Interview mit Dirk Iserlohe

Warum überlebende Hotels nun beste Chancen haben

Dorint-Ausichtsratschef Dirk Iserlohe
Dorint
Dorint-Ausichtsratschef Dirk Iserlohe

Sein Einsatz gilt den mittelständischen Hotelketten: Dorint-Aufsichtsratschef Dirk Iserlohe verlangt von der Politik eine "echte Entschädigung" für die Corona-Ausfälle. Was er genau kritisiert und wie er die Zukunft für die Hotels sieht.

Jüngst warnte Iserlohe mit acht weiteren Ketten vor dem Kollaps der Branche. Und inzwischen reichte der Dorint-Aufsichtsratschef auch Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Im Interview mit fvw | TravelTalk erläutert Iserlohe seine Kritik und sagt, was auf die Hotellerie jetzt zukommt.

Herr Iserlohe, sie sprechen von einer "Triage" der Hotelgruppen. Ist das nicht etwas zu drastisch?
Die Insolvenzantragspflicht ist seit dem 30. April vollständig reaktiviert, zugleich warten 12.000 Unternehmen immer noch auf die Überbrückungshilfe III. Somit können wir die Tage zählen, bis sich die nächsten Hotelgesellschaften unverschuldet durch Insolvenzen vom Markt verabschieden müssen. Das liegt auch an der Ungleichbehandlung bei den Staatsmitteln: Nicht-KMU, also Ketten wie Dorint, werden hier deutlich schlechter behandelt als Einzelhotels.

Inwiefern?
Die Bundesregierung geht grundsätzlich den Weg über Beihilfeprogramme. Mit solchen Programmen, die durch die EU genehmigt werden müssen, sollen eigentlich Start-ups oder KMU gefördert werden, die für die deutsche Volkswirtschaft interessante Produkte entwickeln. Um den Wettbewerb zwischen den Mitgliedsstaaten nicht zu verzerren, dürfen größere Unternehmen hingegen nicht unterstützt werden. Dieser Weg ist aber falsch. Denn in der Corona-Pandemie geht es um Entschädigungen und nicht um Beihilfe. Das heißt, eigentlich hätte die Regierung einen Entschädigungsantrag in Brüssel stellenmüssen. Nun endlich will sich die Regierung wohl dieses "Go" in Brüssel holen. Hoffentlich ist es nicht zu spät.

Manche Ihrer Kollegen befürchten bereits einen Ausverkauf der deutschen Hotelgesellschaften an chinesische oder US-Investoren. Wie realistisch ist eine solche Befürchtung?
Dieser Prozess hat längst begonnen. Die chinesischen Eigentümer von Steigenberger zum Beispiel haben bereits verkünden lassen, bis 2025 Hunderte Hotels unter ihr Dach aufzunehmen. Und viele weitere ausländische Investoren spekulieren auf Eintrittschancen.
Dirk Iserlohe – der Lebenslauf

1995 wurde Iserlohe Chef des Emissionshauses Ebertz & Partner in Köln, zu der auch die Dorint-Hotels gehörten. Seit 2008, als Iserlohe geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter der E & P Holding wurde, ist er im Dorint-Aufsichtsrat, seit 2019 als Chef. Der 56-Jährige führt zudem die 2016 mit Investoren gegründete Honestis mit den Bereichen Immobilien und Hotel (Dorint).

Der Familienunternehmer ist mit der Kölner Künstlerin Heike Iserlohe verheiratet und hat eine Tochter. Familien-AG mit zwei Töchtern


In zwei Dutzend Briefen haben Sie sich seit Beginn der Pandemie an die Politik gewandt …
Es sind insgesamt 80 Briefe. Ich erwarte keine Antworten, sondern Handlungen. Seit dem 13. März 2020 fordere ich darin eine höhere Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Hotelbranche, die am stärksten von Corona getroffen wurde. Mein Ziel ist es, dass einerseits die unverschuldeten Verluste ausgeglichen werden und andererseits zwischenzeitlich kein Unternehmen Insolvenz anmelden muss. Zumindest diskutiere ich heute auf Staatssekretärniveau – mit Vertretern aus dem Wirtschafts- und Finanzministerium – über eine erweiterte Überbrückungshilfe für Nicht-KMU.

Warum haben Sie nun Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt?
Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat stolz verkündet, dass das Bundesinlandsprodukt bereits 2022 wieder dem des Jahres 2019 entsprechen wird. Das heißt aber, dass offensichtlich nur die von Restriktionen belasteten Unternehmen für den Rückschritt des BIP gesorgt, die anderen Firmen aber sogar Gewinne gemacht haben. Denn der Rückgang des BIP um 117 Mrd. Euro 2020 ist weitaus niedriger, als es die Verluste von Hotellerie, Restaurants, Messe-, Event-, Kunstbranche und Teile des Einzelhandels sind. Da ist es mir unverständlich, dass die Ministerien den betroffenen Unternehmen weder die unverschuldeten Verluste in tatsächlicher Höhe entschädigen noch die jetzigen Staatsmittel gleichberechtigt zuweisen. Wir sehen Verstöße gegen den Gleichheitsartikel 3 im Grundgesetz und gegen Artikel 12, der die Freiheit der Berufsausübung garantiert.

Auf welchen Kosten bleiben Sie denn sitzen? Das Kurzarbeitsgeld wird ja von den Sozialkassen gezahlt.
Wir deutschen Hotelbetreiber zahlen – übrigens anders als die großen internationalen Gesellschaften wie IHG, Hilton, Marriott oder Accor – feste Pachten. Sie belaufen sich allein bei Dorint auf etwa sechs Millionen Euro im Monat. Nimmt man weitere Betriebskosten dazu, liegen unsere derzeit nicht gedeckten Kosten bei 8,0 bis 8,5 Mio. Euro – jeden Monat. Wegen der geringen Belegung von etwa neun Prozent seit November 2020 stehen dem nur sehr geringe Umsätze gegenüber.

Was müsste die Politik tun, um die Ketten zu retten?
Die Politik hätte Entschädigungen über die Finanzämter ermitteln und zahlen müssen. Die Finanzämter verfügen über die Betriebskennzahlen der Unternehmen. Somit wäre es auch nicht zu Missbrauch gekommen! Das Hauptproblem liegt aber in den Limits der Programme. Die Überbrückungshilfe III ermöglicht eine Erstattung von maximal zwölf Millionen Euro. Schon nach eineinhalb Monaten ist das bei uns verbraucht. Wenn Finanzminister Scholz die Finanzämter schon nicht zur Abwicklung freigegeben hat, so möge er doch nun wenigstens die proportionale und gleichberechtigte Entschädigung in den Programmen ermöglichen!
Honestis – Eigentümer von Dorint
Dirk Iserlohe ist Vorstandschef der 2016 gegründeten Unternehmensgruppe Honestis und Vorsitzender des Aufsichtsrats der DHI Dorint Hospitality & Innovation. Die bildet eine der beiden Honestis-Tochterfirmen und umfasst derzeit 61 Hotels der Marken Dorint, Hommage Hotels Luxury Collection und Essential by Dorint in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Daneben existiert die Immobilientochter Honestis Real Estate Management, die diverse Beteiligungen hält. Der Konzern beschäftigt mehr als 4500 Menschen.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht sofort nötig?
Die Regierung müsste zuerst den Insolvenzschutz für Unternehmen, die unverschuldet in die größte Krise des Gastgewerbes seit 1945 geraten sind, sofort wieder reaktivieren. Sonst ist es in Kürze für viele deutsche Firmen zu spät.

Wie ist die Lage bei den Dorint-Hotels derzeit?
Wie dramatisch sich die Situation verschlechtert hat, zeigt der Umsatzverlust seit Anfang der Krise Mitte März 2020 – er beträgt bei uns 200 Millionen Euro. Die geringe Durchschnittsbelegung seither hat zu einem weiteren Verlust von etwa 100 Millionen Euro geführt. Ohne staatliche Entschädigung lassen sich solche Beträge nicht auffangen.

In vielen Bundesländern dürfen die Hotels wieder öffnen. Gibt es einen Buchungsansturm?
Selbstverständlich. Durch Corona hat sich das Verbraucherverhalten – insbesondere im Tourismus – ja nicht verändert. Schon der Ansturm auf die ersten Modellregionen war enorm.

Aber werden sich die Hotelketten nicht von selbst wieder erholen?
Nein, denn eine nicht genutzte Nacht im Hotel ist betriebswirtschaftlich nicht nachholbar. Daher werden die Verluste der Corona-Monate im Durchschnitt mehr als 15 Jahre benötigen, um sich aus Neugeschäft zu amortisieren – sofern sie nicht vom Staat in berechtigter Weise weiter aufgefangen werden. Zudem werden Geschäftsreisen in diesem Jahr noch sehr verhalten anlaufen.

Werden wir in Deutschland nach der Krise eine veränderte Hotellandschaft haben?
André Heller hat einmal gesagt: "Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt, und drittens bleibt es, wie es ist." Bezogen auf das quantitative Angebot werden einige Projektentwickler auf ihre Projekte verzichten müssen, da etwa Finanzierer aussteigen. Und es werden trotz aller Bemühungen viele mittelständische Firmen aufgeben müssen. Auch qualitativ werden sich Angebote verändern – durch Digitalisierung wie durch die neuen Hygieneanforderungen. Dennoch ist das Exportland Deutschland darauf angewiesen, Kunden zu gewinnen und nachhaltige Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Dazu braucht die Wirtschaft das Gastgewerbe, insbesondere die Hotels.

Dorint ist stark im Mice- und Geschäftsreisebereich. Welche Änderungen befürchten Sie hier?
Anders als nach dem Terror 2001, der Sars-Krise 2003 und der Finanzkrise 2008/09 ist diesmal das Bruttoinlandsprodukt für 85 Prozent der Unternehmen positiv verlaufen. Sie konnten also ihre Mice- und Geschäftsreiseausgaben reduzieren, ohne in einer Krise zu sein. Heute benötigen sie aber den Kontakt zu ihren Kunden wieder. Ich denke, dass ab 2022 gerade das Messe- und Mice-Geschäft wieder stärker ansteigen wird.

Werden dennoch einige Stadthotels schließen müssen?
Das ist für einige der Marktteilnehmer nicht ausgeschlossen und könnte für manche Städte sogar eine Chance sein, die Wohnungsnot preisberuhigend zu lösen. Dennoch werden auch in Städten ab 2022 die Übernachtungszahlen wieder steigen. Dann trifft ein geringeres Angebot auf wachsende Nachfrage der Firmen, die ihre Kunden wieder treffen und ihre Produkte präsentieren wollen. Hinzu kommt der wachsende Binnentourismus. Wer es nun schafft zu überleben, hat daher eine gute Zukunft in einem stärker werdenden Markt!

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