Aventoura geht mit neuem Schwung in den Restart

Setzt auf weltweite Aktivreisen und Kubas Comeback: Gerd Deininger, Chef des Lateinamerika-Spezialisten Aventoura aus Freiburg.
Aventoura

Das Jubiläum zum 25-jährigen Bestehen hat die Pandemie gründlich vermasselt. Doch Gerd Deininger, Chef des Lateinamerika-Spezialisten Aventoura, bleibt zuversichtlich und schmiedet weiter Pläne. Einer davon: Radreise-Abenteuer von Kuba über Südafrika bis Kirgistan.

Unterhält man sich länger mit Gerd Deininger, wird einem schnell klar: In der Brust des Aventoura-Gründers schlagen zwei Herzen – das des Vollblutunternehmers und das des Abenteurers.
Begegnungen weltweit
Lateinamerika ist die Spezialität von Aventoura, insbesondere Kuba, Costa Rica und die Anden-Länder. Aber auch in der Karibik, in Asien, Afrika und Europa hat der Kleingruppen- und Individualreisespezialist aus Freiburg inzwischen Begegnungs-, Rad- und Wanderreisen im Programm.

Letzteres bereits seit Kindertagen. Deininger (57) erinnert sich daran, wie er als Zwölfjähriger im BMW mit seinem Vater als Fahrlehrer ein paar Kilometer durch die Sahara kurvte. Wie er als BWL-Student immer wieder Lateinamerika als Backpacker erforschte oder Kuba mit dem Rad erkundete. Oder wie er als Aventoura-Chef mehrere Monate pro Jahr am Llanquihue-See in Chile lebte, weil dies "der perfekte Ort war, um produktiv zu arbeiten und mein Grundbedürfnis von Freiheit, Natur und Abenteuer zu stillen".

Weiß man um diesen Hang zum Abenteuer, versteht man auch den Namen – und das Programm – von Aventoura ein wenig besser: Das spanische "Aventura" bedeutet "Abenteuer" auf Deutsch.
Auf der ITB 2019: Die Cata wählt Aventoura zum besten Reiseveranstalter für Mittelamerika.
Auf der ITB 2019: Die Cata wählt Aventoura zum besten Reiseveranstalter für Mittelamerika.
Aventoura

Vom ITler zum Touristiker

Deininger startete einst als Quereinsteiger. Nachdem er BWL studiert hatte, arbeitete er freiberuflich als ITler in Freiburg – bis 1995 ein örtliches Reisebüro ihn und Rolf Pfeifer fragte, ob sie eine Sondergruppenreise nach Ekuador organisieren könnten: Die beiden viel gereisten Freunde sagten sofort zu. Noch im selben Jahr gründeten sie Aventoura.

Von Deiningers Wohnzimmer aus veranstaltete man anfangs Reisen nach Bolivien, Peru und Ekuador. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Begegnung und Einbeziehung der lokalen Bevölkerung gelegt. "Es entsprach unserem Ideal", sagt er rückblickend, "Reisende über den Tellerrand blicken zu lassen, um so mehr über die Probleme eines Landes, aber auch über Lösungsansätze zu erfahren."
Präsenz vor Ort
In Kuba ist Aventoura in Havanna, Trinidad, Santiago de Cuba und Viñales vertreten. In Costa Rica hat der Lateinamerika-Spezialist in San José eine Niederlassung. Aventouras Agenturnetzwerk Latina Real Tours umfasst in Südamerika Partner in Argentinien, Bolivien, Chile und Ecuador.

Teils gehörten auch der Besuch von sozialen und ökologischen Projekten zum Programm. Unter der Marke Fair Tours wurden sogar Reisen zu den Ursprüngen von Fair-Trade-Produkten veranstaltet. Für diesen Einsatz für Völkerverständigung wurde Aventoura 1997 mit der Grünen Palme der Zeitschrift "Geo" ausgezeichnet – ein Preis, auf den Deininger bis heute besonders stolz ist.
Kuba ist das Brot-und-Butter-Geschäft von Aventoura.
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Durchbruch mit Kuba

Mit dem Nischenprodukt ließ sich nur kein Geld verdienen. Steil aufwärts ging es erst 1997 mit Kuba. Bei seinem ersten Besuch hatte sich Deininger sofort in das Land und seine Menschen verliebt. Ferner erkannte er das riesige und von den großen Veranstaltern so gut wie unangetastete Potenzial der Karibik-Insel abseits des Massentourismus.

Die Destination entwickelt sich schnell zum Bestseller.
Vom Start weg nachhaltig
Aventoura trägt das CSR-Tourism-Certified-Siegel für umwelt- und sozialverträgliche Reisen. Gerd Deininger: "Wir wollen mit unseren Reisen einen Beitrag zur sinnvollen Entwicklung eines Projektes, einer Region oder eines Landes leisten. Das war unser Ursprung, und das versuchen wir nach wie vor zu verwirklichen." Mit dem Förderverein Aventoura Provida unterstützt der Spezialist Hilfsprojekte in seinen Reiseländern.

Ein zentraler Bestandteil jeder Aventoura-Reise waren und sind die Kontakte zur Bevölkerung. Besucht werden zum Beispiel Familien, Hausärzte, Bauern, Tanzschulen oder Hilfsprojekte, übernachtet wird oft in Casa Particulares, den Privatpensionen der Einheimischen.

Dafür musste sich Deininger stets mit den staatlichen Agenturen arrangieren. Dies sei manchmal ein "Spagat", aber letztlich der "Schlüssel zum Erfolg gewesen", um solch ungewöhnliche Produkte in dem sozialistischen Staat überhaupt anbieten zu dürfen.
Mit der Marke Biketoura bietet Aventoura weltweit Abenteuer auf zwei Rädern – hier in Kolumbien.
Mit der Marke Biketoura bietet Aventoura weltweit Abenteuer auf zwei Rädern – hier in Kolumbien.
Aventoura

Abenteuergeist in der DNA

Deiningers Faible für Abenteuer spiegelt sich auch in den Aventoura-Produkten wider. Beispiel Kuba: In der Wohnmobiltour etwa oder der Motorradreise, die von Ernesto Guevara, dem Sohn von Kubas berühmtesten Guerillero Che Guevara, angeführt wird. Oder in der Wanderung durch die Bergwelt der Sierra Maestra, die zu Fidel Castros einstigem Rebellenlager führt.
Zur Person
Gerd Deininger (57), aufgewachsen im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch, studierte BWL mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik und arbeitete danach selbstständig in der IT-Branche. 1995 gründeten er und sein damaliger Geschäftspartner Rolf Pfeifer in Freiburg Aventoura. Deininger ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Freiburg-Opfingen.

Ganz neu ist die Rundreise im Motorradgespann. Bis heute gehören die Motorräder mit Beiwagen genauso zum Straßenbild auf Kuba wie die Oldtimer. "Das passt also wie die Faust aufs Auge", freut sich Deininger, der die zwei neuen russischen Ural-Maschinen extra nach Kuba hat verschiffen lassen.

Heute macht Kuba etwa 60 Prozent am Gesamtgeschäft aus. "Auf der Insel kennt uns inzwischen jeder Touristiker", sagt Deininger. In Havanna betreibt Aventoura ein eigenes Reisebüro im ehemaligen Bacardi-Firmensitz. "Die örtliche Präsenz ist ein USP von uns."
Ein Meilenstein ist die erste Kuba-Reise 1997. Deininger empfängt die Teilnehmer mit einer Liveband.
Ein Meilenstein ist die erste Kuba-Reise 1997. Deininger empfängt die Teilnehmer mit einer Liveband.
Aventoura

Sorgenkind Kuba

Viel Freude zum Firmenjubiläum kam bei Aventoura im vergangenen Jahr nicht auf. In der Corona-Krise habe man mit der Brot-und-Butter-Destination Kuba "nicht gerade den Joker gezogen", sagt Deininger. Einzig Quarantänehotels würden sich verkaufen, sagt er, ansonsten sehe es "düster" aus. Im Vergleich zu 2019 betrug der Umsatzverlust 85 Prozent. 2020 nennt er "ein Fiasko".
Eine tolle Initiative für kleine und mittelständische Veranstalter, mit deren Kriterien wir uns voll identifizieren. Bereits jetzt kommen 50 Prozent unserer Buchungen von den Reisebüros – wir hoffen durch One Voice auf eine noch bessere Positionierung im Vertrieb.
Gerd Deininger über One Voice

Als Condor im November 2020 Kuba wieder ansteuerte, saß Deininger mit 150 weiteren Touristikern noch hoffnungsfroh in der ersten Maschine. Doch das Comeback war nur von kurzer Dauer: Mit dem sprunghaften Anstieg der Infektionsrate traten erhebliche Reiseeinschränkungen in Kraft. Im März 2021 stellte Condor die Kuba-Flüge vorerst wieder ein.
Das Aventoura-Team im Jahr 2019: Viele der Mitarbeiter haben lateinamerikanische Wurzeln.
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Sorgenfalten bereitet Deininger nicht nur sein Freiburger Geschäft, sondern auch die missliche Lage in Kuba. Von Deutschland aus versucht er dem von einer heftigen Wirtschaftskrise geplagten Land zu helfen. Im Rahmen der Spendenaktion "Impfspritzen für Kuba" zum Beispiel hat Aventoura bislang über 100.000 Spritzen auf die Karibik-Insel geschickt. Mehrere Paletten mit medizinischer Ausrüstung sind zurzeit auf dem Seeweg nach Kuba.

Die gute Nachricht: Es gibt Grund zur Hoffnung. Die kubanische Regierung hat angekündigt, dass von Mitte November an die Einreise für geimpfte Touristen deutlich unkomplizierter und ohne Quarantäne möglich sein wird. Deininger ist vorsichtig optimistisch.
In Deininger (hier am San Rafael-Gletscher in Chile) steckt ein Abenteurer – das spiegelt sich auch in Aventouras Produkten wider.
In Deininger (hier am San Rafael-Gletscher in Chile) steckt ein Abenteurer – das spiegelt sich auch in Aventouras Produkten wider.
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Aktivreisen mit einer Prise Abenteuer

Nächstes Jahr will er wieder voll durchstarten. Die größten Wachstumschancen sieht er im Bereich der Aktivreisen. Deininger ist selbst ein begeisterter Sportler: Er joggt, wandert über Berge, spielt Tennis, fährt Mountainbike. Das Radfahren ist vielleicht seine größte Leidenschaft. Als Student radelte er auf einer USA-Reise einmal von Ohio bis nach Florida.

Er will nun 2022 die neue, aber kurz vor der Corona-Krise ausgebremste Marke Biketoura "zum Leben erwecken". Die Chancen stehen nicht schlecht, denn im Zuge des E-Bike-Booms ist die Zielgruppe für das Produkt deutlich gewachsen.
Radreisen auf Kuba: Abseits der Großstädte herrscht auf den Straßen so gut wie kein Verkehr.
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Auf Kuba etwa habe man von Beginn an Radreisen im Programm und sei in dieser Nische einer der Marktführer. "Anfangs fanden die Kubaner den Anblick von radelnden Touristen schon ein bisschen seltsam", sagt Deininger, "aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt." Einmalig seien für ihn die "spontanen Begegnungen auf Augenhöhe mit der Landbevölkerung. Man radelt den einen oder anderen Kilometer gemeinsam mit Kubanern und bekommt dabei die beste Unterhaltung und sehr authentische Einblicke in das Leben auf Kuba."

Radreise-Abenteuer in Kirgisistan


Biketoura wird nicht auf Lateinamerika begrenzt sein. Deininger will mit der Marke auch in Vietnam, Neuseeland oder Namibia an den Start gehen. Ein besonderes Biketoura-Ziel wird Kirgistan sein, das Geburtsland seiner Frau Aleksandra. Auf der Mountainbike-Reise geht es durch das Tian-Schan-Gebirge, ein Koch ist mit dabei, an manchen Tagen wird in Jurten unter freiem Himmel übernachtet. Ein Abenteuer ganz nach Deiningers Geschmack. 
Zu Ende gedacht
Kubaner sind …
… offen, fröhlich, kontaktfreudig, mitreißend musikalisch, Meister der Improvisation und scheinbar unendlich geduldig.

Wenn ich nicht Touristiker geworden wäre …
… wäre ich Gärtner oder Besitzer einer Baumschule geworden. Ich habe ein Faible für Botanik. Darum liegen mir auch unsere Wiederaufforstungsprojekte in Costa Rica und Paraguay so am Herzen.

Mit dieser historischen Person möchte ich gern einen Tag verbringen:
Alexander von Humboldt. Mich interessiert seine Sicht der Dinge. Vielleicht hat er ja noch ein paar Insider-Tipps, die wir in unsere Lateinamerika-Reisen einbauen können. ;-)

Meine Lebensphilosophie:
Immer für alles offen sein, beweglich und dynamisch bleiben.

Ich lese gerade …
… "In Patagonien: Reise in ein fernes Land" von Bruce Chatwin. Das ist wohl das Fernweh!

Wenn ich abschalten will …
… geht es zum Joggen oder Radfahren am Tuniberg, der liegt praktisch vor meiner Haustür.

Eine heimliche Leidenschaft von mir ist …
… Marmelade kochen.
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