Interview mit Johannes Frangenberg

"Wir gehen davon aus, 9000 Teilnehmer zu verlieren"

Schwieriges Timing für Johannes Frangenberg vom Japan-Veranstalter JF Tours: Der Beginn der Corona-Krise fiel mit dem Start der Kirschblütensaison zusammen.
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Schwieriges Timing für Johannes Frangenberg vom Japan-Veranstalter JF Tours: Der Beginn der Corona-Krise fiel mit dem Start der Kirschblütensaison zusammen.

Nach der Fukushima-Katastrophe steht der Japan-Spezialist JF Tours im Zuge der Corona-Krise vor einer erneuten großen Bewährungsprobe. Geschäftsführer Johannes Frangenberg berichtet.

fvw: Was ist für Sie das Bemerkenswerteste an der augenblicklichen Situation?
Johannes Frangenberg: Ein Großteil meiner Mitarbeiter ist nach der Fukushima-Katastrophe vor neun Jahren nun zum zweiten Mal massiv betroffen. Trotzdem sind der gute Zusammenhalt und der Optimismus bei uns im Team in Hilden und bei den Reiseleitern bemerkenswert.


Wie ist Ihr Geschäft von der Corona-Pandemie betroffen?
Der Beginn der Krise fiel ausgerechnet mit dem Beginn der Kirschblütensaison zusammen. Viele Japan-Spezialisten generieren in dieser Zeit bis zu 50 Prozent ihres Jahresumsatzes. JF Tours geht in seiner Budget-Planung derzeit konservativ davon aus, 2020 keine Rundreise mehr durchführen zu können und damit rund 9000 Teilnehmer zu verlieren. Dies entspricht einem Umsatz von 21 Mio. Euro. 16 Mitarbeiter in Hilden arbeiten zurzeit kurz. Rund 65 JF-Tours-Reiseleiter werden demnach in den nächsten Monaten ohne Aufträge sein. Nach vielen erfolgreichen Jahren verfügt JF Tours jedoch über genügend liquide Mittel zur Überbrückung der Krise.

Die Einreiseverbote der japanischen Regierung wie auch die deutsche weltweite Reisewarnung lassen derzeit keine Reisedurchführung zu. Wie ist die Lage in Japan?

Ab dem 7. April tritt in Japan eine Notstandsgesetzgebung in Kraft, wozu uns die Informationen über die Einschränkungen im täglichen Leben noch fehlen. Erinnern wir uns jedoch: Japan wurde vom Robert-Koch-Institut seit Mitte Februar als Risikogebiet deklariert. Inzwischen liegt Deutschland bei rund 100.000 Infizierten, Japan gerade mal bei 3650.

Tragen die Umgangsformen in Japans Gesellschaft dazu bei, dass sich das Virus dort nicht so schnell ausbreitet?
Die Japaner kommen sich nicht nahe, das stimmt. Man verbeugt sich, statt einander die Hände zu schütteln. Es gibt keine Umarmungen. Schon vor Corona haben etwa 20 Prozent der Japaner besonders im Winter in den U-Bahnen Atemschutzmasken getragen, um andere vor Infektionen zu schützen. Das ist Alltag in Japan. In der aktuellen Situation ist der Anteil schätzungsweise auf über 75 Prozent gestiegen. Auch dem Appell der Regierung, sich zu den Kirschblütenfesten nicht in großen Gruppen zu versammeln, haben die Japaner Folge geleistet. Das alles ist aber nur Spekulation. Man muss dazu wissen, dass in Deutschland bisher rund eine Million Corona-Tests durchgeführt wurden und in Japan nur etwa 40.000. Man muss schon sehr krank sein, um getestet zu werden.

JF Tours hat Anfang März noch Reisen durchgeführt ...
Ja, zwischen dem 1. März und der Reisewarnung des Auswärtigen Amts am 17. März starteten rund 360 Gäste nach Japan, unter anderen von Gebeco, Dertour, Chamäleon und Lidl Holidays. Alle Touren konnten wir ohne Panik und Reiseabbruch – wie in anderen Teilen der Welt berichtet wurde – problemlos zur vollsten Zufriedenheit der Kunden durchführen und letztlich mit planmäßigen Lufthansa-, Swiss- und ANA-Flügen zurücktransportieren. Ein Dank gilt unseren Veranstalter-Kunden, dass sie der Lagebeobachtung durch JF Tours jederzeit vertraut haben.
 
Wie schätzen Sie künftig die Nachfrage im deutschen Markt für das Fernreiseziel Japan ein – insbesondere bei Neukunden?
Japan liegt seit Jahren im Trend, in allen Segmenten, ganz auffällig ist die Nachfrage nach Kleingruppen. Daran wird sich nach der aktuellen Krise unserer Meinung nach nichts ändern. Lediglich bei Angeboten im Niedrigpreissegment sehen wir wegen eines möglichen Kaufkraftverlustes eine kurzfristige Zurückhaltung. Viele Veranstalter planen für 2021 einen erheblichen Nachholbedarf. In den letzten Tagen gab es den Wunsch nach massiver Aufstockung der Termine. Eine derartige Volumenausweitung würde uns jedoch überfordern.

Inwiefern?

Großer Engpass sind unsere qualifizierten Japanologen, die unsere Reisen leiten. Der Kapazitätsaufstockung können wir nur in dem Maße nachkommen, in dem wir auch die gewohnt hohe Reiseleiterqualität zur Verfügung stellen.
 

Vor der Corona-Krise war Japan eines der weltweiten Trendziele schlechthin – auch für deutsche Urlauber. Hat der Boom jetzt ein Ende?
Keineswegs, unser Geschäftsmodell wird nach einer Durststrecke wieder voll durchstarten, denn bei vielen unserer Fernreisen–Veranstalterkunden hat Japan in den letzten Jahren beim Umsatz erhebliche Bedeutung gewonnen. Im Olympia-Jahr 2020 freuten sich viele Veranstalter über 20 bis 40 Prozent Teilnehmer-Steigerung. Grund hierfür war auch die moderate Preispolitik japanischer Hotels und Leistungsträger außerhalb der Zeit der Olympiade.

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