Hotelier Jens Weißflog

"Man muss endlich Vertrauen in uns setzen"

Klare Worte von Jens Weißflog zum Teil-Lockdown in Sachsen und die Folgen für die Ferienregionen.
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Klare Worte von Jens Weißflog zum Teil-Lockdown in Sachsen und die Folgen für die Ferienregionen.

Der Teil-Lockdown in Sachsen macht ein normales Tagesgeschäft fast unmöglich. Was bedeutet das für die Hotellerie? ahgz-Autorin Petra Mewes sprach mit Jens Weißflog.

Der dreifache Olympiasieger und zweifache Weltmeister im Skisprung betreibt seit 1996 ein Hotel direkt am Fichtelberg mitten im größten Skigebiet Ostdeutschlands.

Herr Weißflog, wie wirken sich die drastischen Einschränkungen, die die sächsische Corona-Notfall-Verordnung vorgibt, auf Ihr Haus aus?
Das Hotel ist geschlossen, die Gastronomie seit Einführung von 2G spürbar zurückgegangen. Das hat nicht einmal was mit den fehlenden Ungeimpften zu tun. Vorher galt 3G, der Anteil der Ungeimpften war dort eher gering. Aber die 80 Prozent Geimpften und Genesen kommen jetzt auch kaum mehr. Es ist eine hohe Nachfragezurückhaltung entstanden. Gruppen- und Familienfeiern finden nicht statt, wenn einer keinen Nachweis hat und sich die anderen solidarisch erklären und für alle absagen.


Dazu kommt, dass mit Schließung der Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen der Ort an den Wochentagen nahezu ausgestorben ist. Die Gastronomie hier lebt ja nicht nur von Einheimischen, sondern auch von Gästen aus jeweils anderen Hotels, die zum Kaffee kommen oder aus den vielen Ferienwohnungen zum Abendessen. Selbst am Wochenende sind das starke Umsatzeinbußen, obwohl sich an diesen zwei Tagen oft viele Gäste einfinden.

In welcher Größenordnung verbuchen Sie momentan Verluste?
Das lässt sich gegenwärtig noch nicht beziffern. Aufgrund der geltenden Schadensminderungspflicht bei staatlichen Corona-Hilfen müssen das Hotel für Geschäftsreisende sowie das Restaurant unter 2G geöffnet bleiben. Auch das ist ein Verlustgeschäft. An den Wochentagen sind wir teilweise die einzigen hier im Ort, die geöffnet haben, trotz der Klausel. Gestern, an einem Montag, waren bis 14 Uhr drei Tische besetzt.

Was bedeutet das für Ihre Mitarbeiter?

Wir haben 23 festangestellte Mitarbeiter, die momentan alle nicht ausgelastet und deshalb größtenteils in Kurzarbeit sind. Keiner bekommt sein Stundenkonto voll - wie auch, bei zwei, drei Arbeitstagen pro Woche? Wir haben niemanden entlassen, es hat zum Glück auch niemand von selbst gekündigt. Aber jeder Unternehmer in der Region hat Angst, dass noch mehr Personal der Gastronomie den Rücken kehrt. Unsere Branche wird in den Medien immer als erste genannt, wenn es um Schließung aus Pandemiegründen geht. Das verunsichert viele Mitarbeiter zusätzlich und bringt auch weniger Auszubildende in unsere Berufe. Wir hatten seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 zwei Monate dann sechseinhalb Monate zur Wintersaison im letzten Jahr bis in den Juni hinein und nun bis Januar geschlossen. Insgesamt sind wir bereits bei elf Schließmonaten für das Hotel.

Das neuerliche Beherbergungsverbot für touristische Reisen ist ein sächsischer Alleingang. Halten Sie das für ein probates Mittel, um die Inzidenzraten weiter zu senken?
Natürlich ist uns bewusst, dass jede Vermeidung von Kontakten hilfreich ist, aber die ganze Problematik wird doch immer nur auf einzelne Branchen abgewälzt: auch auf die Kultur, auf körpernahe Dienstleistungen, auf Schausteller. In Oberwiesenthal sind auch die Liftbetreiber die zweite Saison in Folge betroffen. Und von einem Hotelbetrieb hängen zudem Zulieferer ab, die ebenfalls Verluste einfahren.
„Jeder Unternehmer in der Region hat Angst, dass noch mehr Personal der Gastronomie den Rücken kehrt.“
Jens Weißflog, Ex-Sportler und Hotelier

Welche Maßnahmen hielten Sie für angemessen?
Wenn wir die Pandemie bekämpfen wollen, muss es einen begrenzten Lockdown geben, der für alle gilt, nicht nur für einzelne Branchen. Während der zweiten Welle hatte ich die sieben Monate lang eine Baustelle für unseren Erweiterungsbau. Da gab es unmittelbar neben uns keine Einschränkungen. Ich will keine Branchen gegeneinander ausspielen, aber bisher hat uns kein Politiker nachgewiesen, dass in der Gastronomie ein besonderes Inzidenzgeschehen herrscht. Wir haben schließlich tragfähige Hygienekonzepte. Oberwiesenthal hatte sich in Sachsen als Modellprojekt beworben, inklusive öffentlichem Testcenter, Kontakterfassung und Nachverfolgung über App-Lösungen, schon damals freiwillige tägliche Mitarbeitertestungen usw. Nachdem die Weichen seitens des Landes mit der Verankerung in der sächsischen Verordnung gestellt waren, scheiterten wir an den hiesigen Behörden. Man scheute sich, Verantwortung zu übernehmen. Leider will das keiner von ihnen mehr hören.

Oberwiesenthal liegt direkt an der Grenze zu Tschechien, wo der Skibetrieb ebenso wie in Thüringen erlaubt ist …
Das ist traurig zu sehen. Oberwiesenthal ist wie leergefegt und in zwei Kilometern Luftlinie hat man es geschafft, unter 2G Konzepte in die Praxis umzusetzen und Skibetrieb zu gewährleisten. Auch die Gäste reagieren darauf mit Unverständnis. Und es ist ungerecht, zumal es Busunternehmen gibt, die holen Gäste aus Sachsen ab und fahren sie nach Thüringen. Sächsische Busse dürfen das nicht. Aber ich kritisiere nicht pauschal die Corona-Regeln, sondern stelle mich auf die Seite der Berufskollegen, die absolut berechtigte Existenzängste haben und eine Öffnungsperspektive benötigen!

Die Überbrückungshilfen des Bundes sind bis März 2022 verlängert worden. Sehen Sie darin eine Überlebenshilfe? Überlebenshilfe ja, Garantie nein. Wenn zum Beispiel ab Januar die Zuschüsse der Fixkostenhilfe auf 90 Prozent gesenkt werden, ist das ein vorprogrammierter Draufleger und wir bleiben auf den restlichen 10 Prozent sitzen. So wie es noch bis Dezember funktioniert, also 100 Prozent Erstattung, sollte es auch im neuen Jahr geregelt werden. Zudem stelle ich mir für das Kurzarbeitergeld bessere Lösungen vor. Das können erneut steuerfreie Beträge zur Aufstockung und natürlich die Weiterführung des erhöhten Satzes auch nach dem 31. Dezember 2021 sein. Mitarbeiter können doch nichts dafür, dass wir nun wieder geschlossen haben.

Was müsste auf Bundes- und Landesebene sofort neu geregelt werden? Wir ergreifen die gleichen Maßnahmen wie zu Pandemiebeginn. Es heißt einfach: Schließung. Dabei fließen weder die Impfraten, die neuen technischen Lösungen für Zugangskontrollen oder Kontaktnachverfolgung noch die verbesserten Hygienekonzepte ein. In meinen Augen machen auch weitere Differenzierungen Sinn. Man kann ein 400-Betten-Hotel nicht mit einer privaten Ferienwohnung gleichsetzen. Das Geschehen großer Innenstädte ist auch nicht mit dem ländlichen Raum zu vergleichen. Wir haben im Regelbetrieb zum Beispiel generell 21 Uhr Küchenschluss, weil dann einfach niemand mehr kommt. In der Stadt undenkbar. Ich finde man muss endlich Vertrauen in uns setzen, dass wir unsere Hotels verantwortungsbewusst führen.



Dieser Text erschien zuerst auf www.ahgz.de.

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