Destination Forum

So gelingt der Auftrieb für Tunesien

Tunesien aus neuer Perspektive: Die Ballonfahrt zählte zu den Attraktionen beim Destination Forum.
Jan-Timo Schaube
Tunesien aus neuer Perspektive: Die Ballonfahrt zählte zu den Attraktionen beim Destination Forum.

Das Land will mehr als nur ein Badeziel sein. Nachhaltigkeit und mehr Aktivitäten für Urlauber rücken in den Fokus. Beim Destination Forum von DRV und fvw|TravelTalk in Tozeur lernten Reiseprofis die Pläne und Highlights des Südens kennen.

Kaum haben die Fluggäste die Passkontrolle passiert, drehen die Koffer bereits ihre Runden auf dem Gepäckband. Das Tempo hat einen Grund: Ohne die deutsche Reisegruppe, die zum Destination Forum Tunesien anreist, würde am Flughafen Tozeur Stille herrschen.

Der Süden Tunesiens wartet sehnsüchtig auf Touristen, und die Reisebüro-Fachleute sollen helfen, die unbekannten Schönheiten der Region und das Angebot an aufregenden Aktivitäten auf dem deutschen Markt bekannter zu machen.

Tunesien und der Tourismus – das ist bislang fast gleichbedeutend mit der Küste und der Insel Djerba. Der Badeurlaub dominiert das Geschäft, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis lockt vor allem preissensible Kunden an.

Doch mit wahren Schätzen kann das Landesinnere im Süden aufwarten, beteuern die dortigen Hoteliers, Anbieter von Aktivitäten und Incoming-Agenturen, die sich meist benachteiligt fühlen in der Wahrnehmung. Der Süden habe kaum Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen.

"Es wird Zeit, dass wir weitere Regionen wie den Süden und Themen wie Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken", meint Nader Zidi, der mit seiner Agentur Tacapes Tours einen großen Teil der Reise organisiert hat. Bei den Touren wird denn auch gern betont, wie sehr lokale Gemeinschaften von den Angeboten profitieren und dass die Verpflegung auf heimische Rezepte und lokale Produkte zurückgeht.

Gleich am ersten Tag beteiligt sich die Reisegruppe daran, 40 Palmen entlang der Zufahrt zum Flughafen zu pflanzen. Das Kalkül der Initiatoren: Die Reisebüros können mit ihrem Engagement gegenüber ihren Kunden Eindruck machen und sie zu weiteren Nachhaltigkeitsaktionen animieren.

Digitaler Roundtable am 9. Juni um 10.30 Uhr
Wir greifen die Begeisterung für die "Magie des Südens" auf, und zwar in Form eines digitalen Roundtable, bei dem die Eindrücke dieser Reise lebendig werden. Fünf Reiseprofis diskutieren über das Potenzial des nordafrikanischen Mittelmeerlandes auch abseits des Mainstream:

Tunesien-Expertin Yasemin Akladious von FTI Touristik, Riadh Dekhili, Direktor des Fremdenverkehrsamts Tunesien in Deutschland, Meike Oßendorf, Inhaberin des Reisebüros Reisekompass in Ochtrup, Christian Pawelczyk, Inhaber des Reisebüro Christian Reisen in Görlitz, sowie Chafi Mrouki, Projektleiter Tunesien des DRV.

Welche Highlights und Geheimtipps bietet das Landesinnere? Wo gibt es neue Touren und Aktivitäten? Und wie lassen sich die neuen Chancen vermarkten? Darum geht es beim Roundtable Tunesien am 9. Juni von 10.30 bis 11.15 Uhr auf Counter Place – jetzt kostenlos anmelden.

Insofern ist das Motto "Spüre die Magie des Südens" des Destination Forum, das der Deutsche Reiseverband (DRV) und fvw|TravelTalk in Zusammenarbeit mit dem Fremdenverkehrsamt und Tunisair veranstalten, auch als Signal zu verstehen, Tunesien "in seiner ganzen Breite" zu zeigen, wie DRV-Präsident Norbert Fiebig sagt, ohne das "Brot-und-Butter-Geschäft an der Küste zu vernachlässigen".

Tunesiens Regierung will in der Nach-Corona-Phase nicht den Anschluss zu anderen Destinationen am Mittelmeer verlieren, zumal die Reisebranche die Lokomotive der Wirtschaft des Landes ist. Auf die kommt es mehr denn je an, solange der Krieg in der Ukraine für Unsicherheit sorgt.

Diversifizierung und Nachhaltigkeit

Dafür brauche es mehr hochwertige, individuelle Produkte und, wie Tourismusminister Moez Belhassine sagt, "eine Diversifizierung der Angebote und Produkte, die ökologisch und sozial nachhaltig sind".

Doch wie weit ist die Region um Tozeur auf diesem Weg? Wie viel der versprochenen Magie ist tatsächlich spürbar? Das erfahren die Teilnehmenden auf vier spannenden Touren: An drei Tagen und Nächten wechseln sich grandiose Landschaften mit besinnlichen Yoga-Stunden ab, wartet ein Hochseilgarten auf Schwindelfreie, überrascht ein Wasserfall samt Kaskade, verzückt der Nachthimmel über der Wüste oder beeindruckt die jahrhundertealte Tradition der Berber.

Destination Forum Tunesien (Teil 1): Reiseprofis entdecken die Magie des Südens



Vom Hotel Palm Beach in Tozeur geht es mit Geländewagen auf Erkundungstour. Übernachtet wird unter dem Wüstenhimmel, im Biwak, in kleinen Boutique-Hotels oder Unterkünften, die den Speicherkammern und Wohnstätten der Berber nachempfunden sind.

Was alle Touren gemein haben: Abstecher zu den Drehorten der Episoden von "Star Wars" und eine lokale Küche, die bei den Gästen aus Deutschland immer wieder für Begeisterung sorgt, ebenso wie die Herzlichkeit der Menschen, die große Hoffnungen auf eine Belebung des Tourismus setzen.

Entdeckertour: Mit Quads geht es durch die Wüste nahe Tozeur.
Jan-Timo Schaube
Entdeckertour: Mit Quads geht es durch die Wüste nahe Tozeur.

Unterwegs wollen die "Ahhs!" und "Ohhs!" der deutschen Gäste kein Ende nehmen. Auch wenn in den Gruppen ein Ärgernis immer wieder Thema ist: Die Verschmutzung mit Plastiktüten auch außerhalb der Dörfer und Städte ist nach wie vor ein Problem. In Verbindung mit vielen Häusern im Rohbau, die offensichtlich seit Längerem nicht weitergebaut wurden, ergibt sich mitunter ein bedrückendes Bild.

Davon abgesehen: Die Begeisterung für das Gesehene und Erlebte hält auch beim abschließenden Workshop im Luxushotel Anantara Sahara Tozeur an, wo Vertreter jeder Gruppe ihre Eindrücke schildern.


Sven Thomas vom Veranstalter Surfbude.de in Henningsdorf faszinierte vor allem die Stille in der Wüste ("Man kommt ganz zu sich zurück."). Er kenne viele Länder, aber die tunesische Wüste habe ihn sehr berührt. "Wer denkt bei Tunesien schon an Wüste?!", fragt Sophie Kermer vom Reisebüro Reiseträume in Glauchau. Sie ist jedenfalls überzeugt: "Was wir gesehen und erlebt haben, gibt es nur in Tunesien."

Mehr Bausteine von den Veranstaltern wünscht sich Guido Münch (Reisebüro R + M Tours in Rheinbach). Seine Favoriten: ein Boutique Hotel nahe dem Tamerza-Canyon, "fantastische Schluchten" und ein Bad unterm Wasserfall.

Für Christian Pawelczyk (Christian Reisen, Bautzen) gehört der frühe Morgen in der Wüste zu den eindrucksvollsten Erinnerungen. Um 3:30 Uhr ging es los. "Aber es hat sich gelohnt!"

"Dieser Teil Tunesiens ist einmalig"

Marlene Kellermann (MS Travel in Hamburg) ist überwältigt von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen: "Ich kenne ähnliche Länder wie Marokko, Algerien, Oman – aber dieser Teil Tunesiens ist einmalig."

Aber wie steht es um die Vermarktungschancen? Die Reiseprofis haben konkrete Vorstellungen. Sven Thomas denkt an Kombinationstouren "Vier Tage Sahara mit anschließendem Badeaufenthalt". Bis zur Insel Djerba dauert eine Autofahrt gut vier Stunden.

Marlene Kellermann sieht selbst für Kombinationen mit Tunis eine Chance. Unter Reisenden, die das Besondere lieben, könnte der Süden punkten. Tunisair bietet Flüge ab der Hauptstadt an, und die Region ist bei Einheimischen aus dem Norden im Winter sehr beliebt.

Neue Tunesien-Kampagne geplant

Surfbude.de-Chef Thomas empfiehlt, bei der Vermarktung mehr Augenmerk auf das Besondere zu legen, wie es die vier Gruppen erlebt haben. Dies müsse stärker kommuniziert werden. "Da fehlt die Präsenz in den Medien." Immerhin: Das Fremdenverkehrsamt hat den Etat neu ausgeschrieben und bereitet mit der Werbeagentur eine neue Kampagne vor, sagt Deutschland-Chef Riadh Dekhili.

Und an die Adresse seiner Reisebüro-Kollegen hat Sven Thomas noch einen konkreten Vorschlag: Vieles von den erlebten Reisebausteinen könnten Reisebüros für eigene Veranstaltungen einsetzen. "Ihr müsst nicht auf die Veranstalter warten, ihr könnt selbst etwas auf die Beine stellen!"

Veranstalter sind optimistisch

Die Zwischenbilanz der großen Veranstalter für dieses Jahr kann sich sehen lassen. "Wir sind bei den Zahlen von 2019 angelangt", sagt Produktmanager Sven Zika von FTI. Die Buchungen träfen zwar kurzfristig ein, aber mit den Airlines liefen erste Gespräche über eine Aufstockung der Kapazitäten. Künftig wollen die Münchner mehr Ökoreisen anbieten. Tozeur und Umgebung sind bei FTI aktuell Teil einer achttägigen Rundreise sowie bei zwei sechstägigen Wüstenrundreisen ab Monastir und ab Djerba.

Destination Forum Tunesien (Teil 2): Den Süden Tunesiens hautnah erleben



Bei den Veranstaltern der DER Touristik hat eine "breite Nachfrage" dafür gesorgt, dass die Zahlen bereits über denen von 2019 liegen, sagt Dennis Urbschat, Director Tunesien. Das Land spiele bei DER Touristik seit jeher eine große Rolle, wie auch die breite Präsenz der hauseigenen Hotelmarken zeige.

Auch Urbschat plädiert dafür, die Region um Tozeur in Kombination mit Sun-&-Beach-Angeboten auszubauen. Zum kommenden Winter gibt es Überlegungen für neue Rundreisen mit Ausflugsprogrammen auch nach Tozeur.

Kombinationsreisen als Chance

Auch Lars Eichapfel von Diamir Reisen sieht darin eine Chance. "Derartige Kombinationen könnten zu einem Aushängeschild im Tunesien-Tourismus werden." Ob Gastfreundschaft, Kulinarik oder Servicequalität – das Land überzeugt. "Und wenn es um Authentizität geht, die für unsere Kunden sehr wichtig ist, ist man in Tunesien genau richtig."

Wie TUI auf Anfrage mitteilt, legt der Veranstalter bei Ausflügen verstärkt Wert auf "Individualität und private Touren oder Kleingruppenführungen" etwa in den Süden nach Tamazret, nach Douz und in das unterirdische Dorf Matmata. TUIfly ist mit Verbindungen nach Djerba vertreten. Hinzu kommen zwei wöchentlich Charter nach Enfidha ab Nürnberg mit Smart Lynx und Leipzig mit Free Bird Europe.


Bislang ist Tozeur aus Deutschland lediglich über Flüge ab Frankfurt über Tunis angebunden. Eine höhere Kapazität rentiert sich erst bei einer größeren Nachfrage, die wiederum auf eine breitere Fluganbindung angewiesen ist – das übliche Dilemma derartiger Regionen.

Tunisair hat zwei Jahre lang Verluste einstecken müssen und nähert sich erst schrittweise der Vor-Corona-Kapazität. Der Weg zurück zu den Glanzzeiten ist lang. Rund eine Million deutsche Gäste kamen jährlich in den Hochzeiten der 90er Jahre. 2019 waren es noch 289.000.

Dieses Jahr erwartet man 180.000. Da ist ein langer Atem nötig, weiß auch Minister Belhassine. Sein Appell an die Reisebüros: "Unterstützen Sie uns mit Empfehlungen und Ratschlägen für Ihre Kunden!" Daran sollte es nach dieser Reise nicht mangeln.

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