Interview mit Visit-Berlin-Chef

"Wir stehen vor lauter Million-Dollar-Fragen"

Burkhard Kieker
visitBerlin/Thomas Kierok
Burkhard Kieker

Die Absage von Messen in Berlin ist für Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin, ein herber Schlag. Coronabedingt sind die Einnahmen massiv eingebrochen. Burkhard Kieker ist dennoch überzeugt von der Kraft des Städtetourismus.

Die Absage von Messen in Berlin ist für Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin, ein herber Schlag. Coronabedingt sind die Einnahmen massiv eingebrochen. Der Stadt fehlt jetzt schon ein Milliarden-Betrag. 2019 zählte die Hauptstadt noch 34 Mio. Übernachtungen, 2020 gerade mal zwölf Millionen. 2021 wird vermutlich noch schlimmer. Burkhard Kieker ist dennoch überzeugt von der Kraft des Städtetourismus.

fvw|TravelTalk: Herr Kieker, Sie haben den Deutschen Tourismuspreis gewonnen, weil sie ein neues Produkt zur Ticket-Buchung entwickelt haben. Ist das ein Ergebnis der Corona-Krise?

Kieker: Nein, das Projekt besteht seit 2019. Unser Ziel war es, eine Lösung zu finden, mit der Reisende Tickets bei Museen und Freizeiteinrichtungen buchen können, ohne jedes Mal einen Voucher zu bekommen, mit dem sie dann vor Ort an der Kasse stehen müssen. Wir haben während der Krise über 30 neue Kunden gewonnen, unter anderem Zürich Tourismus, Nürnberg Tourismus und auch die Extraschicht im Ruhrgebiet.

Wieviel haben Sie dafür investiert?

Einen unteren sechsstelligen Betrag.

Visit Berlin hat einen eigenen Veranstalter. Auch mit Services wie der Welcome Card verdienen Sie sonst Geld. Der Tourismus lag coronabedingt fast brach. Wie sind sie finanziell durch die Krise gekommen?

Aufgrund der Bedeutung des Tourismus für Berlin hat uns der Senat unterstützt. Zehn Millionen Euro haben wir für Zusatzprojekte erhalten, etwa für Kampagnen in Deutschland und Europa, auch gemeinsam mit Easyjet und der Deutschen Bahn. Außerdem konnten wir das große Tegel-Abschiedsdinner auf der Start- und Landebahn des Flughafens inszenieren. 3000 Berlinerinnen und Berliner konnten teilnehmen. Am Ende haben über 230 Mio. Menschen über Social Media und in den Medien unseren Slogan gesehen: "Berlin loves you". Wir wollten zeigen, dass Berlin wieder zurück ist.

Burkhard Kieker
Karriere: Seit Januar 2009 ist Burkhard Kieker Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die als Visit Berlin agiert. Er ist damit für die weltweite Vermarktung der Hauptstadt als Tourismus- und Geschäftsreiseziel verantwortlich. Zuvor arbeitete der gelernte Journalist für Lufthansa und die Berliner Flughäfen.

Privat: Der 61-Jährige lebt mit seiner Frau, mit der er zwei Kinder hat, in Berlin. Er ist gern auf dem Land in Brandenburg, fährt Rad und joggt.


Wie lief es touristisch?

Berlin hat sich gut gehalten, auch weil wir nicht so stark auf interkontinentale Gäste angewiesen sind wie andere Metropolen. 75 Prozent der Gäste kamen während der Pandemie aus Deutschland und 25 Prozent aus dem Ausland. Zuvor waren wir bei 50/50. Wir haben sogar vom Ostsee-Boom profitiert. Viele, die an der Küste kein Bett mehr gefunden haben, haben in Berlin übernachtet und sind von dort ans Meer oder ins Grüne gefahren. Doch wir haben Hotels verloren. Vor Corona hatten wir 800, jetzt sind es 711 Betriebe. Durch die Pandemie fehlt der Stadt ein Milliardenbetrag. Allein die ausgefallene IFA hat uns hunderttausende Übernachtungen gekostet.

2019 hatten Sie 34 Mio. Übernachtungen, 2020 gerade mal zwölf. Welche Entwicklungen erwarten Sie?

Wir sind weit vom Normal entfernt. Ich schätze, wir sind frühestens im Jahr 2023 wieder da, wo wir 2019 aufgehört haben. Die Voraussetzungen sind gut: Die Kultur wurde gerettet, die Gastro-Szene blüht. Aber wie alle in der Branche stehen wir vor lauter Million-Dollar-Fragen: Wie entwickelt sich der Geschäftsreiseverkehr? Wie erholen sich Messen und Kongresse? Auf viele davon haben wir noch keine Antwort.

Worauf haben Sie denn schon eine Antwort?

Dass es nach wie vor ein großes Bedürfnis nach Städtetourismus gibt, nach kultureller Anregung und Aufladung. Und, dass die Marke Berlin trotz Krise nahezu unbeschädigt ist.

So ist Visit Berlin aufgestellt

Beschäftigte: 155 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 

Gesamtetat: 26,2 Mio. Euro (2019) 

Finanzierung: 55 Prozent Eigeneinnahmen (2019), 42 Prozent Land Berlin, der Rest stammt aus der Tourismuswirtschaft und von den Gesellschaftern 

Gesellschafter: Partnerhotels e. V. (40 Prozent), Land Berlin (15 Prozent), Messe Berlin (fünf Prozent), Investitionsbank Berlin (25 Prozent), TMB Tourismus-Marketing Brandenburg (fünf Prozent) und Flughafen Berlin Brandenburg (zehn Prozent).


Die Pandemie hat die Bedürfnisse vieler Menschen grundlegend verändert. Immer mehr zieht es in die Natur. Machen Sie sich keine Sorgen um den Städtetourismus?

Der Städtetourismus ist nicht vorbei – im Gegenteil, wie die Spitzenzahlen des Sommers im europäischen Vergleich zeigen. Die Stadt ist ein authentischer Ort der Geschichte des 20. Jahrhunderts und zieht gute Köpfe an – Künstler, Kreative, Wissenschaftler. Technology, Talent, Toleranz – die drei T sind unsere Geschäftsgrundlage. Darauf müssen wir aufpassen.

Das komplette Interview lesen Sie in der Ausgabe 25/2021. Jetzt im E-Paper lesen!

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