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Freies Reisen für Geimpfte – aber nicht sofort!

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Dass Menschen mit Impfnachweis wieder unterwegs sind, dürfte sich kaum verhindern lassen. Doch Vorsicht: Solange ungeklärt ist, ob Geimpfte wirklich nicht ansteckend sind, kommt die Debatte hierüber zu früh.

Von "gefährlichen Sonderrechten" ist die Rede und von einer drohenden "Zwei-Klassen-Gesellschaft": So erbittert, wie die Debatte über "Privilegien" für Geimpfte geführt wird, so verfrüht und zugleich irreführend ist sie.

Verfrüht, weil die medizinischen Voraussetzungen noch nicht geklärt sind – dazu später mehr. Und irreführend, da es sich nicht wirklich um Privilegien handelt. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wie ließe es sich rechtlich rechtfertigen, immunisierten Menschen ihr Recht aufs Reisen zu nehmen?

Lichtblick für die Touristik

Wer Rechte einschränkt, muss dafür ganz besondere Gründe nennen – dazu gehören die Gefahr für Leib und Leben in der Corona-Pandemie ebenso wie die Überlastung der Gesundheitssysteme. Aber von Geimpften wird aller Wahrscheinlichkeit nach diese Gefahr nicht mehr ausgehen. Streng genommen würden sie also gar nicht bevorzugt, sondern nähmen lediglich wieder jene Rechte in Anspruch, die sie vor der Viruskrise auch schon hatten.

Und wirtschaftlich könnten sich die vermeintlichen Sonderrechte zu einem ersten Lichtblick für die arg gebeutelte Touristik entwickeln. Nicht von ungefähr ist es ausgerechnet Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis, der sich in der EU dafür einsetzt, dass der Impfpass zum zweiten Reisepass wird. Denn wie kaum ein anderes europäisches Land ist die Mittelmeer-Destination vom Sommertourismus abhängig.

Dass private Anbieter wie etwa Fluggesellschaften, vor allem aber Staaten den Impfpass zur Pflicht machen werden, daran wird niemand etwas ändern können. Erste Länder setzen dies bereits heute um, weitere werden folgen. Hinzu kommt, dass eine Impfpflicht für Urlauber nichts Neues ist: Manche Länder lassen ohne Gelbfieberimpfung lange schon niemanden hinein.

Zwei Probleme bleiben

Und doch stoßen wir mit Blick auf Corona in eine ethische und eventuell rechtliche Grauzone. Denn als problematisch erweisen sich zwei Punkte:

Erstens ist es noch nicht nachgewiesen, dass Geimpfte wirklich keine anderen Menschen anstecken können. Diese Frage aber muss unbedingt geklärt sein, bevor Geimpfte grünes Licht fürs Reisen erhalten. Biontech hat für die kommenden Wochen Aufklärung angekündigt. Doch auch ein positives Resultat gilt dann natürlich nur für den deutschen Impfstoff, nicht aber für andere.

Zweitens haben die weitaus meisten Menschen, die sich impfen lassen wollen, noch gar keine Chance dazu – weil sie keiner Risikogruppe angehören. Darf man also Personen etwas verbieten, die eigentlich bereit wären, die Bedingungen zu erfüllen, dazu aber nicht die Möglichkeit haben?
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Griechenland, Portugal, Malta, Spanien: Vor allem die klassischen Reiseländer fordern, dass der Impfausweis zu einer Art zweitem Reisepass werden soll. Andere Staaten wie Frankreich oder Deutschland sind skeptisch.
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Doch wie dringlich ist dieser Punkt wirklich? Fakt ist doch: Die Ungleichheit ist mild und aller Voraussicht nach von kurzer Dauer. Sie ist mild, weil mit den Älteren zunächst nur jene "bevorzugt" werden, die vor allem mit Blick auf die Todeszahlen auch mit Abstand am stärksten unter der Pandemie leiden – also eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. Wäre es also wirklich so schlimm, wenn sie nun etwas eher als andere in den Genuss gewisser Vorteile kämen?

Und von kurzer Dauer wären die Privilegien, weil mit der Zulassung neuer Vakzine die Zahl der Geimpften rasch steigen wird. Vielleicht verhält es sich mit dem Impfstoff so wie mit den Masken 2020: Nach anfänglichem Mangel waren recht schnell viele vorhanden.

Natürlich muss man aufpassen, dass es am Ende nicht zu einer Impfpflicht durch die Hintertür kommt: Es müssen auch künftig jene reisen dürfen, die die Spritze ablehnen – für sie muss es Alternativen wie Testpflicht und Quarantäne geben. Für die Touristik aber ist es wichtig, dass sich der Reiseverkehr so schnell wie nur möglich wiederbelebt. Und das heißt: Grünes Licht für Geimpfte – aber erst dann, wenn bewiesen ist, dass sie nicht mehr ansteckend sind!

2 Kommentare Kommentieren

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2.
Rainer Nuyken
Erstellt 25. Januar 2021 16:35 | Permanent-Link
bearbeitet

Volle Zustimmung - außer: die Debatte ist NICHT zu früh. Eine Umsetzung wäre sicher verfrüht, aber angesichts der langen Diskussionen und Gesetzgebungsverfahren (einschl. Durchführungsverordnungen), kann man mit einem "Öffnungs-Fahrplan" nicht früh genug beginnen. Warum also nicht ein "wenn X erreicht ist, dann machen wir Y". Genau danach sehnen sich doch unsere Reisegäste, aber auch die Reisebüros, Veranstalter, Gastwirte, Hoteliers, Händler, Frisöre usw. usf.

1.
marketing
Erstellt 25. Januar 2021 15:06 | Permanent-Link

genau so könnte es gehen, das wäre eine gute Strategie auch Alternativen für Nicht Impfer zu schaffen

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