ITB Daily | ITB-Chef David Ruetz im Interview

Über den großen Wurf einer digitalen ITB

Der 52-jährige Schweizer David Ruetz lenkt die ITB seit 2003.
Privat
Der 52-jährige Schweizer David Ruetz lenkt die ITB seit 2003.

Statt vor Ort in Berlin findet die weltweit größte Tourismusmesse in diesem Jahr rein digital statt –  vor der Corona-Pandemie ein undenkbares Unterfangen. Was diese ITB-Premiere konkret bietet, erläutert Messe-Chef David Ruetz im Gespräch mit fvw | TravelTalk.

fvw | TravelTalk: Gut 160.000 Besucher und 10.000 Aussteller zählt die ITB normalerweise, und viele Dutzend Veranstaltungen laufen gleichzeitig. Wie lässt sich das digitalisieren?
David Ruetz: Die digitale ITB Now ist nicht die klassische ITB – hier sollte man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Dennoch gibt es Parallelen, ganz besonders, was die seit der Gründung 1966 geltende Mission betrifft. Unser Ziel ist, die B2B-Welt der Touristik zusammenzubringen, zu informieren und Geschäftsabschlüsse anzubahnen. Diese Katalysatorenaufgabe erfüllen wir 2021 mit anderen Mitteln.


Technisch ist das anspruchsvoll, und es ersetzt das persönliche Treffen nicht. Wir haben das vergangene Weihnachtsfest mit Eltern und Schwiegereltern digital gefeiert: Das hat gut funktioniert, aber beim nächsten Mal möchten wir sie wieder persönlich und vor Ort sehen. Auch die ITB Now ist ein solches digitales Familientreffen.
fvw|TravelTalk verlost 250 Freikarten zur ITB Now
Wer einen kostenlosen Zugang zur ITB Now gewinnen will, schreibt bitte eine formlose Mail mit Name, E-Mail-Adresse und Arbeitgeber (bzw. Hinweis "selbstständig") an: gewinnspiel@fvw-medien.de mit dem Betreff: ITB NOW 2021

Bewerbungsschluss ist der 1. März, wir versenden die Codes ab dem 2. März.


Warum nennen Sie die ITB 2021 nicht ausdrücklich "digitale ITB"?
Dagegen haben wir uns bewusst entschieden, weil das nach "digitaler Entschuldigung" klingt. Die ist es aber nicht. Sie ist einfach eine ITB, wie wir sie bisher noch nie kannten. Zudem senden wir für unseren Kongress live von zwei Bühnen aus dem City Cube. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit allen Beteiligten etwas Spannendes wie Innovatives schaffen! Das Messegelände selbst wird derzeit übrigens als Impfzentrum und als Krankenhaus genutzt.

Wie hat man sich denn die virtuellen Stände vorzustellen?
Wir verzichten auf 3-D-Darstellungen, die unnötig hohe Kapazitäten an Datenvolumen benötigen würden. Stattdessen stellen sich die Aussteller mit Brand Cards dar, also Unternehmensprofilen, über die verschiedenste Funktionen möglich sind. So lassen sich Dokumente herunterladen, Produkte präsentieren, Filme zeigen, man gelangt zu Mitausstellern oder kann sich zu Treffen verabreden. Auch Pressekonferenzen sind möglich. Da Reisen sowieso keine Ware ist, die man anfassen kann, kommt uns dieses Format zugute. Andere Branchen haben es da deutlich schwerer.

Ebenso wichtig wie die Information am Stand ist auf der klassischen ITB das Networking. Wie setzen Sie das digital um?
Das virtuelle Networking geschieht über einen Discovery Graph. Dieser basiert auf einem Algorithmus und macht den Besucherinnen und Besuchern abhängig von ihren jeweiligen Interessen Kontaktvorschläge. Natürlich können sie darüber auch solche Personen finden, mit denen sie bereits in Kontakt stehen.

Zusätzlich bieten wir Cafés, in denen sich die Teilnehmer austauschen können – sowohl ITB-Themen-Cafés als auch solche der Aussteller. Insgesamt ist die ITB Now damit so etwas wie eine Mischung aus Netflix, Linkedin und Zoom – wobei sämtliche Funktionen rein als Werkzeug dienen sollen und nicht als Spielzeug.

Brand Cards, Discovery Graph – das klingt nicht gerade einfach …
Die Plattform ist übersichtlich gestaltet, dennoch sind solch neue Techniken sicher kein Spaziergang. Wir empfehlen den Besucherinnen und Besuchern daher, sich bereits vor Eröffnung mit der Plattform zu beschäftigen. Dazu bieten wir für Montag, 8. März, einen Soft-Opening-Tag an.

Dann haben alle Teilnehmer die Gelegenheit, sich mit den Funktionen vertraut zu machen, also beispielsweise zu klären, wie sie sich einwählen oder wie sie Termine vereinbaren können. Das ist ein wenig so wie mit dem Erlernen des Fahrradfahrens: Einfach aufs Rad und losfahren – das funktioniert meist nicht. Man muss das schon üben.

Und wenn während der Messe technische Probleme oder Fragen auftauchen?
Nach dem Login landen Teilnehmer der ITB Now in einer virtuellen Lobby. Dort finden sie neben Informationen zu den Inhalten, zum Kongressprogramm, zu Ausstellern und eigenem Networking-Bereich Nutzungshilfen. Reicht das nicht, können sie sich an unser Service- und Support-Helpdesk wenden. 30 Kolleginnen und Kollegen helfen hier über alle Kanäle von der E-Mail über das Live-Video bis zur Telefon-Hotline.

Wie viele Aussteller haben sich bereits angemeldet? Und wie viele erwarten Sie?
Derzeit sind schon 2000 Aussteller aus 120 Ländern dabei. Hinzu kommen zahlreiche Unteraussteller, allein Italien beispielsweise hat fast 300 Partner für seinen Stand angemeldet. Für uns sind das erfreulich hohe Zahlen, die das Vertrauen der Aussteller in die ITB Berlin auch in diesen Zeiten belegen.

Gibt es denn Branchen, die diesmal besonders stark vertreten sind?
Die Top-Five der Aussteller umfassen die Tourismussämter, die Technikanbieter, die Veranstalter, die Hotels und die Destinationsagenturen. Auffallend ist, dass viele ehemalige Mitaussteller nun selbst zu Hauptausstellern werden, weil sie eine Brand Card natürlich viel einfacher finanzieren können als einen eigenen Stand auf der analogen ITB. Zudem registrieren wir ganz neue Anbieter, etwa Hersteller von Sonnenschirmen speziell für Hotels. Auch für solche Aussteller wäre ein echter Stand finanziell vielleicht nicht unbedingt machbar gewesen.

Und wie sieht es in geografischer Hinsicht aus?
Mit dabei sind die 120 touristisch wichtigsten Länder, darunter auffallend viele Inseln – sowohl Staaten wie die Seychellen oder Vanuatu als auch Regionen wie die Balearen. Sie gehörten sogar zu den ersten Ausstellern, die sich für die ITB Now registriert haben. Das liegt sicher auch daran, dass Inseln als vergleichsweise gut isolierte Gebiete in Sachen Corona ihre Vorteile haben und sie auch deshalb auf einen guten Neustart im Tourismus hoffen können.

Die 1000 Top-Reiseeinkäufer finden sich normalerweise im ITB Buyers Circle wieder und genießen als solche einige Vorteile …
… und das ist auch virtuell der Fall! Der Zuspruch ist erneut sehr groß, so dass es für diese Top-Einkäufer nicht nur freien Eintritt, sondern etwa auch einen eigenen exklusiven Bereich auf der Plattform gibt.

Wie teuer ist das ITB-Ticket für den traditionellen Fachbesucher?
Wir haben uns diesmal auf nur zwei Preiskategorien beschränkt: Der klassische Zugang kostet 99 Euro, und Studenten zahlen 49 Euro. Verbände wie der DRV können ihre Mitglieder, also etwa Reisebüros, mit Tickets zu 89 Euro ausstatten. Die Plattform ITB Berlin Now kann bis Ende Mai genutzt werden, und natürlich lassen sich mit diesem Zugang auch wieder alle Veranstaltungen des Kongresses besuchen, da sie als On-Demand-Video im Nachgang zur Verfügung stehen.
David Ruetz
Karriere: Der 52-jährige Schweizer lenkt die ITB seit 2003. Mit 16 jobbte er erstmals als Bellboy in einem Luxushotel in Interlaken. Nach dem Studium in Berlin und Zürich war er unter anderem für Volkswagen und Ruhrgas im Event-Marketing sowie als Reiseleiter tätig.

Privat: Der Eisenbahnfan (das Foto entstand vor der Lokhalle im stillgelegten Eisenbahngelände Berlin-Schöneberg) ist verheiratet und hat vier Kinder und zwei Enkel. Als leidenschaftlicher Pianist spielt er in der Freizeit gern Kammermusik.

Wie wird denn der virtuelle Kongress aussehen?
In der digitalen Form wird er sich vom analogen Pendant insofern unterscheiden, als dass wir ihn weder überfrachten noch mit allzu langen Sessions ermüden wollen. Die Zahl der Bühnen haben wir von zwölf auf zwei reduziert, und die Slots fallen kürzer aus als sonst, denn vor dem Bildschirm ist es erfahrungsgemäß deutlich anstrengender, einem Beitrag zu folgen, als wenn man in der Halle sitzt.

Und thematisch?
Von Luxus über Business Travel, Luftfahrt, Mice, Kreuzfahrt oder Klimaschutz werden wir alle wichtigen Themen aufgreifen. Dabei steht das Ganze natürlich unter dem Dach des touristischen Neustarts. Ausgesprochen hoch ist zudem das Level der Redner des Kongresses. So ist von TUI-Deutschland-Chef Marek Andryszak über Emirates-Präsident Tim Clark, DER-Touristik-Chef Sören Hartmann oder Air-France-KLM-CEO Ben Smith bis hin zu Dara Koshrowashahi von Uber die oberste Führungsriege der Touristik vertreten.

Werden wir 2022 dann eine hybride ITB Berlin erleben?
Hybrid sind wir ja längst, viele Veranstaltungen waren auch bislang schon digital zu verfolgen. Aber sicher werden solche Möglichkeiten ausgebaut, indem zum Beispiel Besucher am analogen ITB-Messestand direkt und virtuell mit einem Vertreter des jeweiligen Landes vor Ort sprechen können. Ich denke, der Einsatz von digitaler Technik wird sehr viel selbstverständlicher werden – ohne, dass diese unbedingt das persönliche Treffen ersetzt.

Wie wird denn Ihr persönlicher digitaler Rundgang aussehen?
In jedem Fall werde ich unseren Kulturpartner Sachsen besuchen, der auch den Chef des Gewandhauses aufbietet, aber auch Georgien, ein unentdecktes, sicheres Reiseziel und dieses Jahr auch erstmalig Abenteuer- und Nachhaltigkeitspartner. Gespannt bin ich zudem auf Emirates-Chef Tim Clark.
8 Kommentare Kommentieren

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6.
Thorsten Lehmann
Erstellt 5. März 2021 09:51 | Permanent-Link
bearbeitet

05. März 2021. Login-Versuch via Tablet. Meldung des Systems: "ITB experience is otipmized for desktop. Please login via your Notebook or PC to get the full experience." Das lässt einen einfach fassungslos zurück. Das kann man nicht mehr schönreden.

peter hübsch
Erstellt 5. März 2021 10:03 | Permanent-Link

@Thorsten Lehmann: das war auch direkt mein erstes Erlebnis, als meine Anmeldedaten kamen :-) man kann gar nicht glauben, dass das alles ernst gemeint ist...

5.
Eckhard Kloth
Erstellt 26. Februar 2021 13:24 | Permanent-Link

Die Lage ist nun mal wie sie ist. Natürlich macht es viel mehr Spaß, von Stand zu Stand zu bummeln, ferne und nahe Urlaubsziele zu erkunden usw. Die Veranstalter unternehmen angesichts der weltweiten Pandemie den begrüßenswerten Versuch, nicht die ganze ITB auf 0 zu schalten. Wir werden sehen, wie gut diese virtuelle Messe funktioniert. Ich halte das aber schon heute für besser als überhaupt nichts zu machen und wünsche den Machern der ITB, den Ausstellern und Besuchern viel Erfolg und hoffentlich auch etwas Spaß.

4.
Karl Heyne
Erstellt 26. Februar 2021 10:40 | Permanent-Link

Selbst für eingeladene "Guest-Tickets" bei denen ein "Besucher" nur mit einem Aussteller sprechen kann, müssen sich die Besucher digital "ausziehen" mit einem 3-seitigen-Anmeldeablauf. Warum? Damit, und mit dem rein englischsprachigen Portal, verliert die ITB leider komplett die Besucher aus dem deutschsprachigen Raum. Es sollte heutzutage wirklich möglich sein, ein Portal aufzusetzen was mehrsprachig ist – insbesondere bei den geforderten Preisen.
Das Portal selbst ist durchaus interessant gemacht.
Aber – abgerechnet wird am Schluss. Ich empfehle dennoch allen Touristikern die Anmeldung. Denn so einfach war der Besuch der ITB tatsächlich noch nie und der Bedarf an Informationen aus erster Hand noch nie so groß!

Dietmar Pedersen
Erstellt 26. Februar 2021 18:13 | Permanent-Link

@Karl Heyne:
Ich habe auch nach der deutschen Seite gesucht und nicht gefunden.

Ich dachte schon, ich sei zu dumm, die deutsche Webseite zu finden. Tatsächlich ist die ITB wohl zu dumm, eine deutsche Webseite anzubieten.

99 Euro für ein paar Internetkontakte? Das ist mutig oder wohl sogar übermutig.

3.
Alexander Mirschel
Erstellt 26. Februar 2021 10:04 | Permanent-Link
bearbeitet

.

2.
Jörg Walter
Erstellt 26. Februar 2021 09:34 | Permanent-Link

Guten Morgen,

die ITB ist keine "normale Messe", sondern lebt von "fühlen, riechen, schmecken" und den direkten persönlichen Begegnungen mit seinem Partner beziehungsweise potentiellen Partnern.

Neue Ideen finden sich bei den Rundgängen und die Abend- und Standtreffs sind eine wertvolle Ergänzung zu allem.

Das ist der Grund, dass ich seit 30 Jahren zur ITB komme und auch letztes Jahr Partner getroffen habe, die schon vor Ort waren.

Wenn ich mich mit einem meiner schon existierenden Partner treffen möchte, kann ich das selber organisieren.

Einen Ersatz für die Messe gibt es einfach nicht.
Eine virtuelle Veranstaltung wird dem Ganzen nicht im Ansatz gerecht.

Die Sinnhaftigkeit dieser ITB Now sehe ich bei null.

Das ist auch der Grund, daß ich an dieset ITB Not nicht teilnehmen werde.

Verständlich ist, dass die ITB versucht, etwas auf die Beine zu stellen, zu dem ich recht viel Glück wünsche!

PS: Die 99 Euro Eintritt sehe ich als WordPress und völlig unakzeptabel

1.
peter hübsch
Erstellt 26. Februar 2021 08:22 | Permanent-Link

... während sich der ITB-Chef in seinem selbsterklärten Erfolg sonnt, fragen sich viele, wieso eine virtuelle Veranstaltung fast doppelt so viel kosten soll wie ein Fachbesuchereintritt für die "echte" Veranstaltung und wieso das Planungs- und Meetingtool so dilletantisch ausgefallen ist. Man hatte nach der Entscheidung gegen die Live-Messe viele Monate Zeit und was herausgekommen ist als Tool, ist stümperhaft.

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