Tourismus aus Übersee

Wenn die CO2-Last aus der Ferne kommt

Chinesische Besucher in Köln: Der chinesische Quellmarkt wuchs vor der Pandemie stark.
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Chinesische Besucher in Köln: Der chinesische Quellmarkt wuchs vor der Pandemie stark.

Urlauber aus Übersee bringen Deutschland und anderen europäischen Ländern wertvolle Einnahmen. Doch ihre Klimabilanz ist wegen der Fernflüge extrem negativ. Wie Tourismuswerber reagieren.

Seinen Strategiewechsel hat Bern Welcome bereits vor der Pandemie vorgenommen: Seit 2020 ist die Destination-Management-Organisation (DMO) in Fernmärkten nicht mehr selbst aktiv. Soll heißen: In potenziellen Quellmärkten wie Asien, Amerika oder Australien erfolgt keine direkte Marktbearbeitung durch das Unternehmen. Vielmehr werden die Fernmärkte indirekt durch Made in Bern – die Dachmarkenorganisation des Kantons Bern – sowie Schweiz Tourismus bearbeitet.

Dass in der Folge weniger Gäste aus diesen Regionen kommen, wird hingenommen. Denn die Berner Strategie leitet sich aus einem Verständnis ab, das Tourismus "als bereicherndes Zusammentreffen von Menschen sieht, geprägt von Neugier und Interesse füreinander sowie für den Lebensraum und die Kultur", erläutert Marc Steffen, Head of Markets & Sales bei Bern Welcome. "Der Fokus liegt daher auf dem Heimmarkt und grenznahen Ländern wie Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich."

"Wir sind überzeugt, dass mit der Fokussierung auf den Heim- und Nahmarkt ein qualitativer Aufenthaltstourismus und somit ein nachhaltiger und bevölkerungsverträglicher Tourismus erreicht werden kann", sagt Steffen. Deshalb setze die Destination Bern auf die klimafreundliche Anreise per Bahn. "Bern hat den Vorteil, über sehr gute Zugverbindungen zu verfügen", sagt Steffen. "Die Bahnnutzung wollen wir fördern." Zudem steht statt des Gruppen- der Individualtourismus im Vordergrund der veränderten Strategie.

Gerade aus Richtung Asien dominieren die Gruppen. Für etliche Akteure des schweizerischen Tourismus sind diese durchaus entscheidend: Hoteliers und Bergbahnen garantieren sie eine Grundauslastung auch außerhalb der Spitzenzeiten. Und auch bei Regenwetter absolvieren die Gruppen ihre Touren, da es am Folgetag oft zum nächsten Ort geht.

So simpel, wie sich die Umorientierung von Fern auf Nah zunächst anhört, ist sie also nicht. Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit stoßen auf solche der ökonomischen Nachhaltigkeit: Aufgabe der Tourismuswerbung Deutschlands oder der Schweiz ist es, "einen florierenden Tourismus im ganzen Land und zu jeder Jahreszeit zu gewährleisten", sagt Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus. Dabei gehe es auch um Märktediversifikation, Risikominimierung und Gästeverteilung.

Für Nydegger und seine Kollegin Petra Hedorfer, Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), reicht Nachhaltigkeit denn auch über den reinen Klimaaspekt hinaus. "Wir betrachten sie in allen drei Dimensionen", sagt Hedorfer: "Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung." Stehe auf der einen Seite der höhere CO₂-Ausstoß, sei es auf der anderen Seite der große Beitrag dieser Gäste zum Gesamtkonsum. "Hinzu kommen Arbeitsplätze und der kulturelle Austausch", sagt die DZT-Chefin.

Kompensation und längere Aufenthalte

Grundsätzlich stehen DMO, die umsteuern wollen, vor einem Zielkonflikt, der für alle Beteiligten befriedigend gelöst werden muss. Denn natürlich gibt es Hoteliers, die auf die Gäste aus Fernost nicht verzichten wollen oder können. Auf die eine oder andere Weise sollten daher auch regionale Verbände, die selbst nicht in Fernmärkte investieren, dort dennoch vertreten sein – etwa durch übergeordnete Organisationen.

Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz machen die Gäste aus Fernmärkten zwar nur etwa 20 Prozent aus. Gerade auch im Geschäft mit den Veranstaltern wäre eine Marketing-Absenz in diesen Gebieten aber "verheerend", erklärt Nydegger. "Die meisten Reisen in Übersee werden über Veranstalter verkauft", sagt er. "Wären wir dort nicht aktiv, fände die Schweiz in deren Reiseprogrammen nicht mehr statt."

Als Absage an ökologische Nachhaltigkeit verstehen die beiden die Präsenz in der Ferne nicht. Was die Flüge betrifft, setzt Hedorfer auf Kompensationsangebote sowie auf eine verlängerte Aufenthaltsdauer, womit sich der CO₂-Fußabdruck pro Reisetag verbessern würde.

Gelingt die Wende nicht und wächst die Zahl der asiatischen Gruppen nach der Pandemie noch deutlicher als vor 2020, befürchten Tourismusexperten allerdings Proteste aus der einheimischen Bevölkerung. "Dann könnte eine politische Debatte entstehen, ob Schweiz Tourismus überhaupt noch in den Fernmärkten aktiv sein und von dort Gäste anlocken soll", sagt Jürg Stettler, Chef des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern.


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