

Den Vertrieb für sich gewonnen

Zu den Reisebüros pflegt der Spezialist ein sehr partnerschaftliches Verhältnis. Erst neulich begleitete Lies eine Reisebüro-Initiative zu einem Treffen im Wirtschaftsministerium. Und als prominentes One-Voice-Mitglied setzt er sich für Fairplay zwischen kleinen und mittelständischen Veranstaltern und dem Vertrieb ein.

Ab Mitte der 2000er baute er gezielt sein Agenturnetzwerk auf. Unvergessen bleibt, als er 2019 für einen Paukenschlag sorgte: volle Provision für Reisebüros auch bei Storno, aber vor allem die Sofortauszahlung der Vergütung. Heute kommen 78 Prozent aller Buchungen vom Counter. Lies: "Ich sage immer: Wir haben mehrere 1000 mitarbeitende Freunde in den Reisebüros."
Ich unterstütze jede Initiative, die das gegenseitige Verständnis zwischen Reisebüros und Veranstaltern verbessert.
Ingo Lies über One Voice

Um in der Krise beim Vertrieb präsent zu bleiben, entwickelte Chamäleon Livestream-Formate, die im Durchschnitt von 1000 Expedienten (und 10.000 Gästen) verfolgt wurden. In den virtuellen Roadshows weckten Lies und sein Team die Reiselust, zeigen kurze Filme aus aller Welt. Sogar Musik gab es: "Don't worry be happy" und "What a wonderful world" zum Beispiel, gesungen von Liam, Lies' ältestem Sohn.

Livestream


Ein Boss ohne Anzug

Wer Lies nur von Fotos kennt, sieht einen fröhlichen, lockeren, sympathischen Menschen. So will der 54-Jährige auch als Chef sein – ein "Gleicher unter Gleichen" hat er einmal gesagt. Dazu passt es, dass er bei der Vorstellung der rund 100 Mitarbeiter auf der Website nicht am Anfang, sondern einfach irgendwann auftaucht. Oder dass er auf Firmen-Events nie im Anzug, sondern in Jeans, Sneakers und bunt gemusterten Hemden erscheint.
Ingo Lies auf dem Tafelberg: Bis vor Kurzem kletterte der begeisterte Bergsteiger auch auf Sechstausender im Himalaya.
Ingo Lies auf dem Tafelberg: Bis vor Kurzem kletterte der begeisterte Bergsteiger auch auf Sechstausender im Himalaya.
Chamäleon

Neben Multitasking, Organisation, Kommunikation, Furchtlosigkeit und schneller Entscheidungsfreude gibt Lies auch "Energiewunder mit klarem Kopf" als eine seiner Stärken an. Wenn er doch mal seine Akkus aufladen muss, zieht es ihn in die Natur, wo er innere Ruhe findet und meditiert ("Ich bin ein spiritueller Mensch").

Oder er treibt Sport, gern auch extrem: Bis vor Kurzem kraxelte er als Gipfelstürmer noch auf Sechstausender, heute tut es auch das Rennrad. 2019 etwa war er mit einer kleinen Gruppe 1000 Kilometer auf dem Jakobsweg unterwegs.

Er lote eben gern seine Grenzen aus, sagt Lies, der Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes, "eigentlich in allen Lebensbereichen, auch geschäftlich".
Zu Ende gedacht
Den besten Ratschlag gab mir …
… mein Onkel: "Bleibe dir selbst treu." Es gibt viele Reize entlang des Weges. Man muss darauf achten, nicht zu vergessen, woher man kommt.

Was viele nicht von mir wissen …
Ich habe jahrelang bei Theatersport mitgemacht, dem Improvisationstheater Berlins.

Mit dieser historischen Person möchte ich gern einen Tag verbringen …
Nelson Mandela. Mit ihm würde ich auf einer Bank sitzen und aufs Meer schauen wollen. Jede Stunde würde ich eine Frage stellen, etwa: Was ist das Wichtigste im Leben?

Afrika ist …
… meine zweite Heimat. Ich liebe die Weite, die Leere, die Natur, den Sternenhimmel, die Farben, den Wind. Man ist praktisch 16 Stunden am Tag draußen.

Ich lese gerade …
… Edward Snowdens Biografie. Ich finde es spannend, wenn Menschen ihren Überzeugungen folgen.

Am liebsten nasche ich …
… Lakritz-Konfekt und Eis in jeder Form.
Themen:
Chamäleon
stats