Vogeltöne

Kwik-kwik-piwitschi

Dass die Handys und Smartphones unserer Mitreisenden in den seltsamten Tönen klingeln, daran haben wir uns längst gewöhnt. Nun aber kommt alles noch viel schlimmer.

Von Oliver GraueEs ist das Glück derer, die auf dem Lande leben – umhüllt von Grün, von der Blütenpracht des frühen Sommers und, womit wir beim Thema wären, von sehr vielen Bäumen, die uns vor der stechenden Sonne schützen. Wie schön, nach Feierabend oder einem anstrengenden Meeting noch einen kleinen Waldspaziergang vorzunehmen. Überall Grün, schattige Ecken, rauschende Blätter und statt des Bürolärms angenehmes Vogelgezwitscher.Angenehm? Der Naturschutzbund (Nabu) hat herausgefunden, dass immer weniger Vögel auf traditionelle Weise zwitschern. Stattdessen imitieren sie unsere Handy- oder Smartphone-Klingeltöne. So lockt der Amselmann seine Zukünftige nicht mehr mit einem simplen „Kwik-kwik-piwitschi", sondern mit dem Grillengezirpe aus dem App-Store. Oder er rafft sich gar zum polyphonen Jamba-„Baby Wuwu-Song" auf – und welche halbwegs normale Amselfrau kann einem solchen Werben schon widerstehen?Schließlich ahnt sie nicht, dass wir Baby Wuwu, den verrückten Frosch oder gar den besoffenen Elch tagtäglich tausend Mal unfreiwillig in S- und U-Bahn, in ICE und am Flughafen hören und deshalb im Wald gern darauf verzichten würden. Ganz arg wird es freilich, wenn der Star, der absolute Karaoke-Spezialist unter den Vögeln, „I miss you" oder gar den "Anti-Atom-Song" anstimmt, während wir uns doch nichts so sehr wünschen wie ganz klassisches Star-Gezwitscher. Und zwar das von traditionellen Stars, äh, Staren, und nicht das von einschlägigen Super-Stars.Zum Glück schlagen die Nabu-Experten nun zurück. Auf ihrer Internetseite bieten sie Klingeltöne an: echte, ursprüngliche Laute von Amsel, Fink und Star. Oder wahlweise von Erdkröte, Heidelerche oder dem beliebten Blutbrust-Bartvogel – perfekt geeignet zum Herunterladen fürs Handy. Vielleicht brauchen wir dann eines Tages gar nicht mehr in den Wald, um den Vögeln zu lauschen, sondern es reicht eine schlichte Fahrt mit dem ICE, und wir fühlen uns wie in freier Natur.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats