Interview mit Ukraine-Werberin

"Es ist einfach furchtbar – es ist ein Massaker"

Berichtet per Video-Interview aus Lviv: Mariana Oleskiv. Ihr T-Shirt zeigt Flugzeuge des ukrainischen Herstellers Antonov. "Das größte, die Mriya, wurde während des Krieges vom russischen Militär zerstört", erzählt sie und zeigt auf ihr Shirt.
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Berichtet per Video-Interview aus Lviv: Mariana Oleskiv. Ihr T-Shirt zeigt Flugzeuge des ukrainischen Herstellers Antonov. "Das größte, die Mriya, wurde während des Krieges vom russischen Militär zerstört", erzählt sie und zeigt auf ihr Shirt.

Normalerweise wirbt Mariana Oleskiv für Reisen in die Ukraine. Die 40-Jährige ist für die Tourismusvermarktung verantwortlich. Daran ist derzeit natürlich nicht zu denken. Wie sie den Krieg in ihrem Land erlebt, schildert sie im Interview mit fvw|TravelTalk.

fvw|TravelTalk: Frau Oleskiv, wie geht es Ihnen?
Mariana Oleskiv: Jeden Tag sterben viele Menschen. Anfangs dachte ich, dass alles besser wird, aber die Russen versuchen, alles zu zerstören. Wir sehen, was in Mariupol passiert. Das Museum, das Schloss, alle kulturellen Stätten sind kaputt. Es ist einfach furchtbar. Es ist ein Massaker. Auf den Straßen, auch zwischen Kiew und Lviv, sind Fahrzeuge der russischen Armee. Sie töten Kinder, Männer auf Fahrrädern. Überall sind Minen. Nichts ist sicher, und es wird dauern, bis die Minen entfernt sind.

Wo sind sie gerade?
Ich bin im Moment in Lviv bei meinen Eltern. Ich möchte bei ihnen sein. Das Gefühl, zu Hause zu sein, ist im Moment sehr wichtig für uns. Viele haben kein Zuhause mehr. In Lviv bin ich aufgewachsen, und bevor ich für die Regierung arbeitete, war ich für das Tourismusmarketing von Lviv zuständig. Sonst wohne ich in Kiew. Auch dort fahre ich immer mal wieder hin.

Steht Ihr in Haus in Kiew noch?
Ja, aber es gibt zwei Kollegen von mir, deren Häuser in der Nähe von Kiew komplett zerstört wurden. In der Stadt fielen einige Häuserblocks Bomben zum Opfer, etwa 20 Gebäude. Aber das war eher am Anfang der Angriffe. Kiew ist nicht zerstört. Die russischen Truppen waren von unseren Truppen umzingelt und sind wieder abgezogen. Aber alle paar Stunden haben wir Bombenalarm und müssen uns in Sicherheit bringen. Gestern etwa von 4.20 Uhr bis 7.00 Uhr dann wieder von 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr und von 22.00 Uhr bis 23.00 Uhr. Lviv ist sicherer.

Wie bewegen Sie sich von einem Ort zum anderen?
Mit dem Zug oder dem Auto. Die Hauptstraße zwischen Lviv und Kiew wurde vor ein paar Tagen geräumt. Aber die Straße ist wegen der Minen und der russischen Truppen trotzdem sehr gefährlich.

Wie geht es Ihrem Team?
Alle leben. Die meisten arbeiten. Einige können wegen der Minen nicht aus dem Haus. Die Männer sind in der Armee.

Wie muss man sich Ihre Arbeit derzeit vorstellen?
Wir arbeiten mit der Hotellerie zusammen, bringen Flüchtlinge, Journalisten und auch Mitglieder aus der Regierung unter. Die Hotels in Lviv sind ausgebucht. Auch die Restaurants sind geöffnet. Für Geflüchtete gibt es kostenlos Essen. Viele kommen nach Lviv, weil es sicherer ist. Museen und Theater sind seit dem 1. April wieder geöffnet. Komödien werden allerdings nicht gespielt.

Wie ist die Lage in Kiew?
Auch dort bereiten Hotels Essen für die Armee und für Journalisten zu. Ansonsten ist die Arbeit so gut wie eingestellt. Einige Restaurants haben geöffnet, Geschäfte und Shopping Center ebenfalls. Die U-Bahn fährt wieder. Vorher war es schwierig, von einem Teil in den anderen zu kommen. In der Ostukraine sind Hotels geschlossen. Ein anderer wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, jegliche Zusammenarbeit mit Russen zu stoppen.

Es gibt enge Verflechtungen, oder?
Ja, einige ukrainische und russische Firmen haben dieselben Namen. Wenn es russische Eigentümer sind, müssen wir dafür sorgen, dass sie nicht mehr arbeiten dürfen. Bei ukrainischen Inhabern müssen wir die Namen ändern. Russische Firmen müssen aus allen touristischen Netzwerken raus. Wir arbeiten hier auch mit der internationalen Hotellerie und Tourismus-Organisationen zusammen. Unternehmen wie Hilton und Marriott agieren immer noch in Russland.

Wie stark ist die Unterstützung?
Die European Travel Commission zeigt sich solidarisch und unterstützt uns. Wir arbeiten daran, dass die UNWTO Russland ausschließt. Am 27. April wird es dazu eine Versammlung geben. Der WTTC hat sich zum Krieg nicht geäußert. Einige Mitglieder arbeiten noch mit Russen zusammen. Das, was gerade bei uns passiert, hat riesige Auswirkungen auf alle. Es will auch keiner mehr nach Europa reisen. Alle müssen zusammenarbeiten, um den Krieg zu stoppen. Tourismus bedeutet Frieden.

Was gibt Ihnen Hoffnung?
Wenn wir mehr Waffen bekommen, um die Angriffe zu stoppen. An die Vereinbarungen mit Russland glaube ich nicht. Jedes Mal, wenn etwas unterzeichnet wurde, wurde es gebrochen. Putin versteht nur eine Sprache: Macht. Mein größter Wunsch ist es, dass alle Russenverbindungen gekappt werden und die Ukraine genug Waffen bekommt, um den Krieg zu stoppen.

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