Praxis-Tipp

Mehr Nachhaltigkeit im Job fördern

Nachhaltigkeit ist das Thema der Zukunft. In Konzernen entwickeln CSR-Manager derzeit immer neue Strategien. Dabei können auch kleine und mittelständische  Unternehmen in der Touristik ganz einfach grüner werden.

Maike Karow hatte genug. "Wir haben einfach zu viel von allem – zu viel Kleidung, zu viel Kram", findet die Chefin vom Reiseland-Reisebüro in Hamburg. Nachhaltig leben und arbeiten ist derzeit das große Thema. Aber wie? Karow wurde Minimalistin. Sie begann, aus alter Kleidung etwas Neues zu nähen – aus Kissen wurden Rucksäcke, aus Jeans wurden Taschen. "Dann waren die alten Deko-Banner aus meinem Büro dran", lacht die 42-Jährige. Aus dem bunten Stoff nähte sie Hüllen, Taschen und Rucksäcke für die Reiseunterlagen der Kunden. "Es macht richtig Spaß, nach Feierabend kreativ zu sein und etwas zu tun, was man danach nutzen kann."

Die Kunden sind begeistert. Karow: "Es ist einfach etwas Besonderes." Mittlerweile bekommt sie das Material auch von umliegenden Geschäften: Von Coffeeshops bekommt sie alte Aromaschutzbeutel von den Kaffeebohnen, die auch vernäht werden. "Dann duftet es auch noch richtig gut beim Nähen", lächelt Karow.

Nachhaltigkeit steht nicht nur in ihrem Reisebüro im Fokus. "Früher wurde das Thema gern als Nische für Spinner abgetan, heute ist Nachhaltigkeit ein klarer Qualitätsfaktor für Unternehmen", sagt Hermann Schnell, Geschäftsführer der Immobilienberatung Colliers International. Kein Wunder: Seit über einem Jahr macht Greta Thunberg mit Fridays for Future Schlagzeilen für mehr Klimaschutz.
„Früher war es eine Nische für Spinner, heute ist Nachhaltigkeit ein klarer Qualitätsfaktor für Unternehmen.“
Hermann Schnell, Geschäftsführer Immobilienberatung Colliers International

Wer sich aber jetzt ganz fix ein Öko-Image verpasst und sich für Selbstverständlichkeiten auf die Schulter klopft, geht ein großes Risiko ein: "Greenwashing fliegt heutzutage schnell auf", sagt Schnell. Und dann habe man ein echtes Imageproblem. Firmen müssten Nachhaltigkeit intern leben.

Davon sind auch Entrepreneurs for Future überzeugt. Mittlerweile haben sich dieser Initiative über 4100 Unternehmen mit 240.000 Arbeitsplätzen angeschlossen, darunter auch zahlreiche Touristiker. "Wir sind überrascht, wie viele Unternehmen sich hinter die ganz konkreten Klimaschutz-Forderungen unserer Initiative stellen", so Koordinatorin Katharina Reuter. Das gehe weit über die typische grüne Nische hinaus. Reuter: "Als Unternehmer haben wir eine besondere Verantwortung, unseren Planeten zu schützen."

Es lohnt sich allemal. Studien zeigen, dass nachhaltige Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher und innovativer sind. Eine nachhaltige Firmenkultur kommt bei Kunden, Mitarbeitern und im Recruiting sehr gut an. Gerade für qualifizierte Berufseinsteiger ist die Nachhaltigkeit des Arbeitgebers wichtiger als ein möglichst hohes Gehalt, ein sicherer Arbeitsplatz oder ein internationales Arbeitsumfeld, so eine Umfrage der Unternehmensberatung Mckinsey. "Die jüngere Generation hat einen anderen Blick auf das Thema Nachhaltigkeit", beobachtet auch Berater Schnell.

Vom CO2-Ausgleich bis hin zu Ökoreisen: Spezialisten wie Gebeco, Chamäleon sowie Studiosus und der Deutsche Reiseverband (DRV) bieten längst Fortbildungen rund um nachhaltige Reisen an. Und am Arbeitsplatz selbst? "Hier müssen Führungskräfte umdenken", weiß Experte Schnell. Kümmern sich Chefs in der Regel um das große Ganze, geht es im nachhaltigen Büro um viele kleine Kleinigkeiten, die den CO2-Fußabdruck verringern.
Praxistipps von Hermann Schnell: Wie Büros nachhaltiger werden
  • Betrieb In vielen Unternehmen muss man den Energie- und Ressourcenverbrauch erst mal messen. Um Mitarbeiter für einen nachhaltigen Umgang zu sensibilisieren, sollte man mit Gleichnissen arbeiten, zum Beispiel kann man durch digitale Arbeitsmethoden einige Tonnen Holz sparen. Es geht oft um Kleinigkeiten: So kann man statt Getränkekisten Sprudelwasser durch einen zweiten Wasserhahn zapfen, Laptops in der Pause in den Standby-Modus versetzen und alle Geräte nachts ausschalten. LED statt herkömmliche Leuchtmittel, Ökokaffee statt Kapselkaffee, die richtige Mülltrennung oder eine moderne Spülmaschine sind Maßnahmen, die leicht umzusetzen sind.
  • Gesundheit Nachhaltigkeit sollte man auch auf die Mitarbeiter beziehen und ihre Gesundheit fördern. Sinnvoll sind regionales Obst statt Kekse für Besprechungsräume und finanzielle Zuschüsse für das Fitness-Studio. Im Büro darf kein Drucker direkt neben einem Arbeitsplatz stehen, und Schreibtische sollten höhenverstellbar sein. Wichtig ist, den Mitarbeitern den Nutzen klar zu machen. Wenn es zum Beispiel eine Entsorgungsstation satt vieler Papierkörbe im Büro gibt, müssen alle Kollegen öfter aufstehen, um ihr Papier loszuwerden.
  • Mobilität Größere Unternehmen sollten auch Hybrid- und E-Fahrzeuge als Firmenwagen zulassen. Noch ökologischer sind natürlich Betriebsfahrräder, die auch originelle Werbeträger sein können. Grundsätzlich sollte man bei Dienstreisen das Fliegen vermeiden und stattdessen Fahrten mit der Bahn und dem öffentlichen Nahverkehr bezuschussen.

Im Reisebüro von Maike Karow sind zum Beispiel Giveaways aus Plastik, Luftballons oder Plastikbecher ein No-Go. Ihre Bürobeleuchtung hat sie längst auf LED umgestellt. "Unsere Kunden erwarten, dass wir nachhaltig arbeiten", ist Karow überzeugt. Um Papier zu sparen, bestellt sie so wenig Kataloge wie möglich, druckt nur auf besonderen Wunsch Unterlagen aus und hat im Fenster ein digitales Plakat. Bei der Schaufenster-Deko sieht sie noch viel Potenzial: "Ich wünsche mir von Veranstaltern mehr digitale Alternativen zur klassischen Papp-Deko."

Auch das Reisebüro Emi Reisen in Lich setzt aufs papierlose Büro, der angebotene Kaffee ist fair gehandelt. "Besonders gut kommt bei meinen Kunden die kleine Leihbibliothek an", erzählt Inhaberin Emilia Willms. Dafür bringen Kunden ausgediente Reiseführer mit, die sich der nächste Urlauber ausleihen kann. Dieses Prinzip gilt auch für ausgegebene Kataloge, die Kunden zurückbringen.

Als Manuela Euler ihr Büro nachhaltig umgestaltet hat, ist als Erstes die Kaffeekapsel-Maschine rausgeflogen. Die Inhaberin des Reisebüros Mein Reisestübchen im hessischen Nidderau nutzt nur noch Glasflaschen für Getränke und bietet in einer Ecke nachhaltige Reiseprodukte wie Bambuszahnbürsten und Naturkosmetik in fester Form an.

Und manchmal geht es auch auf die Straße. Beim globalen Klimastreik am 29. November will Maike Karow für ein paar Stunden ihr Reisebüro schließen und mit Fridays for Future demonstrieren. Karow: "Wir alle müssen etwas tun!"

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