Kryptografie

„Blockchain ist das nächste große Ding“

So kann man sich den Blockchain-Datenstrang grafisch vorstellen.
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So kann man sich den Blockchain-Datenstrang grafisch vorstellen.

TUI-Chef Friedrich Joussen ist sich sicher: „Die heutigen Internet-Giganten verlieren ihre Datenmonopole.“ Die Blockchain-Technik werde diese Macht brechen. Jim Velissarios, Blockchain-Experte des Beratungsunternehmens Accenture, geht sogar noch einen Schritt weiter.

TUI-Chef Friedrich Joussen ist sich sicher. „Die heutigen Internet-Giganten verlieren ihre Datenmonopole.“ Google, Facebook, aber auch Flugportale sammeln Daten über Internet-Nutzer und sind so zu mächtigen Playern im Vertrieb geworden. Doch Joussen sagt voraus, dass die Blockchain-Technik diese Macht brechen wird.

Joussen liegt bei seiner Einschätzung auf einer Linie mit der Finanzbranche, die fieberhaft an Geschäftsmodellen auf der Basis von Blockchain arbeitet. Vereinfacht beschrieben, handelt es sich um eine neue Art, Daten auszutauschen und – wie in einem Journal in der Buchführung – zu sichern. Informationsblöcke werden zu Ketten zusammengeführt, kryptologisch verknüpft und parallel auf Tausenden Computern gespeichert.

Durch die dezentrale Speicherung werden Manipulationen verhindert. Außerdem können Zugriffsrechte für einzelne Informationsblöcke festgelegt werden. „Blockchain ist das nächste große Ding“, sagte auch Jim Velissarios, der Blockchain-Experte des Beratungsunternehmens Accenture, beim Travel Technology Day der fvw. Das Konzept bildet beispielsweise auch die Basis für die etablierte Kryptowährung Bitcoin.

Velissarios erwartet, dass die Technik 2025 im Massenmarkt etabliert sein wird. Das World Economic Forum (WEF) prognostiziert, dass zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftswertschöpfung über Blockchain abgewickelt werden. In den Informationsketten kann beispielsweise ein Flugangebot um die Buchung eines Kunden ergänzt werden. In diesen Konzepten sind keine Informationsknoten, etwa Reservierungssysteme, mehr nötig. Verkäufer und Käufer kommunizieren direkt, ohne Vermittler, ohne Zahlungsdienstleister während des Verkaufsprozesses. „Die Blockchain ermöglicht neue, datengetriebene Geschäftsmodelle und macht diese schneller, effizienter, billiger und sicherer“, so der Accenture-Berater. Zentrale Rechenzentren und deren Kosten werden ausgeschaltet.

Die Sita, ein Dienstleister, der technische Entwicklungen für den Luftverkehr vorantreibt, konzentriert sich derzeit auf die Idee, die Passagier-Abfertigung am Flughafen mit Hilfe von Blockchain zu vereinfachen. Dabei soll sich ein Reisender mit einem Sicherheitsschlüssel (zum Beispiel einem Token auf dem Mobiltelefon) identifizieren. Der Token ist die Referenz zu den in der Blockchain hinterlegten persönlichen und biometrischen Daten. „Dieses Vorgehen ermöglicht eine unabhängige Prüfung der Daten, sichert deren Integrität und schützt gleichzeitig die Privatsphäre des Passagiers“, erläutert Sitas Lab-Chef Renaud Irminger. Für Airlines, Flughäfen und Sicherheitsbehörden werden die Prozesse in der Passagier-Abfertigung vereinfacht und beschleunigt.

Eine weitere Sicherheitsanwendung deutete Accenture-Experte Velissarios an. Demnach prüft die EU-Kommission, ob sie Blockchain zur Speicherung der Daten von Flugpassagieren (PNR) nutzt. Für die Terrorabwehr führt Brüssel diese Datenerfassung nach US-Vorbild ein.

Wo Blockchain die meisten Vorteile bringt

Es gibt ein Umfeld, in dem die Technik ihre Stärken ausspielen kann. Velissarios: „Wenn mehrere oder alle Voraussetzungen erfüllt sind, wirkt Blockchain sehr effizient.“ Er zählt eine Reihe von Bedingungen auf: Gibt es viele Beteiligte an einem Geschäftsprozess? Müssen Daten mehrfach und an verschiedenen Punkten kontrolliert werden? Ist ein Übereinkommen (Rekonziliation) zwischen den Beteiligten nötig? Müssen die Daten und die Fortschritte in den Prozessen auch später überprüfbar sein? Auf die Prozesse in der Reisewirtschaft treffen diese Voraussetzungen ebenso zu wie auf Bank- und Börsengeschäfte.

TUI-Chef Friedrich Joussen will seinen Konzern deshalb auf die Blockchain-Technik umstellen. Eine erste radikale Konsequenz zog er mit dem Verkauf der Bettenbank Hotelbeds. Das Geschäftsmodell solcher Datenbanken werde sich radikal wandeln, so Joussen im Interview mit der „Welt am Sonntag“ mit Blick auf den möglichen Wegfall von Mittlern. Der Konzern gibt jährlich fast 500 Mio. Euro für den Betrieb der IT aus. Mit Blockchain und der Verlagerung digitaler Prozesse zu Cloud-Anbietern will Joussen große Teile dieser Kosten einsparen. Andere Unternehmen wie die GDS-Betreiber untersuchen noch die Folgen für ihre Geschäftsprozesse und welche Optionen ihnen Blockchain eröffnet.

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