Interview mit Polens Tourismuschef

"Polen ist startklar für Wettrennen um Urlauber"

Gelegenheit, den ländlichen Tourismus zu stärken: Rafał Szlachta, Präsident der Polnischen Tourismusorganisation POT.
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Gelegenheit, den ländlichen Tourismus zu stärken: Rafał Szlachta, Präsident der Polnischen Tourismusorganisation POT.

Mit seinen großen Naturregionen sowie mit Wander-, Rad- oder Kanu-Urlaub sieht Polens Tourismuschef Rafał Szlachta sein Land ideal gerüstet für Urlauber, die Erholung nach der Pandemie suchen. fvw | TravelTalk sprach mit ihm.

fvw | TravelTalk: Wie bereitet sich Polen auf den Neustart des Tourismus vor?
Rafał Szlachta: Wir befinden uns derzeit aufgrund der Pandemie in einem schwierigen Umfeld, das verlangt flexible Entscheidungen. Früher war es möglich, ein Jahr lang im Voraus zu planen. Heute ist es unmöglich, genau zu sagen, wann wir auf welchen Märkten tätig werden können. Daher haben wir verschiedene Szenarien für unsere Aktivitäten in der nahen Zukunft vorbereitet. Wenn die Pandemie nachlässt, müssen wir erneut um die Touristen kämpfen.

Jedes Land, jede Region und jedes Tourismusbüro wird sie für sich gewinnen wollen, daher müssen wir heute schon für dieses Wettrennen bereit sein. Der deutsche Markt ist für uns der wichtigste Auslandsmarkt. Sobald sich die Pandemie-Situation stabilisiert, möchten wir dort mit unserem Marketing starten, um die Deutschen zu ermuntern, wieder nach Polen zu reisen.

Was wird anders sein am Reisen als vor Corona? Werden die Urlauber neue, andere Wünsche und Bedürfnisse haben?
Der Tourismus nach der Pandemie wird sicherlich anders aussehen als vorher. Alle Studien zeigen, dass für die meisten von uns das Gefühl der Sicherheit der wichtigste Faktor bei der Auswahl eines Ziels ist. Touristen entscheiden sich immer häufiger dafür, sich inmitten der Natur zu erholen, wo sie besonders auf soziale Distanz achten können.

Wir sehen darin eine großartige Gelegenheit, den ländlichen Tourismus zu stärken. Das betrifft den reinen Erholungsurlaub ebenso wie den aktiven Tourismus beim Wandern, Rad- oder Kanufahren. Viele solcher Orte in Polen bieten auch gute Möglichkeiten, sich von den psychosomatischen Belastungen während der Corona-Pandemie zu erholen. Ich sehe deshalb in Polen ein großes Potenzial für Regionen, die bisher noch nicht so stark im Fokus standen.

Wann rechnen Sie damit, dass Polen wieder zahlenmäßig das Besucher-Niveau von 2019 erreicht?
Mir ist bewusst, dass sich der Incoming-Tourismus erst allmählich erholen wird – der aus den Nachbarländern schneller, der aus fernen Märkten wie den USA, China oder Japan langsamer. Einige polnische Städte wie Krakau waren vor der Pandemie stark auf ausländische Gäste ausgerichtet, die einen großen Teil der Einnahmen generierten.

Solche Städte brauchen ausländische Gäste. Deshalb werden wir auf den Märkten auch intensiv werben, sobald von dort aus Reisen wieder möglich sind. Nach Untersuchungen der Europäischen Reisekommission wird die Zahl der Touristen in etwa drei Jahren das Niveau vor der Pandemie erreichen. Ich werde jedoch alles dafür tun, um dieses Ziel in Polen schon früher zu erreichen. Dies hängt aber weitgehend davon ab, wie sich die Pandemie in den kommenden Monaten entwickeln wird.

In Deutschland fordern viele touristische Anbieter, dass geimpfte Personen wieder frei reisen können. Wie handhabt Polen diese Frage?
Es ist verständlich, dass sowohl die Tourismusbranche in Deutschland als auch in Polen möchte, dass das Reisen bald wieder so sein kann, wie wir es aus der Zeit vor der Pandemie kennen. Bis diese vollständig gestoppt ist, müssen wir uns aber daran erinnern, dass das Wichtigste die Gesundheit ist.

Bereits jetzt gilt in Polen die Regelung, dass bei der Einreise über eine europäische Binnengrenze die erforderliche zehntägige Quarantäne entfallen kann, wenn ein aktuelles negatives Testergebnis oder der Nachweis über eine erfolgte Impfung vorgelegt werden kann. Auch andere Länder haben entsprechende Regelungen getroffen oder planen diese.

Was glauben Sie, welche touristischen Produkte und Regionen in Polen als Erste wieder profitieren können?
Wenn es um den deutschen Markt geht, habe ich keine Zweifel daran, dass die grenznahen Woiwodschaften am meisten profitieren werden, das heißt Niederschlesien und Westpommern. In beiden Regionen gibt es zahlreiche Kurorte, die traditionell auch von vielen Touristen aus Deutschland besucht werden. Unsere dortigen Kureinrichtungen unterliegen strengen Hygieneregeln und erwarten die deutschen Gäste.

Beide Regionen haben aber auch einen sehr hohen Erholungswert und bieten viele Möglichkeiten zum Aktivtourismus. Gute Chancen sehe ich auch für die grenznahe Woiwodschaft Lebuser Land. Mehr als die Hälfte ihrer Fläche ist von Wäldern bedeckt. Menschen, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen, werden dort nicht enttäuscht sein.

In Deutschland boomte im vergangenen Jahr der Wohnmobil-Tourismus. Wir erlebten es bereits, dass viele Reisende, die in Deutschland keinen freien Platz mehr fanden, nach Polen auswichen. Wir haben bei uns sehr viele gut ausgestattete Plätze für Wohnmobile und Camping, und ich rechne damit, dass diese auch von vielen deutschen Gästen genutzt werden.

Werden deutsche Nachbarländer wie Polen nach dem Neustart im Vorteil sein, weil sie schnell und gut zu erreichen sind – oder im Nachteil, weil die Menschen so schnell wie möglich wieder eine Fernreise machen wollen?
Alle Studien zeigen, dass die meisten Touristen nach der Öffnung erst mal Ziele suchen, die nicht so weit weg von ihrem Zuhause sind. Sie entscheiden sich auch häufiger dafür, mit dem eigenen Auto zu fahren. Deshalb ist Polen ideal für deutsche Touristen, um sich nach dem Lockdown zu erholen.

Wir hoffen auch auf eine Rückkehr von Touristen in die Städte. Reisende können zum Beispiel mit dem Auto in sechs Stunden von Berlin nach Krakau gelangen. Die touristische Infrastruktur in Polen ist neu und bietet höchsten Standard zu wettbewerbsfähigen Preisen. Ich bin überzeugt davon, dass jeder deutsche Tourist in unserem Land finden wird, wonach er sucht.

Viele Gäste lassen sich bei der Auswahl ihres Reiseziels vor allem von der Sicherheit leiten. Polen ist bisher mit der Coronavirus-Pandemie gut zurechtgekommen. Als Polnische Tourismusorganisation haben wir im vergangenen Jahr ein Programm gestartet, um für ein Höchstmaß an Hygienesicherheit in den Unterkünften zu sorgen. Alle Hotels und Pensionen, die sich an der Selbstzertifizierung beteiligt haben, sind auf einer Website der Polnischen Tourismusorganisation gelistet.

Auf welche touristischen Zielgruppen aus Deutschland setzt Polen ganz besonders?
In den vergangenen Jahr zeigte sich die erfreuliche Tendenz, dass immer mehr junge Leute aus Deutschland und anderen Ländern Polen besuchten. Ich hoffe, dass sich dieser Trend nach der Pandemie fortsetzen wird.

Polen ist zudem als Ziel für Kurreisen in Deutschland sehr beliebt. Insgesamt gibt es 45 Kurorte im Land. Neben klassischen Kurreisenden zog es auch immer mehr Wellness-Urlauber nach Polen, die das gute Preis-Leistungs-Verhältnis schätzten. Auch hieran möchten wir anknüpfen. Gerade in der ersten Zeit sehen wir aber als wichtigste Gruppe Erholungssuchende und aktive Touristen, die ihren Urlaub mit viel Abstand in der Natur verbringen möchten.

Viele Deutsche besuchen Polen selbstorganisiert mit dem Auto. Zugleich nehmen aber auch immer mehr deutsche Veranstalter und Reisebüros Nahziele in ihre Angebote. Plant auch Polen, das B2B-Segment entsprechend auszubauen und stärker mit Veranstaltern und Reisebüros zu kooperieren?
Wir arbeiten bereits sehr intensiv mit der Reisebranche in Deutschland zusammen und wollen das noch intensivieren. Sehr wichtig ist für uns zum Beispiel die Busreisebranche, denn Polen gehört seit Jahren zu den beliebtesten Zielen für deutsche Busreisende. Deshalb sind wir jedes Jahr mit zahlreichen Ausstellern beim Branchentreff RDA-Workshop vertreten.

Aber Polen ist auch in vielen Katalogen von deutschen Veranstaltern für Rad-, Wander-, Kultur-, Kur- oder Wellnessreisen vertreten. Und Analysen zeigen, dass trotz Internet viele Polen-Reisende nach wie vor ihren Urlaub auch bei Reisebüros buchen. Deshalb sind wir in diesem Jahr als Polnische Tourismusorganisation auch zusammen mit vielen polnischen Anbietern und Reiseregionen auf der ITB Berlin Now vertreten, um unsere Angebote der Reisebranche zu präsentieren.

Wir unterstützen die deutsche Reisebranche, indem wir zusammen mit unseren Partnern Studienreisen, Workshops und Präsentationen organisieren. Ich denke, dass die effektivste Form der Werbung für unser Land darin besteht, Vertreter der deutschen Reisebranche nach Polen einzuladen.

Mit welchen Neuheiten und Highlights lockt das Land 2021?
Trotz der Pandemie bauen wir unsere touristische Infrastruktur weiter aus. Das sehe ich als sehr positives Zeichen für die Zukunft. Auch für 2021 ist die Eröffnung von zahlreichen neuen Hotels in großen Städten, aber auch in den beliebten Ferienregionen wie Masuren oder an der Ostseeküste geplant.

Seit einigen Jahren entstehen in Polen neue, moderne Radwege. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich fertiggestellte Dunajec-Radweg, der im Süden Polens durch die Naturlandschaften der Tatra und des Pieniny-Gebirges führt. Auch entlang der polnischen Ostseeküste ist ein neuer durchgehender Radweg entstanden.

Mit zahlreichen Festivals und neuen Konzerthäusern zog Polen in den vergangenen Jahren immer mehr deutsche Musikliebhaber an. Wir hoffen natürlich darauf, dass die Bedingungen bald wieder so sind, dass ein unbeschwerter Kulturgenuss möglich ist und wir zum Chopin-Jahr in Warschau und bei anderen Kultur-Events auch wieder Gäste aus dem Ausland begrüßen können.

Gleiches gilt für Veranstaltungen wie das Finale der Tall Ships' Races in Stettin, an dem in den vergangenen Jahren auch viele Tausend Liebhaber von Segelschiffen aus Deutschland teilnahmen. Es lohnt sich auch 2021, nach Polen zu reisen, und ich hoffe, dass das schon bald wieder möglich sein wird.

2 Kommentare Kommentieren

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2.
Roland Helmchen
Erstellt 3. März 2021 08:58 | Permanent-Link
bearbeitet

Wir haben viele Kunden im letzten Jahr überzeugen müssen, an die langen polnischen Ostseestrände zu fahren, da es doch aus der Südwestecke ein weiter Weg ist und viele keine genaue Vorstellung von dem Land hatten. Alle kamen begeistert zurück. Polen ist nach meinen Erfahrungen ein herrliches Reiseland und bietet sehr viel für einen erholsamen, spannenden und einfach schönen Urlaub.

1.
Frank Straka
Erstellt 2. März 2021 09:46 | Permanent-Link
bearbeitet

Wichtig ist zu wissen, dass die 10-tägige Quarantäne in Polen für deutsche Gäste nicht bei Einreisen mit dem eigenen PKW gilt.

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