Historische Züge

Wie Italien den Bahn-Tourismus stärkt

Im historischen Zug von Mailand an den Iseosee – eine Reise in die Vergangenheit.
Fondazione FS Italiane
Im historischen Zug von Mailand an den Iseosee – eine Reise in die Vergangenheit.

Alte Züge, neue Erlebnisse: Mit historischen Bahnen will Italien das Konzept des "Slow Tourism" umsetzen. Entspannt sollen Urlauber das Land genießen – und mit allen Sinnen.

Der Minister ist verliebt. "Zum einen haben es ihm unsere alten Züge selbst angetan", sagt Luigi Cantamessa, Chef der Stiftung Fondazione FS der italienischen Eisenbahnen. "Zum anderen kann er sich nicht daran sattsehen, wie die herrliche italienische Landschaft langsam an den Zugfenstern vorbeizieht." Und weil Italiens Tourismusminister Massimo Garavaglia in den historischen Bahnen ein enormes Potenzial sieht, hat er sie zu einem Hauptbestandteil der Tourismusstrategie des Landes gemacht.

In aller Seelenruhe durchs Land fahren, dabei Natur und Kultur genießen und für eine Verkostung immer mal wieder anhalten: "Historische Bahnfahrten", so nennt Italiens Regierung ein groß angelegtes Projekt, das helfen soll, die Wende im Tourismus herbeizuführen. Regional, sinnlich und nachhaltig soll der neue Slow Tourism sein – als Gegenpart zum Overtourism. Entwickelt hat das Konzept Cantamessa, der stundenlang darüber sprechen kann.

Im Zug von Mailand nach Paratico-Sarnico am Iseosee nutzt er dazu den Konferenzwagen von 1907, in dem Italiens Politiker einst durch Europa reisten. Dieser wurde den Personenwagen angehängt, die zwischen 1948 und 1963 auf dieser Strecke verkehrten. Gleich hinter dem langen Konferenztisch steht ein grünes Plüschsofa: Vor wichtigen Treffen konnten sich die Minister noch einmal ausruhen. Am heutigen Tag ist der Zug, der im Wechsel von einer Dampflok und einer alten Diesellok gezogen wird, mit Journalisten, Reisebüros und Veranstaltern unterwegs.
Natürlich tragen auch die Lokführer historische Uniformen.
FVW Medien/OG
Natürlich tragen auch die Lokführer historische Uniformen.

Harte Holzbänke, lautes Rumpeln und eine Heizung, die unerbittlich bullert: Moderne Bequemlichkeit bieten die alten Züge nicht. Doch genau das macht ihren Reiz aus – es ist ein Bahnfahren, wie es manche noch aus ihrer Kindheit kennen. Und wie es andere, Jüngere, toll finden. Auch weil sich die Fenster noch von Hand öffnen lassen, die Vorhänge aufwändig bestickt sind, und weil man beim Wechseln der Wagen direkt auf die Gleise blickt.

"Wer mit uns reist, vergisst alle Hektik der Neuzeit", schwärmt Cantamessa. "Eigentlich vergisst er sogar die Neuzeit insgesamt." Am Fenster gleiten Wälder, Flüsse, Weinreben und der malerisch gelegene Iseosee vorbei, die Zugschaffner tragen die alten Uniformen.

Aus nahezu 400 restaurierten Waggons besteht die Flotte der Fondazione FS Italiane, dazu gibt es Dampf-, Diesel- und alte Elektroloks oder Schienenbusse aus Mussolini-Zeiten. Dabei geht es nicht nur um die Bahnen an sich. Sie sollen auch Mittel sein, um Landschaften und Kulturdenkmäler zu erschließen, die bislang weniger im Fokus des touristischen Interesses stehen.

Und den Slow Tourism ergänzen soll das Slow Food: Restaurants entlang der Strecke tischen regionale Spezialitäten auf, hergestellt aus heimischen pflanzlichen und tierischen Produkten. Weinverkostungen ergänzen das kulinarische Erlebnis.

Sieben Pilotstrecken in ganz Italien

Gemeinsam mit dem Tourismusministerium hat die Fondazione FS einen detaillierten Plan zur Umsetzung des Projekts erarbeitet. Wie wichtig es der Regierung ist, zeigt bereits die hohe Summe, die sie investiert: 100 Mio. Euro fließen in das neue Angebot. Insgesamt sieben Bahnstrecken wurden in Betrieb genommen, im Piemont ebenso wie in der Toskana, in den Abruzzen, in Kampanien, auf Sardinen und auf Sizilien und eben in der Lombardei. Alle Verbindungen hat die Fondazione FS seit Oktober bei Fam Trips vorgestellt.

"Wir sehen den Bahntourismus als eines der vielversprechendsten Projekte", sagt Gian Paolo Meneghini, Sonderberater des Tourismusministers. "Und er bietet uns die Chance zu einem wirklichen Neuanfang. Touristisch wollen wir nach Corona etwas anders machen, wollen wegkommen von einem Phänomen wie dem Overtourism."
Malerisch gelegen: der Iseosee in der Lombardei.
FVW Medien/OG
Malerisch gelegen: der Iseosee in der Lombardei.

Nicht nur die alten Loks und Wagen wurden renoviert, auch in zuvor verfallene Bahnhöfe kehrt neues Leben ein. Vorbildcharakter hat die Station in Paratico-Sarnico am Iseosee, etwa 75 Kilometer nördlich von Mailand. In den Bahnhof selbst sind heute eine Pension, ein Café und eine kleine Gärtnerei eingezogen, im ehemaligen Lokschuppen residiert ein Wein-Bistro, und in der Güterhalle zeigt eine HO-Modellbahnanlage den Fortschritt des Projekts.

Großes ist geplant

Alles fügt sich in das Gesamtpaket des Slow Tourism ein. So gibt es auch im Bistro im Bahnhof rein Regionales – vom örtlich erzeugten Käse über die frittierten Sardinen bis hin zum lokalen Franciaforta-Wein. Die Blumengestecke sind von Hand gefertigt und die Läden mit Koffern und Reisekisten aus den 50er und 60er Jahren geschmückt.

Dabei hat die Fondazione noch Großes vor. Am Iseosee beispielsweise will man bestehende Gleise unter dem Steinbelag freilegen und sogar das "Schienenboot" neu schaffen, mit dem die Waggons in früheren Zeiten von einem Ufer des Sees zum anderen befördert wurden. Was einst von Arbeitern genutzt wurde, richtet sich dann an Touristen, vor allem an Radfahrer und Wanderer.

Dass der Iseosee für das Projekt gewählt wurde und nicht der benachbarte Gardasee oder Comer See, liegt in der Philosophie begründet: Touristisch ist das Gebiet noch ein Geheimtipp – zumindest bei Nicht-Italienern. Dabei hat der See keineswegs weniger zu bieten als seine beiden berühmten Nachbarn. Höhepunkt ist der Monte Isola, jener 400 Meter hohe "Inselberg", auf dessen Spitze die Kirche Santuario della Madonna della Ceriola thront.

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