Solidarität und Kreativität

US-Touristiker lassen sich in der Krise viel einfallen

Farbenfroh mit aktuellem Bezug: In Richmond finden sich viele Wandmalereien – in der Pandemiezeit sind durch das Projekt Mending Walls viele Motive dazugekommen.
FVW Medien/HMJ
Farbenfroh mit aktuellem Bezug: In Richmond finden sich viele Wandmalereien – in der Pandemiezeit sind durch das Projekt Mending Walls viele Motive dazugekommen.

Keine Frage: Die Corona-Krise hat die Reisebranche bis an die Grenzen der Belastbarkeit getrieben – und oft darüber hinaus. Doch viele Touristiker haben auch gezeigt, was unter schwierigen Bedingungen möglich ist – von Hilfsaktionen bis zu ambitionierten Neustarts.

Wichtig dabei ist die wechselseitige Unterstützung zwischen Branche und jeweiliger Community, wie ein Blick in die USA zeigt. Neben Charity-Aktionen gibt es auch viele Initiativen, die Touristen zugutekommen. Hier einige – nicht repräsentative, aber in ihrer bunten Vielfalt durchaus anschauliche – Beispiele.

Bedürftige Mitbürger unterstützen

Kost und Logis für Arme: Das Holiday Inn Edison in Fort Myers bot Obdachlosen eine vorübergehende Unterkunft. Seit Juli 2020 haben Jessica Mazza und ihr Team über 170 Hotelzimmer und drei Mahlzeiten pro Tag für 300 Gäste bereitgestellt. Außerdem stellten sie kostenlos einen Bankettsaal für eine Jobmesse zur Verfügung. In Jackson (Mississippi) arbeiteten Chefkoch Nick Wallace und sein Team mit World Central Kitchen und anderen Restaurants in der Region zusammen, um Tausende von kostenlosen Mahlzeiten zu kochen und fast eine halbe Million Flaschen Wasser an die Einwohner von Jackson zu verteilen.

Im Pferdemekka Kentucky sind die Rennbahnen wie Keeneland in Lexington ein wichtiger Arbeitgeber und Touristenmagnet. Von der zeitweisen Schließung kurz vor der Hauptsaison 2020 waren viele Arbeitsplätze und Existenzen betroffen, doch ging Keeneland eine Partnerschaft mit dem Kongress- und Fremdenverkehrsbüro Visit LEX ein, um Finanzierungsquellen zu erschließen – zunächst für die Verpflegung der Arbeiter der Rennbahnen, später für Mahlzeiten für Familien in ganz Lexington. Nourish läuft auch heute noch.

Als in Key West Mike Weinhofer, Betreiber von Key West Florida Fishing Charters, im März 2020 coronabedingt dichtmachen musste, fuhr er trotzdem täglich aufs Meer hinaus, filetierte und spendete seinen Fang regelmäßig an Bedürftige. Den Treibstoff fürs Boot zahlten oft seine früheren Charterkunden. Und in Kalifornien war die Hilfsbereitschaft im Gastgewerbe so groß, dass Visit California schon 2020 gleich eine ganze Liste von Hilfsprojekten unter Californians Doing Good zusammengestellt hat.

Blick über den touristischen Tellerrand

Spendenaktionen für Bedürftige: Auch Jennifer Whyte von der auch bei Touristen beliebten Fort Myers Brewing Company setzt sich leidenschaftlich für diejenigen ein, die Hilfe benötigen – auch in der Pandemie. So unterstützt sie die Behandlung eines an Leukämie erkrankten Jungen – zunächst 2019 durch eine Spendenaktion mit Imbisswagen, Getränken, Live-Musik und Auktion. Dann musste sie sich wegen der Pandemie etwas Neues einfallen lassen: ein Sechserpack Pilsner mit einem individuellen Lego-Design – 84 Prozent der Verkaufserlöse flossen direkt an die betroffene Familie.

Solidarität über Branchengrenzen hinweg: In Natchez (Mississippi) erhielten Leute, die in der Pandemie zum Beispiel ihre Restaurant- oder Hoteljobs verloren haben, neue Berufschancen – einschließlich Ausbildung – in der Filmbranche.

Sanitizer statt Spirituosen: JoAnn Elardo und ihr Team von Wicked Dolphin Rum Distillery in Cape Coral erhielten im März 2020 einen Anruf des örtlichen Krankenhaussystems, das dringend Desinfektionsmittel benötigte. Kurzerhand rüstete sie von der Rumproduktion auf die Herstellung von Hand- und Oberflächenhygienemitteln um und versorgte die Gemeinde mit 10.000 kostenlosen Flaschen Desinfektionsmittel. Eine ähnliche Umstellung nahm die Craft-Brennerei Cathead in Jackson (Mississippi) vor. Und auf den Florida Keys hat Drag Queen Gary Marion das zwischenzeitliche Aus für nächtliche Dragshows genutzt, um bunte Stoffmasken zu nähen – bisher schon über 2500 Stück.

Reisen wie die Locals

Authentische Urlaubserlebnisse: Mit der Staycation-Kampagne Louisiana is a Trip ermutigte das Tourismusbüro des Südstaats seine Einwohner wie auch Bürger aus Nachbarstaaten, während der Pandemie in Louisiana zu urlauben. Die Roadtrips umfassen Reiseideen abseits der ausgetretenen Pfade sowie ungewöhnliche und unerwartete Attraktionen im ganzen Bundesstaat – ein großer Erfolg nicht nur im Nahbereich: "Besucher von weiter her suchen nach authentischen Erlebnissen und der Möglichkeit, wie ein Einheimischer zu reisen", sagt Jennifer Berthelot vom Louisiana Office of Tourism. "Wir prüfen daher derzeit, wie wir diese Kampagne am besten auf internationale Märkte übertragen können."

Reisen wie Einheimische: Dieser Aspekt steht auch bei Bradentons Kampagne "Love it like a local" im Vordergrund – und das unter nachhaltigen Gesichtspunkten. Das Spektrum reicht von der Müllvermeidung über umweltfreundliche Transportmittel und die Rücksicht gegenüber Jungtier-Schildkröten bis zum Verzicht auf das Pflücken von einheimischen Pflanzen wie Seegras und von Aerosol-
Sonnenschutzmitteln.

Urlaub abseits der Hotspots bewerben

Abseits der Touristenströme: Bei #AdventureSmartTN geht es darum, in den State Parks im Südosten von Tennessee, in der Natur der Ausläufer der Smoky Mountains, nicht nur umweltverträglich, sondern auch sicher Urlaub zu machen, eben weil da viel Platz ist. "Sehr witzig ist das Video dazu, in dem der Park Manager des Hiwassee/Ocoee Scenic River State Park, Angelo Giansante, erklärt, warum man seinen Müll mitnehmen muss", empfiehlt Tennessee-Repräsentant Wolfgang Streitbörger (Textransfer). Zugleich ist #AdventureSmartTN ein Plädoyer für die weniger überlaufenen State Parks als Alternative zu den Nationalparks.

Neue Routen für Urlauber kreiert auch Sedona in Arizona: Dort treffen auf die 10.000 Einwohner der Stadt rund drei Millionen Besucher jährlich – während der Pandemie wurden sogar Besucherrekorde gebrochen. Die Stadt steuert gegen mit den Sedona Secret 7 – sieben Orten in sieben Kategorien, die genauso schön sind wie die touristischen Hotspots, jedoch weitaus weniger besucht werden. Einen ähnlichen Weg geht das nahe Scottsdale: Unter Exceptionally Scottsdale werden außergewöhnliche, bisher weniger frequentierte Erlebnisangebote geschaffen und beworben.
Alternativen zum Mainstream: Die Honanki Heritage Site mit Felsenwohnung und Felszeichnungen liegt in der Nähe von Sedona im Norden von Arizona.
Visit Sedona
Alternativen zum Mainstream: Die Honanki Heritage Site mit Felsenwohnung und Felszeichnungen liegt in der Nähe von Sedona im Norden von Arizona.

"Im Laufe der Pandemie haben viele touristische Unternehmen ihre Geschäftsmodelle angepasst und ihre Reiseerlebnisse exklusiver und privater gestaltet", berichtet auch Kalifornien-Repräsentantin Dina Stasny (MSI). "So waren und sind sichere und verantwortungsbewusste Reisen in der Covid-Zeit möglich." Diverse Beispiele hat Visit California dazu zusammengestellt. 

Das Thema sicheres, nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Reisen sei durch die Pandemie noch einmal verstärkt in den Fokus gerückt, führt Stasny weiter aus: "Immer mehr Destinationen entwickeln Pläne, die auf Basis eines Multi-Stakeholder-Ansatz die kulturelle, ökologische, wirtschaftliche und optische Integrität ihres Landes, ihrer Region oder ihrer Stadt nachhaltig erhalten sollen" – Stichwort Destination Stewardship Plans.

Veranstaltungen neu konzipíeren

Neues Eventformat: Als das Jazzfestival coronabedingt erst vom Frühjahr auf Oktober 2021 verschoben und schließlich aufgrund der Delta-Welle ganz abgesagt werden musste, suchte man in New Orleans nach einer Alternative. Die Musikgemeinde, angeführt von Paul Peck und Sig Greenebaum, setzte sich dafür ein, Live-Musik in kleineren Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt unter Einhaltung strenger Covid-Sicherheitsprotokolle fortzusetzen – die Idee zu Nola x Nola war geboren. Auch dank der Marketing-Kraft von New Orleans & Company wurde das neue Festival vom 7. bis 17. Oktober ein großer Erfolg mit mehr als 300 Shows in 35 Musikclubs. Die Planungen für den Herbst 2022 sind bereits im vollen Gange.
Gemeinschaftssinn und Pioniergeist
Diverse Restaurants in den USA sind wegen drohender Pleite oder Personalmangel immer noch geschlossen. Doch es gibt auch viele Beispiele für mutige Gastronomen, die mitten in der Krise mit Unterstützung der lokalen Community den Neustart wagen. Mehr dazu in einer Reportage aus Virginia in der aktuellen fvw|TravelTalk.  Jetzt im E-Paper lesen!

Alternativen zu Food Events: Als Cristina McCarter mit City Tasting Tours nicht mehr in der Lage war, persönliche Stadtführungen durch Memphis anzubieten, schuf sie die City Tasting Box. Die ermöglicht es Touristen aus aller Welt, sich eine Kostprobe aus der Blues-Stadt nach Hause liefern zu lassen. Und die Organisatoren von Taste of Key West führten wegen hoher Corona-Zahlen statt der Open-Air-Food-Messe, die viele Besucher anziehen und die ohnehin angeschlagenen Restaurants zu sehr belasten würde, eine Essenswertkarte ein, die zum einen die Wohltätigkeitsorganisation unterstützt, zum anderen dazu ermutigt, die örtlichen Restaurants zu unterstützen.

Die Städte werden bunter

Murals mit Messages: Während der Pandemiezeit sind überall in Tennessee, etwa in Columbia, Viola, Sweetwater und Tullahoma, Wandgemälde ("Murals") von Künstlerinnen unter dem Motto Walls for Women entstanden. Hintergrund: Bei der Einführung des Wahlrechts für Frauen in den USA 1920 spielte Tennessee das Zünglein an der Waage.

In Richmond (Virginia) bringt das öffentliche Projekt Mending Walls Künstler aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen, um Wandbilder zu schaffen, die sich mit der aktuellen sozialen Situation befassen und zu Toleranz und Kooperation aufrufen. Und in Winsted entsteht mitten in der Corona-Zeit das American Mural Project, das größte kollaborative Indoor-Kunstwerk der Welt, ein 36 Meter langes und 14 Meter hohes Wandgemälde.

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