Große Pläne

Warum es 2022 gleich drei Kulturhauptstädte gibt

Kaunas ist die zweitgrößte Stadt Litauens.
Joergsam, CC BY-SA 3.0, wikimedia
Kaunas ist die zweitgrößte Stadt Litauens.

Einmal West, zweimal Ost: In diesem Jahr werben Esch in Luxemburg, Kaunas in Litauen und Novi Sad in Serbien als Europas Kulturmetropolen um Besucher.

In den vergangenen zehn Jahren waren es immer zwei Städte gewesen, denen die Europäische Union (EU) für jeweils ein Jahr den Titel "Kulturhauptstadt Europas" verliehen hatte. So waren 2021 das irische Galway und das kroatische Rijeka an der Reihe – wegen Corona durften diese beiden Städte, die regulär für 2020 auserkoren waren, den Titel gleich zwei Jahre lang tragen.

Dass es in diesem Jahr drei statt der üblichen zwei Städte geworden sind, ist ebenfalls eine Folge der Pandemie. Denn das serbische Novi Sad war eigentlich bereits für das vergangene Jahr vorgesehen, holt "sein" Jahr also sozusagen nun nach.
Was die drei Städte konkret planen
In einer kleinen Serie stellen wir in den nächsten Tagen alle drei Kulturhauptstädte und ihre geplanten Programme getrennt vor – also Esch, Kaunas und Novi Sad.

Kaunas und Esch hingegen wurden bereits vor langem als Titelträgerinnen festgelegt. Im kommenden Jahr wird es dann erneut drei Kulturhauptstädte geben: die beiden Nachholer Temeschwar (Rumänien) und Eleusis (Griechenland) sowie das ungarische Vezprem. Dass es nicht sogar vier werden, ist allein der Tatsache geschuldet, dass sich das eigentlich für 2023 vorgesehene Großbritannien inzwischen aus der EU verabschiedet hat. Beworben hatten sich Belfast, Derry, Dundee, Leeds, Milton Keynes, Nottingham und Strabane.

Mit dem Titel will die EU zum einen den Reichtum des kulturellen Erbes in Europa deutlich machen. Zum anderen soll er aber auch dazu führen, zwischen den Staaten der EU (und den Anwärtern) Brücken zu bauen. Und natürlich versprechen sich die Titelträger selbst davon einen Aufschwung im Tourismus: Mit einem reichhaltigen Kulturangebot wollen sie Besucher locken und sich – auch für künftige Kurzurlaube – im Gedächtnis der Menschen verankern.

Mindestens für das Brückenbauen sind die drei Kulturstädte diesen Jahres prädestiniert: Sowohl Esch als auch Kaunas und Novi Sad sind die jeweils zweitgrößten Städte ihres Landes und erhalten dadurch normalerweise deutlich weniger Aufmerksamkeit als die Hauptstädte – ein Phänomen, dass gerade in relativ kleinen Staaten wie Litauen und Luxemburg, aber auch Serbien ausgeprägt ist.

Kaunas will neue Identität

"Vilnius ist die natürliche Hauptstadt", zitierte unlängst der "Deutschlandfunk" die Chefin des Organisationskomitees von Kaunas 2022, Virginija Vitkiené. "Alle Investitionen flossen also nach Vilnius. Kaunas dagegen wurde mehr als 25 Jahre sich selbst überlassen – war nicht nur bloß die zweitgrößte Stadt, sondern schlicht nicht wichtig."

Genau das will die Stadt, die mit ihrer charmanten Altstadt eine Menge Flair bietet, in diesem Jahr ändern. Sie will ihren "schlummernden Schatz heben", wie es Vitkiené formuliert. Ein ganz neues Profil, eine "moderne und europäische Identität" sollen her.

Kernstück des Programms ist dabei die Trilogie "Mythos von Kaunas": eine an drei Wochenenden stattfindende Veranstaltungsreihe. Künstler aus Litauen und dem Ausland sollen eine "neue verbindende und identitätsstiftende Legende" für die Einwohner der Stadt schaffen, die von 1919 bis 1940 Litauens Hauptstadt war, dort zur Blüte kam, die in der Nazizeit und der anschließenden sowjetischen Besatzung jedoch schwer litt.

Zumindest erhofft sich Kaunas ein erfolgreiches Kulturjahr – nachdem Vilnius den Titel 2009 mitten in der Finanzkrise trug. Damals musste der Staat das Budget radikal kürzen, und die nationale Fluggesellschaft musste Insolvenz anmelden: Reisen nach Vilnius waren nur schwer möglich.

Esch "remixt" die Kulturen

Auch das luxemburgische Esch setzt auf Vergangenheit und Zukunft. Jedoch in anderer Hinsicht: Die einstige Industriestadt, in der heute erkaltete Stahl-Hochöfen neben schicken Apartmenthäusern stehen, tritt unter dem Motto "Remix Culture" an – auch weil hier Menschen aus 120 Nationen leben.

Künstlerisch will man Visionen für ein grenzenloses Europa darstellen, und durch das "Remixen" schließlich soll Neues entstehen. Die große Eröffnungsparty ist für den 26. Februar geplant – zumindest, wenn Corona sie dann zulassen wird.

Novi Sad als Brückenbauer

Brücken sollen schließlich auch in Novi Sad das prägende Element im Kulturhauptstadtjahr 2022 sein. Die Stadt an der Donau, Kapitale der Provinz Vojvodina, will sich weltoffen zeigen. Bis 1918 war sie Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie – was im Stadtbild bis heute sichtbar wird.

Auch real hat Novi Sad Brücken gebaut – oder besser gesagt: wieder aufgebaut. Denn die drei Donau-Brücken waren 1999 zerstört worden, um den serbischen Kriegsherrn Slobodan Milosevic von seinem brutalen Treiben im Kosovo abzuhalten.

Thematisch will man sich um Fragen kümmern wie Migration, Frauen in der Kunst und die Zukunft Europas. Der Startschuss fällt am 13. Januar, dem Tag, an dem das orthodoxe Neujahr gefeiert wird.

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