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Lernidee baut auf zwei Eigengewächse

Generationswechsel in der Corona-Pandemie: Nurlan Mukash und Felix Willeke sind seit Ende 2020 neue Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen.
Lernidee Erlebnisreisen
Generationswechsel in der Corona-Pandemie: Nurlan Mukash und Felix Willeke sind seit Ende 2020 neue Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen.

Junge, alte Hasen: Fast ein halbes Leben sind Nurlan Mukash und Felix Willeke, die neuen Lernidee-Geschäftsführer, für den Spezialisten für besondere Zug- und Schiffsreisen tätig. Ihre Mission: Nicht weniger als die Erwartungen ihrer Kunden zu übertreffen.

Gerade erst haben Felix Willeke (40) und Nurian Mukash (41) mit Hans Engberding telefoniert. Der 69-jährige Gründer und Inhaber des Berliner Veranstalters mischt zwar nicht mehr im Tagesgeschäft mit, ist aber weiter ein gefragter Gesprächspartner. "Seine Kreativität und sein Erfahrungsschatz sind für uns sehr wichtig", sagt Willeke.


Wobei: Auch Willeke und Nurlan Mukash verfügen über reichlich Erfahrung. Seit Langem sind sie Mitglieder der Geschäftsführung, beide arbeiten seit fast 20 Jahren bei Lernidee. Mukash startete einst als Praktikant, Willeke als studentische Hilfskraft.

Als der langjährige Geschäftsführer Thorsten Haferkamp Anfang 2021 aus dem Unternehmen schied, waren sie erste Wahl. Willeke: "Wir haben recht gegensätzliche Stärken und Temperamente und ergänzen uns daher super."

Der Auftrag: Lebensträume verwirklichen

Der Mittelständer, der 1986 mit Sprachreisen auf der Transsibirischen Eisenbahn begann, setzt heute auf Erlebnisse. Oder wie es Mukash formuliert: "Ich möchte Lebensträume verwirklichen."

Im Portfolio finden sich Sonderzüge wie der Zarengold auf der Transsib (nach wie vor ein Bestseller) oder der African Explorer (bekannt aus der ARD-Serie "Verrückt nach Zug"), aber auch weltweite E-Bike-Reisen oder Boutique-Kreuzfahrten auf dem Mekong mit zwei eigenen Schiffen.
Ob Nurlan Mukash (hier auf der ITB) bald Angela Merkel als Lernidee-Kundin gewinnt? Angeblich träumt die Noch-Kanzlerin davon, einmal in der Transsib zu fahren.
privat
Ob Nurlan Mukash (hier auf der ITB) bald Angela Merkel als Lernidee-Kundin gewinnt? Angeblich träumt die Noch-Kanzlerin davon, einmal in der Transsib zu fahren.
Ein Kirgise in Berlin
Der gebürtige Kirgise Nurlan Mukash (41) kam 2000 nach Deutschland, um am Willy-Scharnow-Institut für Tourismus der FU Berlin zu studieren. Nach einem längeren Praktikum stieg er nach seinem Abschluss 2003 als Produktmanager bei Lernidee ein, leitete später die wichtige Russland-, Zentralasien- und GUS-Abteilung. Der Reisetraum des vierfachen Vaters und Fußball-Fans: Bären beim Fischfang in Kamtschatka beobachten.

Reisebüros sind mit 78 Prozent Buchungsanteil der wichtigste Vertriebskanal für Lernidee. "Wir wollen eine faire Zusammenarbeit auf Augenhöhe", sagt Geschäftsführer Mukash. "Viele Forderungen der Reisebüros haben wir schon immer erfüllt. Aber es gibt auch Punkte, die wir aufgrund unserer Geschäftsmodelle nicht erfüllen können."

Vor der Pandemie lagen außergewöhnliche Ziele und Reisearten voll im Trend. Lernidee profitierte davon, setzte pro Geschäftsjahr rund 65 Mio. Euro um und ist auf 40 Quellmärkten aktiv. Willeke: "Unsere Kunden sind vielschichtiger geworden. Gäste unter 50 Jahren sind heute bereit, relativ hohe Summen für eine Once-in-a-Lifetime-Experience auszugeben."
"Herausfordernde, wilde Tage": Felix Willeke war an Bord der letzten Transsib-Reise im März 2020, die wegen der Pandemie vor der mongolischen Grenze abgebrochen wurde.
Lernidee Erlebnisreisen
"Herausfordernde, wilde Tage": Felix Willeke war an Bord der letzten Transsib-Reise im März 2020, die wegen der Pandemie vor der mongolischen Grenze abgebrochen wurde.
"Texter gesucht"
Vor 19 Jahren antwortete Felix Willeke (40) auf eine Lernidee-Anzeige am schwarzen Brett der Humboldt-Universität Berlin – der Rest ist Geschichte: Der Linguistik-Student wurde 2005 (noch vor seinem Abschluss) fest angestellt, war danach vor allem für Marketing und PR verantwortlich. Mehr noch: Der gebürtige Gütersloher lernte im Unternehmen seine Frau kennen. Der Reisetraum des zweifachen Vaters, der zum Entspannen aufs Land fährt: eine Wohnmobiltour durch Skandinavien oder Kanada.

Erlebnisse, die man nicht kaufen kann

Wie sich die Durchführung einer Reise in einer beginnenden Pandemie anfühlt, hat Willeke hautnah erlebt: Der 40-Jährige war im März 2020 an Bord der letzten Transsib-Fahrt, die kurz vor der Grenze zur Mongolei abgebrochen wurde. Ihm und seinem Team gelang es in letzter Sekunde, die Gäste aus zahlreichen Nationen vor der drohenden Quarantäne zu evakuieren.

"Wir haben treue Kunden", sagt Willeke. Fast 50 Prozent hätten teilweise ihre Reisen umgebucht. Die Nachfrage für 2022 sei erfreulich. "Das bestärkt uns. Vielleicht ist die Pandemie ja sogar ein Beschleuniger, seine Lebenstraumreise noch früher zu verwirklichen."
Machte die Transsibirische Eisenbahn zur weltweiten Attraktion: 1986 gab Hans Engberding einen Russischkurs auf der Transsib. Noch im selben Jahr gründet er Lernidee.
epr/Lernidee Erlebnisreisen
Machte die Transsibirische Eisenbahn zur weltweiten Attraktion: 1986 gab Hans Engberding einen Russischkurs auf der Transsib. Noch im selben Jahr gründet er Lernidee.

Derweil beherzigt Mukash einen Rat, den Lernidee-Gründer Engberding den Jung-Chefs mit auf den Weg gegeben hat: "Übertrefft die Erwartungen unserer Kunden." Auch darum will der gebürtige Kirgise "individuelle Entdeckungen und Erlebnisse noch mehr in den Fokus rücken".

Beispielhaft erzählt er von seinem unvergesslichen Reiseerlebnis mit Lernidee. Es war im Winter auf der Transsib: Bei einem Spaziergang auf dem zugefrorenen Baikalsee, dem tiefsten See der Welt, hörte Mukash plötzlich ein lautes Knacken im Eis.

"Es war gefühlt der schnellste Sprint meines Lebens zum Ufer", berichtet Mukash. "Später im Zug erklärte uns die Reiseleiterin, dass die Geräusche nichts Ungewöhnliches seien. Und dass wir nicht so schnell hätten laufen müssen. Das sind Erlebnisse, die man nicht kaufen kann."

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