Begegnung mit Ureinwohnern

Kanada stellt indigene Angebote noch stärker heraus

Begegnung, Austausch, Schranken abbauen: die neue Indigenous Peoples Experience im Freilichtmuseum Fort Edmonton Park in Alberta.
Fort Edmonton Park
Begegnung, Austausch, Schranken abbauen: die neue Indigenous Peoples Experience im Freilichtmuseum Fort Edmonton Park in Alberta.

Indigene Tourismusprodukte wurden bereits im vergangenen Jahrzehnt in Kanada stark gefördert und promotet. Nun erhalten die touristischen Attraktionen und Aktivitäten der Ureinwohner noch mehr Aufmerksamkeit und politische Unterstützung.

Bei der Branchenmesse Rendez-vous Canada (RVC) waren die Ureinwohner allgegenwärtig: kaum eine Ansprache ohne Dank, dass man auf indigenem Terrain zu Gast ist, kaum ein Event ohne Tanz-, Gesangseinlage oder Storytelling, kaum eine Präsentation, in der nicht neue Produkte und Initiativen der First Nations, Métis oder Inuit gebührend Erwähnung fanden.

Unterstützung nach langem Lockdown

Für die Omnipräsenz der indigenen Kultur gibt es zwei – an sich traurige – Gründe: Zum einen haben die Ureinwohner wirtschaftlich und touristisch besonders unter der Corona-Krise gelitten – angesichts der fragilen medizinischen Infrastruktur mussten sich die oft abgelegenen Gemeinschaften deutlich länger als der Rest des Landes isolieren. Und viele ihrer Leistungsträger, die in Reservaten sitzen und/oder erst kurz im Geschäft sind, profitierten nicht von der an sich großzügigen finanziellen Kompensation durch Staatshilfen. Daher dürfte es für indigene Tourismusbetriebe deutlich länger dauern als für andere, sich von der Krise zu erholen.

Zum anderen hat im vergangenen Jahr die Entdeckung mehrerer Massengräber rund um die berüchtigten Residencial Schools, Internate, in denen indigene Kinder noch bis 1996 "umerzogen" worden, eine Welle aus Hilfsbereitschaft, Scham und Schuldbewusstsein in Kanadas Politik und Öffentlichkeit ausgelöst. Immer wieder hört und liest man von Reconciliation: Aussöhnung mit den Ureinwohnern.

Aussöhnung nach dem kulturellen Genozid

"Tourismus ist aktive Aussöhnung", verkündete denn auch der neue Tourismusminister Randy Boissonnault beim RVC – eine markige Aussage, die der eloquente Politiker sich aus dem Programm der Indigenous Tourism Association of Canada abgeschaut hat. Nur Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden? Offenbar nicht, zumal zusätzlich die "Black Lives Matter"-Bewegung das Bewusstsein für die Bedürfnisse ethnischer Minderheiten auch in Kanada weiter geschärft hat.



Zwar haben Bundes-, Provinz- und Territorialregierungen schon im vergangenen Jahrzehnt ihre Unterstützung indigener Tourismusprojekte und -verbände sichtlich hochgefahren und -zig Millionen Kanada-Dollar in Infrastruktur, Organisation, Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb investiert. Doch nun gewinnt der Trend noch einmal deutlich an Schwung.

So hat sich – nach dem Vorbild anderer Provinzen – in Manitoba eine Indigenous Tourism Organisation gegründet, auch in den Gemeinden und Regionen entstehen neue Vereinigungen. Alberta unterstützt seinen indigenen Verbund mit vier Millionen Kanada-Dollar (knapp drei Millionen Euro) für die nächsten drei Jahre. "Und das ist erst der Anfang", verspricht Tannis Gaffney, Marketing-Chefin von Travel Alberta. Zusätzliche Mittel sollen in Produktentwicklung und Marketing fließen.

Neue Attraktion im Fort Edmonton Park

Ein Großprojekt wurde bereits eröffnet: Im Rahmen eines 165 Mio. Kanada-Dollar teuren Umbaus des Freilichtmuseums Fort Edmonton Park in Alberta wurde die Indigenous Peoples Experience geschaffen, ein großes Zentrum, in dem Besucher Kultur, Alltagsleben und Geschichte der Ureinwohner erleben. Ureinwohner stellen das gesamte Personal und helfen Besuchern, Scheu und Schamgefühl abzulegen und Zugang zur indigenen Welt zu finden.

Kooperation mit nicht indigenen Anbietern und Integration in deren Portfolio ist ein möglicher Weg, Produkten der Ureinwohner den Weg in die internationalen Märkte zu ebnen. So hat Frontiers North, unter anderem Betreiber der Tundra Buggy Lodge in Churchill, von den Métis veranstaltete Schlittenhundtouren ins Programm genommen – mittlerweile ist der Touranbieter auch selbstständig am Markt.

Unterstützung durch nicht indigene Leistungsträger

Frontiers North, stark auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit ausgerichtet, plant zudem, einen Teil der Einnahmen in einen neuen Fonds abzuführen. Der soll die Indigenous Knowledge Keepers, eine neue kulturelle Initiative der Ureinwohner in der "Hauptstadt der Eisbären", unterstützen.

Den Spagat zwischen Tradition und Moderne wagt man in Ontario: Die dortige indigene Tourismusorganisation hat eine Food-Tourism-Strategie sowie Augmented-Reality-Anwendungen entwickelt, die zusätzliche Information und Inspiration liefert, sobald man sich an Sehenswürdigkeiten nähert.



Und Nunavik im äußersten Norden Québecs hat kurz vor der Pandemie begonnen, indigene "Big Three"-Touren zu promoten, bei der man Eisbären, Moschusochsen und Karibu beobachten kann. Nun soll das Programm wiederaufgenommen und auch über Veranstalter wie Diamir oder Meridia für deutsche Gäste buchbar gemacht werden.

Erschwingliche Flüge sind essenziell

Eine Herausforderung bleibt die Erreichbarkeit: Viele Gemeinden liegen Hunderte von Kilometern von der nächsten großen Stadt oder vom nächsten Highway entfernt und sind nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Québec subventioniert daher ab 1. Juni alle Flüge in ländliche Gebiete, indem es die Preis auf 500 Kanada-Dollar (rund 370 Euro) deckelt – ein Fortschritt angesichts von Flugpreisen, die auch schon mal das Doppelte betragen können.

Und in Nunavut muss Canadian North, nach der Akquisition des einzigen Konkurrenten First Air Monopolist, alle Preissteigerungen von der territorialen Wettbewerbskommission absegnen lassen, um seine Marktmacht nicht zu missbrauchen.

Wendake baut Leuchtpfad und erweitert Hotel

Leichter haben es Anbieter, die im Umfeld größerer Städte ansässig und somit gut erreichbar sind. Musterbeispiel ist das Wendake-Reservat vor den Toren von Québec City, das Teil des touristischen Gesamtkonzepts der Stadt ist.

In diesem Jahr wird für sechs Millionen Kanada-Dollar der 1,2 Kilometer lange beleuchtete Erlebnispfad Onhwa' Lumina gebaut, auf dem man nach Einbruch der Dunkelheit, begleitet von Klängen und Videoprojektionen, in die mythische Welt der Wendat eintauchen kann. Eine vergleichbare Summe wird im Sommer in den Um- und Ausbau des dortigen Hotels investiert, das 20 neue Zimmer und ein Upgrade von vier auf fünf Sterne erhalten soll.

Tourismuskorridor in der Region Saskatoon geplant

Auch der Wanuskewin Heritage Park profitiert von seiner Lage vor den Toren einer Großstadt, in diesem Fall von Saskatoon. In dem Park wurde vor Kurzem eine Büffelherde angesiedelt, und es wurden 1000 Jahre alte Felszeichnungen entdeckt. Nun strebt der Park Unesco-Welterbestatus an.
Indigenes Kulturzentrum vor den Toren Saskatoons: Wanuskewin Heritage Park.
Indigenous Tourism Canada
Indigenes Kulturzentrum vor den Toren Saskatoons: Wanuskewin Heritage Park.

Südlich von Saskatoon wurde zudem das Dakota Dunes Resort & Casino mit 155 Zimmern eröffnet. In Kürze soll rund um die Stadt ein Indigenous Tourism Corridor entstehen – ein Cluster von touristischen Produkten, aus denen Packages zusammengestellt werden können.



Die Indigenous Tourism Association of Canada hat einen Überblick über wichtige aktuelle Neuigkeiten zusammengestellt:

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In der Erfolgsspur will auch Métis Crossing eine Autostunde nördlich von Edmonton bleiben. Neben dem Kulturzentrum, das auch Kulturtouren, Lektionen im Aufstellen von Biberfallen und Beobachtungen seltener weißer Bisons umfasst, wurde die Boutique-Unterkunft The Lodge at Métis Crossing mit 40 Zimmern eröffnet.

Nagelprobe im touristischen Alltag

Die Nachfrage ist auf jeden Fall da. Gerade deutschen Gästen wird ein großes Interesse nachgesagt nach authentischen Begegnungen mit den Ureinwohnern. "Die internationalen Gäste öffnen uns neue Türen", ist Brian Still aus Ontario sicher.

Nun kommt es darauf an, dass sich die neuen Anbieter im touristischen Alltag bewähren. Zuverlässigkeit, Termintreue, Erreichbarkeit und schnelle Antwortzeiten, all die "weißen" Tugenden, sind auch für indigene Anbieter im Kontakt mit Veranstaltern und Endkunden unerlässlich.

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