Österreich (mit Video)

Ist Isolationstourismus der Saisonretter?

Macht Mut für die Zeit nach Corona: Josef Peterleithner, Präsident des Österreichischen Reiseverbands (ÖRV).
ÖRV
Macht Mut für die Zeit nach Corona: Josef Peterleithner, Präsident des Österreichischen Reiseverbands (ÖRV).

Ist möglicherweise Isolationstourismus für längere Zeit die einzige "sichere" Urlaubsalternative? Ein von Reed Exhibitions Österreich initiiertes neues Live-Diskussionsformat widmete sich in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Magazin "Traveller" diesen und weiteren Fragen.

Zum Traveller
Dieser Text von Brigitte Charwat ist zuerst im E-Paper auf Traveller.at im ebenfalls zur dfv Mediengruppe gehörenden Manstein Verlag erschienen.

Kaum ein anderer Wirtschaftsbereich bekommt die Auswirkungen der Corona-Pandemie so zu spüren wie die Reisebranche. Das zeigen auch die von Agenda Austria erhobenen Zahlen:

Im Bereich Luftfahrt (inklusive Flughäfen) befinden sich 87 Prozent der Mitarbeiter in Kurzarbeit, drei Prozent sind arbeitslos, und zehn Prozent stehen in einem normalen Arbeitsverhältnis. Im Reisebüro- und Veranstalter-Segment arbeiten aktuell 57 Prozent der Mitarbeiter kurz, zehn Prozent sind bereits ohne Job und 33 Prozent „noch“ normal beschäftigt.

Und ein Blick auf die ziemlich klein gewordene Reiselandkarte macht klar, dass sich diese Zahlen nicht so schnell verbessern werden. Im Gegenteil, denn Urlaub findet im Sommer 2020 – wenn überhaupt - im Inland statt. Oder kann vielleicht der Urlaub daheim die Saison doch noch retten?

Genau diesen Fragen widmete sich am 29. April der erste Reed Live-Talk, in dem ÖRV-Präsident Josef Peterleithner und Stefan Wisiak, Category Manager Reed Messe und Leiter Ferien-Messe Wien, gemeinsam mit "Traveller"-Chefredakteurin Brigitte Charwat versuchten, Antworten zu finden.

Isolationstourismus: Ist das die Zukunft?

Urlaub daheim

Dabei hat das Jahr mit einer erfolgreichen Ferien-Messe Wien, einer guten Buchungslage und großer Reiselust positiv begonnen. Davon ist jetzt nichts mehr übrig, die Reisebranche befindet sich in freiem Fall, wie hart die Landung und wer den Aufprall überleben wird, dafür bräuchte auch der ÖRV-Präsident eine Glaskugel.

"Eine Reisefreiheit, wie wir sie kennen, wird es erst wieder geben, wenn es eine Impfung gibt." Aktuell ist der Weg zurück zur Reisefreiheit einer der kleinen Schritte und auch davon abhängig, wie die Reiseländer selbst die Krise bewältigen.

Für 60 Länder besteht zur Zeit Stufe fünf beziehungsweise mit sechs die höchste Reisewarnstufe, das österreichische Außenministerium rät auch unverändert von allen nicht notwendigen Reisen ab. Deutschland etwa lässt noch mindestens bis 15. Juni die Grenzen zu, wie man egal in welchem Land – auch in Österreich – die Quarantänebestimmungen in der eventuellen Urlaubsplanung mitdenken muss.

Heißt: An Maskenpflicht und Abstandhalten führt auch am heimischen Badesee kein Weg vorbei. "Es ist erfreulich, dass die heimische Hotellerie  Ende Mai wieder öffnen kann, aber eben mit großen Auflagen. Und so wichtig auch Österreichs Tourismus ist, die Reisefreiheit wird auch hier nur langsam und schrittweise zurückkommen können", weiß Peterleithner.

Denn wie auch in Österreich wird es in vielen anderen Ländern eher ein regionales Urlaubsjahr werden. Folgt also auf das verordnete Daheimbleiben der letzten Wochen nun "allein daheim in Österreich?" Werden die Deutschen "daheim in Deutschland", die Franzosen "daheim in Frankreich" oder die Niederländer "daheim in Holland" bleiben?

Wahrscheinlich, denn nicht nur unsere Lieblingsnachbarn glauben mehrheitlich an ein "einsames" Urlaubsjahr, auch die Türkei setzt auf Inlandstourismus, wie auch Spanien weitestgehend von ausländischen Gästen Abstand nehmen möchte. Kann damit also doch Isolationstourismus aus der Not geboren im Sommer 2020 das touristische Geschäft noch halbwegs retten? Und können vor allem auch die Reisebüros mit ihrem großen bunten internationalen Bauchladen von diesem "anderen" Geschäft profitieren?

Reisebüros vor den Vorhang

"Die Branche lebt vom internationalen Tourismus und generiert jährlich rund 4,7 Mrd. Euro Umsatz, mit einer Milliarde Euro ist der Anteil der österreichischen Incoming-Reisebüros und Reiseveranstalter ein veritabler. Nur ist diese Bedeutung nicht in den Köpfen der Konsumenten."

"Der Kunde muss wissen, dass er im Reisebüro alle Produkte findet, die er sucht, das schließt Österreich ein. Wichtig ist jetzt, dass Emotionen für einen Urlaub in Österreich erzeugt werden müssen. Es ist aus meiner Sicht noch viel zu wenig über die vorhandene Infrastruktur in den jeweiligen Regionen und Orten bekannt. Werden Hütten, Seilbahnen, Bäder usw. offen haben, und wie attraktiv wird sich ein Aufenthalt ob der gesetzlichen Bedingungen und Vorschriften gestalten lassen?"

"Erst wenn diese Fragen beantwortbar sind, wird ein Urlaub in Österreich auch realistisch buchbar sein. Natürlich im Reisebüro und über einen Veranstalter, denn im Reisebüro gibt es beste Beratung, eine große Auswahl, attraktive Preise, Vergleichsmöglichkeiten und natürlich Sicherheit."

Genau diese Sicherheit haben die Reisebüros in den letzten Wochen einmal mehr deutlich unter Beweis gestellt. Indem sie dafür gesorgt haben, dass gestrandete Urlauber problemlos nach Österreich zurückkehren konnten.

Beratung gibt es nur im Reisebüro

"Die Sichtbarkeit des haptischen Beratens ist enorm wichtig, um diese große Vertrauensbasis transparent zu machen. Das rein virtuelle Abrufen von Destinationen und Informationen ist längst gelebter Standard, die Beratung dazu gibt’s aber eben nur im Reisebüro", wirft Wisiak ein.

Peterleithner nimmt den Ball auf: "Bei allen Statements des Außen- und Tourismusministeriums ist nicht nur die Bedeutung der Reisebranche völlig untergangen, sondern auch was hier von der Branche und Mitarbeitern, die nächtelange Listen geprüft haben, um Gäste sicher zurückbringen zu können, bewerkstelligt wurde."

"Was Mitarbeiter in Kurzarbeit und Reisebüros ohne Einkommen, dafür nur mit Ausgaben leisten", sao Peterleithner weiter, "ist großartig und gehört, wie andere systemerhaltende Berufe, vor den Vorhang. Darüber hinaus ist jetzt nicht jeder Vertragspartner ein fairer. Man wird danach wohl sehr genau schauen, wer fair und hilfsbereit war und mit wem man hinkünftig verstärkt zusammenarbeitet."

Eine Branche benötigt Hilfe

Apropos Hilfsbereitschaft: Die österreichische Bundesregierung hat bekanntlich ein 38 Mrd. Euro schweres Corona-Hilfspaket den Menschen und Unternehmen in Österreich bereitgestellt, die Reisebranche braucht neben der Kurzarbeit aber einen speziellen Rettungsschirm. Eine hilfreiche Unterstützung seitens der EU gibt es nicht, siehe Gutscheinlösung.

Wie kann die Reisebranche ohne staatliche Unterstützung diesen GAU überleben, kann sie das überhaupt? "Kurzarbeit ist für alle Arbeitnehmer, die hilft, aber rettet nicht, ebenso wie Kredite, die ja wieder zurückgezahlt werden müssen. Was wir benötigen, ist unter anderem eine praktikable Gutscheinlösung, staatlich abgesichert und bis Ende 2021 einlösbar", fordert Peterleithner. I

In 14 Ländern gebe es diese Lösung, "diese haben sich über die Pauschalreiserichtlinie hinweggesetzt. Es gibt einen Konsens der deutschen Bundesregierung, Österreich hat abgewartet, wie Brüssel entscheidet: Brüssel hat abgelehnt, das Thema dürfte erledigt sein."

Finanzieller Schutzschirm gefordert

"In einem Schulterschluss mit der WKO und dem ÖVT", so Peterleithner weiter, "fordern wir einen finanziellen Schutzschirm zur Deckung der laufenden Kosten, die nicht mehr verdient werden können, und eine Entschädigung für bereits erbrachte Leistungen. So die Reisefreiheit bis Herbst weiterhin eingeschränkt bleibt – auch die Möglichkeit der Verlängerung der Kurzarbeit um weitere drei Monate."

Nur wenn die Bundesregierung jetzt die besondere Problematik der Reisebüro- und Veranstalter-Branche anerkenne und rasch handele, könne der Branche geholfen werden. "Wenn nicht, dann wird es diese Reiselandschaft mit den vielen kleinen Büros, Veranstaltern und touristischen Leistungsträgern, so wie wir sie kennen und wie die Kunden sie lieben und schätzen, nicht mehr geben. Das hält die Branche einfach nicht mehr aus", so die klaren Worte des ÖRV-Präsidenten.

Tourismus ist mehr als nur ein "Nice to have"

Es ist eine Frage der Wahrnehmung, und die ist nicht erst seit Corona eine verschobene. Österreichs Reisebranche scheint nämlich mit ihren jährlichen 4,7 Mrd. Euro fürs BIP zwar ein "Nice to have", aber von echter Wahrnehmung für mehr als 2000 Reisebüros, an die 800 Veranstalter und 10.000 Mitarbeiter war auch in der Vergangenheit nie wirklich viel zu spüren. Viele von diesen Menschen verlieren jetzt in der Krise möglicherweise ihren Job, weil das Unternehmen, für das sie arbeiten, aus völlig unverschuldeten Gründen den Rollladen für immer runterlassen muss.

Das kann man doch nicht wirklich wollen? Wie man ja auch nicht auf eine heimische Fluggesellschaft verzichten möchte – die ja eigentlich gar keine österreichische Airline mehr ist. Und dennoch verhandelt man mit der deutschen Mutter über eine ordentliche Geldspritze, weil Österreich für die Weiterentwicklung des Wirtschaftsstandorts und den Erhalt von Arbeitsplätzen einen starken Homecarrier benötigt.

"Sag ja zu A" wird nicht erst seit gestern propagiert, sollte aber auch die vielen touristischen und oft familiengeführten Traditionsbetriebe miteinschließen. Die ihre Wirtschaftsleistung und ihre Steuern in Österreich abführen und dafür stehen, dass sich Österreicher, egal wohin sie reisen, sicher und wohlfühlen können. Und ist das einmal nicht der Fall, dann sind sie da, um sie zurückzuholen. In früheren Krisenzeiten, jetzt und hoffentlich auch in Zukunft.

Wir werden wieder reisen

Im Reed Talk ging es noch um viele weitere Themen, so auch um nachhaltige Produktentwicklung. Und natürlich ging es auch um die Zukunft und um einen Blick in die touristische Kristallkugel. Die Welt wird nach der Krise anders aussehen, auch was den Tourismus betrifft, das ist bereits klar.

"Reisen werden nachhaltiger und digitaler werden, Qualität und Regionalität werden an Bedeutung gewinnen, so wie auch die Pauschalreise und die Buchung im Reisebüro und beim Veranstalter. Wir werden wieder reisen, aber die Welt mit anderen Augen sehen. Die Frage ist nur, wann? So wie die Grenzen schrittweise geschlossen wurden, werden sie wieder geöffnet werden, und damit wird nicht nur die Reisefreiheit zurückkehren, sondern auch die Reisefreudigkeit wieder wachsen.“ Ein Schlusswort von ÖRV-Präsident Peterleithner, das Hoffnung macht.

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