Nach Europa

Ansturm auf Schengen-Visa durch Russen

Junge Russen spazieren in St. Petersburg.
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Junge Russen spazieren in St. Petersburg.

Viele russische Staatsbürger wollen sich ein Schengen-Visum sichern, bevor in der EU ein generelles Einreiseverbot gegen Russen verhängt wird. Doch wäre ein derartiges Verbot wirklich zielführend?

Marina Schirokowa, eine Managerin bei "Vizakhod", sagte der russischen Zeitung "Kommersant", dass die Nachfrage nach Schengen-Visa in den letzten zwei Wochen um etwa 40 Prozent gestiegen sei, da die Befürchtung wächst, dass Europa-Reisen bald tabu sein könnten.

Ein Schengen-Visum ist ein 90-Tage-Visum, das es einer Person erlaubt, zu touristischen oder geschäftlichen Zwecken in eines der 26 europäischen Mitglieder des Schengen-Raums zu reisen. Jedes Mitgliedsland der Schengen-Zone kann Schengen-Visa ausstellen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte am 8. August die EU auf, russischen Touristen die Einreise zu verweigern, um Moskau für seinen Angriffskrieg zu bestrafen. Drei Tage später erklärte der estnische Außenminister Urmas Reinsalu, sein Land werde russischen Bürgern mit von Estland ausgestellten Schengen-Visa die Einreise verbieten. Finnland will diesem Beispiel folgen. Auch Lettland und Tschechien unterstützen diesen Vorstoß.

Die Niederlande beispielsweise erteilen Schengen-Visa nur noch aus humanitären Gründen, Belgien nur für Studium und Arbeit sowie Rumänien und Polen nur für eine Reise zu Verwandten.


Bundeskanzler Olaf Scholz spricht sich gegen ein generelles Visa-Verbot gegen russische Staatsbürger aus. Ein derartiger Schritt würde die Sanktionen gegen Russland schwächen, weil auch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden würden. Dieser Argumentation folgt auch der "Tagesspiegel". Wer in Russland die aktuellen Strapazen der Visumbeschaffung auf sich nehme, stehe dem Kreml kritisch gegenüber. Deshalb würde ein Einreise-Verbot vor allem kritische Geister treffen.

"Anders ausgedrückt handelt es sich genau um den Teil der russischen Gesellschaft, der der eigenen Regierung und ihrem Kurs am kritischsten gegenüber steht. Diese stößt man mit jedem Einreiseverbot vor den Kopf  die Gegner der russischen politischen Elite, die im eigenen Land unter starkem Druck stehen", nennt das der Osteuropa-Spezialist Bernhard Gilka in einem Gastbeitrag.

Westliche Politiker, die Reisebeschränkungen fordern, würden sich somit "zu unfreiwilligen Komplizen der Regierung im Kreml" machen. 

Christoph von Marschall, diplomatischer Korrespondent des "Tagesspiegel", pflichtet Gulka bei. Er führt in einem Meinungsartikel aus: "Der Eindruck der pauschalen Bestrafung einer ganzen Gesellschaft ist nach aller Erfahrung kontraproduktiv und führt zum Schulterschluss mit dem Regime."

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