Klimadebatte (Gastbeitrag)

Bei der Nachhaltigkeit fehlt der Druck der Branche

Rainer Klee ist Gründer und CEO vom Consolidator Aerticket.
Martin Kath
Rainer Klee ist Gründer und CEO vom Consolidator Aerticket.

Rainer Klee ruft zu mehr Engagement für den Klimaschutz auf. Im Gastbeitrag für fvw geht der Gründer und CEO von Aerticket mit der Branche hart ins Gericht.

"Los komm, wir sterben endlich aus!" So lautet die Titelzeile des neuesten Songs der Band "Die Ärzte". Gemeint ist das als Vorschlag, die Ursache allen Übels auf der Welt einfach zu eliminieren.

Haben Sie auch den Bestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit" gelesen? Der Mensch wird darin als Schrecken des Ökosystems beschrieben. Wir sind verantwortlich für das Verschwinden unzähliger Arten, für den Klimawandel, für die Vermüllung der Welt!

Wie steht die Tourismusbranche zu diesem Vorwurf? Vermutlich wird es zehn Prozent Leugner des Klimawandels geben, zehn Prozent, die sich ernsthaft dagegen engagieren, und die große Mehrheit von 80 Prozent, die wissen, dass sie etwas tun müssten, sich aber wegducken. Und in einer fast notorischen Verteidigungshaltung angekommen sind. Sie hoffen, dass Flugscham später bei uns ankommt oder gar nicht. Möglicherweise hoffen sie sogar auf ein weiteres Wachstum.

Rainer Klee – Gründer und CEO von Aerticket

Der Einstieg in die Touristik erfolgte 1988. Nach dem BWL-Studium und einer Tätigkeit bei einem Logistikunternehmen eröffnete Rainer Klee in Berlin-Kreuzberg Titanic Reisen, eines der zahlreichen alternativen Unternehmen der linksalternativen Szene Westberlins mit zwölf Filialen in Berlin.

Im Juni 1993 wurde als Spin-off der Consolidator AER Reiseservice gegründet. Aerticket mit einem Umsatz von 2,05 Mrd. Euro ist heute ein modernes Technikunternehmen mit 430 Mitarbeitern.


Wie kommen wir vom Ignorieren oder Kleinreden des Problems zum engagierten Engagement? Wie entwickeln wir Perspektiven? Wie überzeugen wir unsere Verbandspolitiker davon, sich gegen den Klimawandel zu engagieren, anstatt Lobbyarbeit für Energieverschwendung zu betreiben?

DRV verteilt "Argumentationshilfe", um Kreuzfahrt-Schäden zu verharmlosen

Ich empfinde echte Scham, wenn mir der DRV eine sogenannte "Argumentationshilfe" zuschickt, die Tipps zum Herunterspielen und Verharmlosen von Schäden durch Kreuzfahrten enthält. Erstellt von der Clia, einer eindeutigen Lobbyorganisation. Will man damit 20.000 Expedienten für dumm verkaufen? Warum die Kreuzfahrtbranche verteidigen, die unbeirrt da, wo es noch erlaubt ist, weiter mit Schweröl fährt? Jeder Kreuzfahrtourist würde mit Sicherheit gern ein paar Euro mehr zahlen, wenn dafür weniger umweltbelastender Treibstoff zum Einsatz käme.

Hier fehlt eindeutig der Druck der gesamten Branche.


Im Flugverkehr sieht es nicht besser aus. Die uns vermeintlich vertretenden Lobbyisten wettern gegen mögliche Verteuerung der Flüge durch staatliche Maßnahmen. Dabei wissen wir alle, dass sie kommen werden, ja, dass sie einfach kommen müssen. CO2-Ausstoß muss einen realistischen Preis haben. Und es sind nicht drei Prozent, sondern eher zehn Prozent – jeder weiß, dass die Wirkung in der Atmosphäre weit größer ist.

Eine Steuer wie jetzt in Frankreich ist ein Anfang, die Summen sind zu niedrig. Und bitte, was soll das Argument, wir müssen auf eine gesamteuropäische Lösung warten? Das ist nur die Hoffnung, dass irgendein Osteuropäer es lang genug blockiert und gar nichts passiert. Die EU-Kommission hat dazu eine Studie erstellt. Demnach würde die Kerosinbesteuerung nach den Richtlinien der EU (330 Euro auf 1000 Liter) dazu führen, dass das Passagieraufkommen um zwölf Prozent zurückginge und sich das Fliegen im Schnitt um den gleichen Wert verteuern würde. Der Ausstoß von klimaschädlichem CO2 würde ebenfalls um zwölf Prozent zurückgehen. Der Anteil der Bevölkerung, der durch Fluglärm belästigt wird, würde um acht Prozent zurückgehen. Die wirtschaftlichen Effekte einer Steuer beziffert die EU als gering: 1100 Jobs wären bedroht, messbare Folgen beim Wirtschaftswachstum gebe es aber nicht. Verantwortliches Handeln muss deshalb anders aussehen.

Ohne Regulierung geht es nicht

IAG-Chef Willie Walsh hat beschrieben, wie unverantwortliches Handeln aussieht: Alle entdecken Wien als Markt, alle verlieren dort 50 bis 150 Mio. Euro, aber alle machen einfach weiter. Oder was für einen Sinn hat die Existenz von Airlines, die jedes Jahr Milliardenverluste machen? Warum finden Leute es toll, wenn man unter 49 Euro Return fliegen kann? Für einen Tagestrip nach Dublin oder Amsterdam? Hier wurde eine Nachfrage durch überzogene Dumping-Preise geschaffen.

Sind Sie in den letzten Wochen geflogen? Ich leider zu oft. Bis auf einen war jeder Flug verspätet, mal 45 Minuten nach Nizza, 35 nach Rom, 40 von München nach Dubai, und selbst Berlin–Stuttgart ging nur mit 15 Minuten Slot-Verzögerung. Was ist das für ein Urlaub, der so beginnt?

„Wenn die Bahn unökologische Preispolitik macht und wenn der Flug seine Vollkosten nicht trägt, fehlt Regulierung.“

Wenn ich vier Tage vor Abreise nach Zugtickets suche, dann kostet der billigste Sparpreis im ICE Sprinter von Berlin nach München 84 Euro, der Flug für die gleiche Strecke aber nur

48 Euro. Es gibt ein immens vergrößertes Zugangebot, aber weiterhin 25 Flugumläufe zwischen Berlin und München. Diese werden alle in den letzten sieben Tagen vor Abflug voll, weil der Zug zu teuer ist. Wer will da behaupten, es ginge ohne Regulierung? Wenn die Bahn, die dem Bund gehört, unökologische Preispolitik macht und wenn der Flug seine Vollkosten nicht trägt, dann fehlt offensichtlich die Regulierung.

Wir sollten die Branche gemeinsam umkrempeln!

Stellen Sie sich eine Branche vor, die zum Beispiel durch umfassende Informationen und freiwillige Selbstverpflichtung vorangeht. Im ersten Schritt fangen wir bei uns selbst an: Alle Büros, unser Konsumverhalten, sämtliche Firmenwagen, alle Konferenzen, alles, was wir selbst im Berufsleben tun, stellen wir um auf CO2-neutral, Zero Waste und geringstmöglichen CO2-Fußabdruck. Versuchen wir, gemeinsam eine gesamte Branche umzukrempeln. Dann schulen wir alle Expedienten, die Kunden beraten. Sie werden mehrmals auf die schon heute vorhandene Möglichkeit der CO2-Kompensation hinweisen. Was binnen kurzer Zeit dafür sorgt, dass CO2-Kompensation selbstverständlich und von 80 Prozent der Reisenden akzeptiert wird. Atmosfair rechnet vor: Bei einem Frankfurt–Palma-Return in der Economy Class würde die Kompensation elf Euro kosten, bei einem Flug nach New York hin und zurück 71 Euro. Scheitert an diesem Preis die Traumreise? Ich glaube das nicht.

57 Prozent der Deutschen behaupten, dass ihnen Umweltschutz beim Reisen wichtig sei. Holen wir sie doch von Anfang an genau da ab. Halten wir ein umfassendes Angebot an umweltgerecht geführten Unterkünften bereit. Machen wir auf alle Veranstalter Druck, dieses Angebot massiv und schnell auszuweiten. Empfehlen wir stets Bus, Zug, Bla Bla Car und andere umweltfreundliche Verkehrsmittel, wo es Sinn ergibt.

Empfehlen wir bei Städtetrips immer den ÖPNV, der ist ohnehin meistens schneller als das Taxi. Schließen wir eine Art Vertrag mit unseren Kunden, womit diese sich zu umweltfreundlichem Verhalten im Urlaub verpflichten – etwa Zero Waste wo möglich, weniger Essen wegwerfen, Bauern vor Ort unterstützen, regionale, kleine Restaurants nutzen, E-Book-Reiseführer, Passiv-Öko-Ferienhäuser.

Und allen Airlines, die bis heute keine Innovation finden, können wir auch nur sagen: Tut, was jetzt schon möglich ist. Verwendet zu 100 Prozent recyclebare Materialien. Findet einen Weg, Verpackungsmüll zu vermeiden. Vielleicht ist es innovativ, den Kunden beim Check-in zu fragen, was er essen will. Dann muss nicht wie heute in den USA bei Ankunft Essen weggeworfen werden.


Zugegeben, auch wir haben noch nicht alles Machbare umgesetzt. Was unsere Firma betrifft, ja. Doch das Einbinden von CO2-Kompensation, ÖPNV-Transfers und Zuganzeigen als Alternative sind Cockpit-Entwicklungen, die noch nicht ganz fertig sind. Stellen Sie sich eine ganze Branche vor, die auf einmal Verantwortung übernimmt. Die lieber einen vorübergehenden Rückgang hinnimmt, als die Zukunft von uns allen weiterhin aufs Spiel zu setzen. Auf Youtube fordert KLM mit einem Video auf zu prüfen, ob der eine oder andere Flug wirklich sein muss, ob man alternativ den Zug nehmen könnte, und fordert zu CO2-Kompensation auf, wenn man doch mal fliegen muss.

Meine durch Fridays for Future inspirierte zwölfjährige Tochter konnte es kaum fassen: Eine Airline sagt, wir sollen Zug fahren? Das ist wirklich innovativ! Ich kann nur alle, die in dieser Branche was zu sagen haben, gemeinsam mit KLM auffordern: Join forces. Bewusstsein entwickeln. Für geteilte Verantwortung. Was tun. Jetzt. Nicht Stillstand fordern. Oder haben beziehungsweise kennen Sie wirklich keine Kinder?
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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Jörg Hauschild
    Erstellt 22. August 2019 09:40 | Permanent-Link

    endlich fängt mal jemand an, Wahrheiten auszusprechen und hoffentlich eine ernste Diskussion anzufangen. Im Prinzip haben wir das doch alle verstanden, finden aber immer neue Argumente, warum etwas nicht geht. So ähnlich ging es den Menschen in den USA kurz vor der Abschaffung der Sklaverei, fast jeder wusste, dass es eigentlich falsch war, es wurden aber immer neue Argumente zur Erhaltung des Status quo gefunden, bis sich der Wandel vollzogen hat.
    Ich hoffe, wir befinden uns auch in einer solchen "Transformationphase".
    Die globale ökologische Dimension der aktuellen Situation mit ihren möglicherweise katastrophalen Folgen ist offensichtlich. Überall in der Welt stehen die Menschen vor der Frage, wie es eigentlich weiter gehen soll. Wir befinden uns wirklich in einer Krise im ursprünglichen Sinn des Wortes – an einem Wendepunkt. Es ist Zeit, sich zu entscheiden! (gibt's auf Heise zu lesen...)

  2. Ingo Simandi
    Erstellt 22. August 2019 09:44 | Permanent-Link

    Herr Klee spricht mir aus der Seele. Anscheinend muß man ein bestimmtes Alter eine bestimmte Stellung haben, um es so direkt auszudrücken zu können und zu dürfen. Ich kann die Aussagen nur unterstützen - eine Lobbyarbeit für die Zukunft hilft allen.

  3. Manuela Euler
    Erstellt 22. August 2019 09:59 | Permanent-Link

    Ein ganz toller Artikel an den ich mich zu 100% anschließe! Schon der erste Gedanke zählt. In dem Moment wo wir anfangen uns endlich diesem Thema zu öffnen und bereit sind, den ersten Schritt zu gehen, werden automatisch weitere folgen. Die Welt wurde auch nicht an einem Tag geschaffen aber es hat irgendwann mal irgendwie begonnen und es ist jedem möglich dafür was zu tun! Wir sind als Unternehmer in der Pflicht, zu handeln.

  4. Dietmar Rauter
    Erstellt 22. August 2019 10:06 | Permanent-Link

    Ich habe mich sehr über diesen Beitrag in der letzten FVW gefreut. Natürlich geht es in der Klimadiskussion um die Überlebensfrage zumindest der Agenturen und wenn es Wege gibt, klimafreundlicher und nachhaltig unterwegs zu sein, haben wir Reisebüroleute das allergrößte Interesse daran. Mich wundert allerdings: Rainer hat soviel Technik und Innovationen auch für seine Agenturen angeschoben: Ließen sich die Reisen nach Rom , Nizza und Dubai nicht auch (zeitsparender) durch Videobegegnungen ersetzen , so ganz nachhaltig und klimaneutral ? Falsches 'Reise'büro ?

  5. Helmut Stiglbauer
    Erstellt 22. August 2019 10:52 | Permanent-Link

    Hut ab - toller, ehrlicher Kommentar, dem man sich nur vollumfänglich anschließen kann - ehrt dich Rainer!

  6. Alexander von Koslowski
    Erstellt 22. August 2019 13:47 | Permanent-Link

    Danke Rainer!
    Die Diskussion verkommt sonst zu einer Lobbyveranstaltung mit Fingerpointing. Jeder verweist immer nur auf den kleinen Beitrag, den seine Industrie insgesamt dazu beiträgt. So versucht man seine persönliche Verantwortung zu kaschieren. Selten war es so wichtig, ein Regulativ, wie eigene Kinder oder Junge Erwachsene, zu haben und sie anzuhören, damit wir selbst, auch ich, unsere Standpunkte und vor allem unser Verhalten überdenken.

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