Betreuung von Corona-Erkrankten

So hilft das Büro Schlagheck dem Gesundheitsamt

Blick ins Reisebüro Schlagheck in der Stadtmitte von Coesfeld. Geschäftsführerin Laura Brokamp (rechts) hat eine Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt organisiert.
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Blick ins Reisebüro Schlagheck in der Stadtmitte von Coesfeld. Geschäftsführerin Laura Brokamp (rechts) hat eine Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt organisiert.

Das Reisebüro Schlagheck in Coesfeld hilft seit rund zehn Tagen dem örtlichen Gesundheitsamt in der Corona-Krise. Wie kam die Zusammenarbeit zustande? Wie läuft sie? Ein Interview mit der Geschäftsführerin Laura Brokamp.

Es ist eine Idee, die viele Reisebüros dieser Tage umsetzen möchten: dem örtlichen Gesundheitsamt in der Corona-Krise helfen. Die Kapazitäten sind aufgrund des Ausbleibens von Kunden da, das Know-how auch – so der Gedanke der Reisebüros.

Und: Weil die Einkünfte aufgrund des Mangels an Buchungen ausbleiben, lässt sich mit dieser Nebentätigkeit möglicherweise durch die Krise kommen. Zudem können Reisebüros durch diese Arbeit einen Beitrag zur Bekämpfung eben der Krise leisten, die sich so verheerend auf ihr Geschäft auswirkt.

Viele Reisebüros stoßen bei ihrem Gesundheitsamt allerdings auf Desinteresse und erhalten Absagen. Nicht so das Reisebüro Schlagheck Lufthansa City Center in Coesfeld. fvw sprach mit Laura Brokamp darüber, wie die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gesundheitsamt zustande kam, wie die Arbeit genau aussieht und was sie einbringt.

fvw: Viele Reisebüros möchten den Gesundheitsämtern helfen. Bei Ihnen hat es geklappt. Wie erklären Sie sich das?

Laura Brokamp: So ganz genau weiß ich das auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass es damit zu tun hat, dass wir hier in Coesfeld und im Landkreis keine Universität haben. Vielerorts werden ja Studenten für die Arbeit in Gesundheitsämtern beschäftigt. Bei uns ist die Behörde eben anderweitig auf Hilfe angewiesen.

Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Das ging ganz schnell und unkompliziert. Wir hatten hier bei uns die Idee, dem Gesundheitsamt zu helfen. Daraufhin habe ich mich an einen örtlichen Politiker gewandt, den ich persönlich kenne. Der wiederum kontaktierte den Landrat – und er das Gesundheitsamt. Das Ganze dauerte nicht mehr als zwei Tage. Dann hatten wir schon die Zusage, für das Gesundheitsamt anzufangen.

Und jetzt arbeiten in Ihren Büros alle für die Behörde?

Nicht alle. Wir haben ja unser zentrales Büro in der Innenstadt von Coesfeld. Darüber hinaus haben wir zwei weitere Büros in Dülmen und Nottuln – und außerdem noch zwei Teams, die sich um Business Travel kümmern. Wir sind insgesamt 35 Mitarbeiter. Unser Geschäft ruht nicht vollständig. Aber wir können problemlos zehn Mitarbeiter für die Arbeit für die Behörde abstellen. Das ist angesichts der Geschäftslage überhaupt kein Problem.

Wie funktioniert das konkret? Stehen die zehn Mitarbeiter jetzt auf der Pay Roll der Behörde?

Nein, die sollen mal schön bei uns unter Vertrag bleiben (lacht). Wir haben als Reisebüro einen Rahmenvertrag mit dem Gesundheitsamt abgeschlossen. Er läuft noch bis zum 31. März 2021. Darin steht, dass wir monatlich bis zu 1700 Arbeitsstunden für das Gesundheitsamt leisten. Dort ist große Flexibilität gefragt, da das Arbeitsaufkommen natürlich von der Infektionslage abhängig ist.

Fahren die Mitarbeiter dafür zu der Behörde?

In der Regel nicht. Wir machen die Arbeit von unseren Büros aus. Es kann aber Fälle geben, in denen auch mal Mitarbeiter zur Behörde fahren, um von dort zu arbeiten.

Was konkret machen denn Ihre Mitarbeiter? Geht es um die Zurückverfolgung von Infektionsketten?

In unserem Fall nicht. Wir telefonieren täglich mit Menschen, die sich mit Corona infiziert haben. Die Behörden sind angehalten, mit diesen Menschen Kontakt zu halten. Wir fragen, wie es den Menschen geht. Ob sich noch Symptome zeigen. Davon hängt dann beispielsweise ab, ob sie nach der vorgeschriebenen Quarantäne wieder ihr Zuhause verlassen dürfen, um etwa arbeiten zu gehen.

Wie wichtig ist diese Nebentätigkeit für Ihre Büros finanziell?

Wir haben einen Stundenlohn mit der Gesundheitsbehörde vereinbart. Den möchte ich jetzt nicht nennen. Aber ich kann sagen: In diesen schwierigen Zeiten für die Reisebranche ist diese Tätigkeit für uns natürlich hochinteressant. Ohne diese Tätigkeit müssten wir aufgrund der Wirtschaftlichkeit überlegen, unsere Reisebüros vorübergehend zu schließen oder die Öffnungszeiten noch weiter einzuschränken.

Sind Ihre Mitarbeiter überhaupt qualifiziert für diese Arbeit?

Auf jeden Fall! Na klar, es gibt bei der Arbeit natürlich eine psychologische Komponente. Man hat ja täglich mit kranken Menschen zu tun. Aber in unserer Arbeit als Reisemittler steckt ja auch eine wichtige psychologische Komponente. Das Telefonieren ist ja etwas, auf das sich jeder Expedient hervorragend versteht. Eine Fortbildung haben wir von Seiten der Behörde allerdings auch bekommen: in Sachen Datenschutz. Hier sind die Regeln doch etwas anders gelagert als in der Reisebranche.

Machen Ihre Mitarbeiter die Arbeit gern?

Auf jeden Fall. Wir sind alle sehr dankbar, dass es zu dieser Zusammenarbeit gekommen ist. Ich glaube, jeder hier sieht das als besser an, als einfach nur herumzusitzen und zu hoffen, dass die Krise möglichst bald vorbeigeht. Die Leute reagieren am Telefon auch fast immer hocherfreut, wenn wir anrufen. Viele freuen sich schon auf das Telefonat mit uns am nächsten Tag.

Geben Sie sich in den Gesprächen als Mitarbeiter eines Reisebüros zu erkennen?

Nur in den allerwenigsten Fällen. Wenn mal eine Nachfrage kommt, wo wir denn sitzen etwa. Dann erklären wir ganz transparent, dass wir vom Gesundheitsamt mit dieser Arbeit beauftragt wurden. Für die Menschen ist das auch überhaupt kein Problem.

Welchen Tipp können Sie Reisebüros geben, die ebenfalls für ihr Gesundheitsamt tätig werden wollen?

Schwierig. Ich habe schon das Gefühl, dass es ganz auf die Lage vor Ort ankommt, ob Hilfe gewollt ist oder angenommen wird. Vielleicht kann man dies sagen: Der Weg über die Lokalpolitik ist möglicherweise nicht der schlechteste.

Denn so wird ja bei der Anfrage gleich klar, dass da ein gewisses Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Reisebüros da ist, das sich da anbietet. Aber welchen Weg auch immer man einschlägt: Bei Interesse würde ich auf alle Fälle jedem raten nachzufragen. Das kostet ja nichts.
5 Kommentare Kommentieren

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4.
Nina Kreke
Erstellt 8. November 2020 12:08 | Permanent-Link
bearbeitet

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Laura Brokamp eine vorbildliche Unternehmerin ist.

3.
Christina DAldrup
Erstellt 3. November 2020 18:14 | Permanent-Link

Es macht Spaß, die Menschen, die wir anrufen sind so dankbar. Eine wirklich schöne Sache für uns alle.

2.
Jörg Hauschild
Erstellt 3. November 2020 15:14 | Permanent-Link

Ein tolles und kreatives Beispiel, freut mich für alle Mitarbeiter*innen! Weiter so, Laura!

1.
Sebastian Worel
Erstellt 3. November 2020 15:11 | Permanent-Link

Großartig! Das Beispiel können sich tausende von Gesundheitsämtern mal zu Herzen nehmen und einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten. Die interessante Frage ist: Warum reagieren soviele Gesundheitsämter mit Ignoranz oder Ablehnung? Ich kenne viele, die ihre Zeit sogar ehrenamtlich einsetzen würden - allein es fehlt der Wille auf seiten der Behörden. Gibt es am Ende doch keinen Mangel an Kräften? Aber warum dann immer diese dramatischen Berichte über die überlasteten Ämter, denen es vorne und hinten an Leuten fehle...mystisch!

Rainer Nuyken
Erstellt 3. November 2020 16:02 | Permanent-Link

@Sebastian Worel: vielleicht haben da manche Verwaltungsangestellte Angst vor der Produktivität von Leuten aus der Wirtschaft? Gerade wurde mir z.B. vom Hauptabteilungsleiter eines Landratsamts berichtet, dass er seine Briefe zunächst mit Bleistift vorschreibt, das Geschriebene anschließend ins Diktiergerät spricht und das dann zum Schreibbüro gibt. Unglaublich!

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