Gastkommentar von Sören Hartmann

Zeit für Schulterschluss bei der Nachhaltigkeit

Sören Hartmann ist CEO der DER Touristik Group.
DER TOURISTIK
Sören Hartmann ist CEO der DER Touristik Group.

Sören Hartmann, CEO der DER Touristik Group, fordert die Touristik auf, nicht länger zu schweigen und sich bewusst für das Gute einzusetzen, aber auch Probleme offen zu benennen.

Eine kleine Aussage kann schnell eine große Bedeutung bekommen. "Wir müssen beweisen, dass wir als Branche zu einer besseren Welt beitragen." Als ich dies beim fvw Kongress zum Thema Nachhaltigkeit aussprach, dachte ich eigentlich an Klima, Tierschutz, Umwelt und Menschenrechte. Doch seit Thomas Cook plc Insolvenzantrag gestellt hat, kann keiner mehr übersehen, wie weltüberspannend Tourismus wirkt. Gäste, Reiseleiter, Hotelpartner, Veranstalter, Busunternehmer, Airlines und ganze Destinationen – sie alle hängen voneinander ab. Fehlt ein Glied der Kette, bebt die Branche.

Was aktuell wie eine Schwäche aussehen mag, ist eigentlich unsere große Stärke. Die Touristik ist ein Netzwerk. Das zeigen wir gemeinsam jetzt, wo es darum geht, Gästen zu helfen und Partner aus der Branche aufzufangen. Wir alle, damit meine ich wirklich alle vom Reisebüro-Mitarbeiter über die Gästebetreuung im Hotel bis zum Reiseleiter am Flughafen. Liegt unsere Stärke als Touristik nicht also genau darin, zu handeln, wenn Not besteht? Ich habe daran keinen Zweifel! 

Warum schweigen wir als Branche dann, wenn es um die wirklich großen Herausforderungen geht? Unser Handabdruck – das Gute – und unser Fußabdruck – das Negative – wirken auf Mensch und Natur weltweit. Uns gelingt viel Gutes und wir verursachen zugleich Probleme – ein Dilemma. Menschenrechte, insbesondere der Schutz von Kindern, Naturschutz und auch Wirtschaftsentwicklung werden in einigen Ländern und Regionen durch Tourismus vielfach gestärkt oder gar erst ermöglicht. Zugleich überstrapazieren wir als Branche auch Destinationen mit zu großen Besucherströmen, mit Abfall und zum Teil problematischen Arbeitsbedingungen. Themen, die wir kennen und bereits gemeinsam angehen, insbesondere unter dem Dach der Initiative Futouris.

Doch in einem Punkt bin ich überzeugt: Wir schaffen das – nicht alleine. Zurecht begehrt mit Greta Thunberg die Jugend auf. Es sind unsere Kunden der Zukunft, die uns aufzeigen, was wir als Erste hätten anprangern müssen. Die Erderwärmung ist Realität. Schmelzendes Eis und steigende, sich erwärmende Meere, lokale Wetterextreme lassen die Destinationen leiden, für die wir begeistern, werben und arbeiten. Und in erster Linie leiden die Menschen, die dort leben.

Nach allem, was wir wissen, ist ein Bremsen dieser Entwicklung nicht ohne Reduktion des CO2-Ausstoßes möglich. Sind wir uns bewusst, was das für das Reisen bedeutet? Flug, Kreuzfahrt, Fähren, Bus, Autos, Hotels – ohne fossile Brennstoffe ist das Gros der Reisen heute nicht möglich, nicht im Urlaub und nicht geschäftlich. Daran ändert auch die gerade beschlossene CO2-Steuer nichts. Den Weg zu einem wirkungsvollen Klimaschutz suchen wir bislang vergebens. 

Im Alleingang werden wir ihn nicht finden. Es ist Zeit für einen Schulterschluss der Tourismuswirtschaft mit Wissenschaft und Politik. Wir brauchen die Wissenschaft, um Touristik neu zu denken, und die Politik für Leitplanken, die das völkerverbindende Reisen in die richtige Richtung lenken, nicht abwürgen. Klimaschutz ist unsere gemeinsame Aufgabe, Nachhaltigkeit eine Frage der Existenz. Höchste Zeit, dass wir jetzt gemeinsam handeln.

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