Milliarden-Projekt Crossrail

Londons neue U-Bahn der Superlative

An 40 Stationen soll die neue Londoner U-Bahnlinie Crossrail halten.
Crossrail Ltd
An 40 Stationen soll die neue Londoner U-Bahnlinie Crossrail halten.

Direkt unter dem Zentrum der Megametropole London findet eines der größten Bauprojekte in der Geschichte Großbritanniens statt. Für rund 16 Mrd. Euro entsteht eine U-Bahn-Linie der Superlative.

Auf der Dean Street im Herzen Londons fahren schwere Baufahrzeuge vor. Lastwagen liefern Material für die Baustelle direkt an der Ecke zur belebten Oxford Street, auf der Shopping-Fans flanieren und Geschäftsleute hektisch ihr Mittagessen besorgen. Es geht um ein gigantisches Projekt: die Erweiterung der U-Bahn-Station Tottenham Court Road im Rahmen des Milliarden teuren Crossrail-Projekts. „Alles geht durch diesen Eingang an der Haupteinkaufsstraße. Dafür müssen wir alle 5 bis 30 Minuten den Verkehr aufhalten, den ganzen Tag lang, jeden Tag“, erklärt Phil Jones, der Projekt- und Bauleiter.

Crossrail ist der Name für den Bau einer neuen, modernen U-Bahn-Linie mit mehr als 40 Stationen in London. Knapp 15 Mrd. Pfund (16 Mrd. Euro) soll die Elizabeth Line kosten. Das Ziel: Entlastung im öffentlichen Nahverkehr und kürzere Fahrten für die Passagiere. Momentan dauert eine Fahrt vom Flughafen Heathrow in die Innenstadt zur Tottenham Court Road gut 50 Minuten. Mindestens einmal muss man dabei umsteigen. Mit der Direktverbindung Elizabeth Line soll die Fahrt weniger als 30 Minuten dauern.

Mehr als 40 Kilometer neue Tunnel wurden dafür unter dem Stadtzentrum gegraben, direkt neben bereits existierenden Linien. „Wir sind mit der Tunnelbohrmaschine direkt über die bestehende Northern Line gefahren“, erzählt Jones. Seine Kollegen mussten im wahrsten Sinne des Wortes Millimeterarbeit leisten. „Die Linie war nicht mal einen Meter unter uns. Da muss man schon sehr genau sein.“

Stationen werden neu gebaut oder erweitert

Zehn neue U-Bahn-Stationen werden für die Elizabeth Line gebaut. Andere müssen in großem Stil umgebaut oder erweitert werden. „Wir müssen die Stationen upgraden und die Bahnsteige an die Länge der neuen Züge anpassen“, erklärt Jones. „Die Züge auf der neuen Linie sind doppelt so lang wie bisherige U-Bahnen, so etwa 200 Meter.“ Sie bieten Platz für 1500 statt wie bisher 800 Passagiere. „Und wir können sie irgendwann in Zukunft noch um einen Waggon erweitern.“

Rund 80 Rolltreppen mit einer Gesamtlänge von fast drei Kilometern werden in den Stationen der Elizabeth Line installiert. „Wir streiten gerade darüber, ob wir die längste oder zweitlängste Rolltreppe in ganz London haben“, scherzt Jones. Sämtliche Haltestellen an der neuen Linie sind barrierefrei. Im mehr als 150 Jahre alten Londoner U-Bahn-Netz ist das keine Selbstverständlichkeit.

Bahnsteige werden breiter

Wer in der britischen Hauptstadt schon mal zu Stoßzeiten mit der „Tube“ gefahren ist, kennt das mitunter beängstigende Gedränge. Das soll bald weniger werden. Denn nicht nur die Züge, sondern auch die Bahnsteige bieten deutlich mehr Platz. Fünf bis sechs Meter breit und etwa 250 Meter lang sollen sie in der Tottenham Court Road werden.

„Das ist schon eine ziemlich beeindruckende Größe“, findet Jones. Dann zeigt der Bauleiter auf die Wand. „Die Platten in der Verkleidung haben kleine Löcher, die die Akustik dämpfen. Wir haben ziemlich viel Arbeit reingesteckt, vor allem in dieser Station. Wir haben uns mit den Anwohnern zusammengesetzt. Es gibt hier auch viele Tonstudios. Da mussten wir echt aufpassen, dass keinerlei Vibrationen oder Geräusche die Anlieger stören.“ Deshalb liegen die Schienen in der Station auf Sprungfedern. Jones nennt sie „schwebende Schienen“.

Die Station Tottenham Court Road wird als einer der wichtigsten Knotenpunkte die neue Linie mit der bestehenden Northern Line und der Central Line verknüpfen. Jones geht davon aus, „dass täglich etwa 150.000 bis 200.000 Fahrgäste durch diese Station laufen“.

Stationen sollen eigenen Stil haben

Dank eines privat finanzierten Kunstprojekts soll den Fahrgästen auch optisch etwas geboten werden. „Jede Station hat ihren eigenen Stil“, betont Dermot Tynan, Schnittstellen-Manager der London Underground. Die Stationen „gefühlsmäßig“ in die Umgebung zu integrieren, sei ein wichtiger Aspekt gewesen, so wie in der Station Tottenham Court Road, die an den für sein Nachtleben berühmten Bezirk Soho grenzt.

„Die westliche Eingangshalle repräsentiert die dunkle, zwielichtige Seite von Soho. Die Rolltreppen werden von schwarzem Kunststein und schwarzem Edelstahl flankiert“, erklärt Tynan. „Auf der Ostseite sind wir im Theater- und Geschäftsbezirk, da geht es etwas peppiger zu. Deshalb sind die Verkleidung und die Farben dort lebendiger und leuchtender.“ Auch Jones ist begeistert: „Die beiden Künstler, die in dieser Station arbeiten, haben schon den Turner-Preis gewonnen.“

Mehr als 80 Prozent von Crossrail sind bereits fertiggestellt. Für Jones ist das aber kein Grund, überschwänglich zu werden. „Ich sage immer, die letzten 20 Prozent sind so schwer wie die ersten 80“, stellt er klar. „Es ist immer schön, eine hübsche Verpackung zu haben und all die Tunnel und Schienen miteinander zu verbinden, aber wir müssen das System zum Laufen bringen, damit die ‚Modelleisenbahn‘ auch funktioniert.“ „Es ist ein absolut gewaltiges Projekt mit komplexen Schnittstellen“, betont auch Tynan. „Kommunikation ist der wichtigste Aspekt, um im Plan zu bleiben.“

Vor Kurzem mussten die Verantwortlichen erstmals seit dem Start des Projekts ihren Zeitplan anpassen. Laut Crossrail-Programmdirektor Ben Wheeldon betrifft die Verzögerung aber nur einzelne Stationen. An dem geplanten Termin für die Fertigstellung des Gesamtprojekts 2019 ändere sich nichts. Die ersten Züge sollen sogar schon im Dezember 2018 auf einem Abschnitt der Elizabeth Line fahren, zu dem auch die Tottenham Court Road gehört. Spätestens dann soll der Verkehr auf der Oxford Street wieder ohne Unterbrechung fließen. (dpa)

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