Nordmazedonien

Balkan-Geheimtipp mit großen Ambitionen

Urlaubsort in perfekter Lage: Ohrid am nordöstlichen Ufer des Ohridsees in Nordmazedonien.
Sabine Fauth
Urlaubsort in perfekter Lage: Ohrid am nordöstlichen Ufer des Ohridsees in Nordmazedonien.

Das kleine Nordmazedonien will touristisch künftig eine größere Rolle spielen. Das könnte durchaus gelingen. Womit das Balkan-Land punktet, und wie Veranstalter das Potenzial bewerten.

Ein Werktag in der Nebensaison am Flughafen von Ohrid: Zwei Maschinen sind angekündigt, eine aus Dortmund, die andere aus Kattowitz. Auch wenn in der Hauptsaison im Sommer acht bis zwölf Jets täglich landen, macht die mager bestückte Ankunftstafel auf den ersten Blick deutlich, was es der touristisch bedeutenden Region Ohrid und auch ganz Nordmazedonien für den deutschen Markt nicht gerade leicht macht: Es mangelt an direkten Flügen.

Bisher ist Wizz Air die einzige Airline, die die beiden internationalen Airports des Landes, Skopje und Ohrid, nonstop mit deutschen Flughäfen verbindet. "Wunsch-Airline wäre fürs Erste Eurowings, damit vor allem auch Touristen aus den Drehkreuzen München und Frankfurt nach Nordmazedonien gebracht werden können", erklärt Asim Medjedovic, Direktor der DMC Fibula Air Travel.

Förderprogramm soll auch Tourismus stärken

Um die wirtschaftliche Entwicklung Nordmazedoniens zu unterstützen, hat die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ein Programm ins Leben gerufen, das in drei wachstumsstarken Bereichen den Privatsektor stärkt. Das Programm "Increasing Market Employability", kurz IME, will die Beschäftigungsfähigkeit auf dem Markt verbessern.

Umgerechnet knapp 15,7 Mio. Euro investiert die Deza in das auf elf Jahre angelegte, 2025 endende Projekt. Noch bis Ende des kommenden Jahres läuft Phase zwei des Projekts, für deren Umsetzung vor Ort das international tätige Beratungs- und Management-Unternehmen Palladium verantwortlich ist.

Neben der Förderung von Arbeitsplätzen im nachhaltigen Agri-Business sowie der Informations- und Kommunikationstechnik ist es zentrales Ziel von IME, die Beschäftigtenzahlen im Tourismus zu stärken und auszubauen. Hauptaugenmerk liegt hier auf dem Abenteuer-Tourismus.

Abenteuer-Urlaub im Fokus

Denn in der Tat: Die vielfach gebirgige Landschaft macht Nordmazedonien zu einem Eldorado für Aktivurlauber. Outdoor-Fans finden hier Möglichkeiten zum Wandern, Klettern, Paragliding, Kajaking, Mountainbiking und Skifahren sowie Jeepsafari-Angebote.

Schon auf den 160 Kilometern zwischen Skopje und Ohrid locken Nationalparks in Gebirgen mit Gipfeln bis zu gut 2700 Meter Höhe, historisch wertvolle Klöster, Kirchen und Moscheen, ursprüngliche, intakte Dörfer, dazu eine mediterran-orientalische Küche mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Land sowie eine jahrhundertealte Tradition des Weinanbaus.
Weiter Blick: Das Galičica-Gebirge steht zum Teil als Nationalpark unter Schutz.
Sabine Fauth
Weiter Blick: Das Galičica-Gebirge steht zum Teil als Nationalpark unter Schutz.

Eine große Rolle in der Entwicklung des Abenteuer-Tourismus spielt die Region rund um den Ohridsee im Südwesten des Landes. Mit glasklarem Wasser und ihn umgebenden Bergen ähnelt er dem Gardasee, seine Ufer sind aber deutlich weniger bebaut. Dafür ist auch der Status als Unesco-Weltkultur- und -Weltnaturerbe verantwortlich.

Aber obwohl diese Region das führende Reiseziel des Landes für den saisonalen Freizeit- und Kulturtourismus ist, sind Produkte für Aktivurlauber oft noch zu wenig entwickelt, um wettbewerbsfähig in das Gesamtangebot integriert werden zu können. Das IME-Programm soll die Attraktivität dieser Produkte steigern sowie bestehende Angebote verbessern und sichtbarer machen. Das Ziel: Mehr Touristen außerhalb der Saison anlocken.

Ökohotel und SUP-Club

Mit dem Unternehmergeist engagierter Einwohner und mit Unterstützung des IME-Projekts wächst das touristische Angebot: Im Bergdorf Jance im Mavrovo-Nationalpark hat Tefik Tefkoski mit seinem Hotel Tutto ein Ökohotel gebaut, ganz in der Tradition der dortigen Bauweise nur aus Stein, Holz und Lehm. Das Hotel ist Ausgangspunkt für Wanderungen durch den Nationalpark.

In Ohrid fördert IME unter anderem das Start-up einer Jungunternehmerin, den SUP Club Ohrid, und ermöglichte es dem an der Promenade gelegenen Su Hotel, das Wassersport-Angebot auszubauen. Nahe der berühmtem Bay of Bones mit ihrer nachgebauten prähistorischen Pfahlbautensiedlung vergrößert sich dank IME-Geldern das Angebot einer Tauchschule.

Das Hotelangebot in Ohrid und drumherum ist vorrangig im Drei- und Vier-Sterne-Segment angesiedelt. Mit dem Izgrev Spa & Aquapark im benachbarten Struga oder dem Inex Olgica in prominenter Uferlage neben der einstigen Sommerresidenz Titos gibt es aber auch Fünf-Sterne-Häuser. 45 Hotels mit insgesamt 3500 Zimmern sind offiziell in der Region registriert, Hochhäuser sucht man dabei vergebens. Dank guter Wintersport-Möglichkeiten haben viele ganzjährig geöffnet.
Steckbrief Nordmazedonien
  • Einwohner: 1,8 Millionen.
  • Hauptstadt: Skopje, gut 500.000 Einwohner.
  • Amtssprachen: Mazedonisch und Albanisch; in Touristenzentren wird Englisch und vereinzelt auch Deutsch gesprochen.
  • Religion: rund zwei Drittel mazedonisch-orthodoxe Christen, etwa ein Drittel Muslime.
  • Währung: Makedonischer Denar; ein Euro entspricht 61 Denar.
  • Höchster Berg: Korab, 2764 Meter.
  • Große Seen: Ohridsee und Prespasee, von denen je ein Drittel zu Albanien gehört.
  • Angrenzende Länder: Albanien, Kosovo, Serbien, Bulgarien und Griechenland.

Immer mehr Hoteliers haben die Zeichen der Zeit erkannt: Sie planen, ihre teils noch "ostcharmanten" Hotels zu renovieren oder haben das bereits teilweise oder ganz getan. Ausgebremst wurden viele von der Corona-Pandemie: Staatliche Unterstützung gab es keine, viele Hoteliers zahlen noch Kredite ab und wirtschaften in den roten Zahlen. "Jetzt kommt die Energiekrise hinzu", stellt Krste J. Blazeski fest, Direktor des Vier-Sterne-Hotels Drim in Struga. "Aber obwohl wir die Preise erhöhen müssen, sind wir immer noch günstiger als Stranddestinationen in der Türkei, Italien oder Spanien."

Gute Preise, kurze Flugdauer

Das vergleichsweise niedrige Preisniveau ist eine der großen Chancen für Nordmazedonien. Wenn Urlauber wegen Inflation und steigender Energiekosten auf eine kürzere Reisedauer und ein verringertes Reisebudget setzen, ist das Land ein Ziel, das dank des Ohridsees auch für Badegäste interessant ist.

Mit zweieinhalb Stunden Flugzeit ist Nordmazedonien von Deutschland aus schnell zu erreichen. Das für Tourismus zuständige Wirtschaftsministerium will daher auch Deutschland als Quellmarkt umwerben. "Strategisch zielen wir aber auf ganz Europa ab", erklärt Bekim Hadziu, der für Tourismus zuständige Staatssekretär. Anlocken will man Urlauber unter dem erst kürzlich kreierten Motto "Taste Life", das neben Abenteuer-Urlaubern auch Reisende mit Interesse an Kultur und Kulinarik ansprechen soll.

Insgesamt 760.000 Ankünfte aus dem Ausland gab es im Corona-Vorjahr 2019, davon 34.300 aus Deutschland. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres kam die Mehrzahl der Mazedonien-Besucherinnen und -Besucher aus Serbien, dicht gefolgt von Gästen aus der Türkei. Mit gut 14.000 Ankünften liegt Deutschland in diesem Jahr immerhin auf Platz drei. Auch wenn diese Zahl absolut gesehen noch gering ist und die Deutschen in diesem Zeitraum prozentual nur fünf Prozent am Gesamtreisemarkt ausmachten, haben sie das Land als Reiseziel also bereits auf dem Schirm.

Veranstalter haben das Land im Blick

Reiseangebote finden sie bei den Veranstaltern, wenn auch in überschaubarer Zahl. So haben etwa Gebeco, Chamäleon, Studiosus und Marco Polo Nordmazedonien im Programm, allerdings nur in Kombination mit Albanien oder weiteren Ländern des Balkans. TUI listet immerhin über 30 Hotels im Land und will bei Bedarf erweitern. Dertour plant aktuell keinen Ausbau des Angebots, will aber mögliche Optionen im Blick behalten.

FTI steht unterdessen in den Startlöchern. Die Veranstalter-Gruppe prüft derzeit Infrastruktur und Flugverbindungen. "Wir sehen definitiv Potenzial im Segment Rund- und Erlebnisreisen und evaluieren, für Sommer 2023 eine Standort-Rundreise mit Ohrid als Basis bei unserer Marke Big Xtra aufzulegen", sagt René Kroll, Senior Product Manager Southeast Europe bei Big Xtra.
Die Alexander-Statue in Skopje ist das neue Wahrzeichen der nordmazedonischen Hauptstadt.
Sabine Fauth
Die Alexander-Statue in Skopje ist das neue Wahrzeichen der nordmazedonischen Hauptstadt.

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