Tourismusausbildung

Bundesregierung ist bei Lehrstuhl-Mangel gefragt

In nur noch wenigen Städten wird Tourismus an der Universität gelehrt.
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In nur noch wenigen Städten wird Tourismus an der Universität gelehrt.

Die Krise der Tourismuslehrstühle an Universitäten schwelt seit Jahren. Jetzt ist die Politik dran. Kommt die Trendwende?

Einer nach dem anderen hat dichtgemacht: 2018 schloss der Tourismuslehrstuhl an der Universität in Lüneburg, ein Jahr zuvor war es Dresden, 2013 Paderborn, 2012 Trier, 2009 Berlin. "Ein Sterben auf Raten", bedauert Professor Jürgen Schmude, Leiter der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT).

Nur noch die Universitäten München, Eichstätt und Greifswald bieten heute Tourismus im Rahmen eines Geografiestudiums an, in Freiburg gibt es noch die Sparte Städtetourismus. Wegen des Lehrstuhlmangels schlagen Experten seit Jahren Alarm, jetzt erst steht das Thema auf der politischen Agenda.

Bundesregierung will Maßnahmenkatalog umsetzen

So hat die Bundesregierung angekündigt, bis Sommer 2020 einen Maßnahmenkatalog für eine nationale Tourismusstrategie vorzulegen, die auch Vorgehensweisen zur Forschungs- und Innovationsförderung beinhalten soll.

Bereits vor einem Jahr haben die touristischen Verbände DGT, DTV, ASR, BTW, Dehoga, DRV, DZT und RDA in einem Brandbrief an den Wissenschaftsrat mehr Unterstützung für touristische Lehrstühle an Universitäten gefordert.

"Die Weichen in der Hochschullandschaft werden falsch gestellt", hieß es. Die Folge: Wissen geht verloren, und hoch qualifizierter Nachwuchs wandert ins Ausland ab. Auf der anderen Seite steigen die Herausforderungen – sei es durch Digitalisierung, Fachkräftemangel oder Nachhaltigkeit.

Ob die geplante Tourismusstrategie die Lösung bringt, bleibt abzuwarten."Schlagkräftig kann eine solche Strategie nur sein, wenn es konkrete Maßnahmen gibt und Bund und Länder die Aufgaben gemeinsam angehen", betont Norbert Kunz, Chef des Deutschen Tourismusverbands (DTV).
Im Vorfeld hat jetzt die Grünen-Fraktion eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt – 16 Fragen über die Förderung von Forschung und Lehre im Tourismus an den öffentlichen Hochschulen in Deutschland. Die Antworten der Bundesregierung stießen in Wissenschaftskreisen auf Ernüchterung. Einiges blieb vage, anderes unbeantwortet.

Über internationale Forschungskooperationen oder die Abwanderung von Wissenschaftlern ins Ausland lagen keine Daten vor. Zur entscheidenden Frage, welchen Stellenwert die Forschung in der nationalen Tourismusstrategie einnimmt, wich die Regierung aus und verwies auf den "breit angelegten Dialogprozess" in den kommenden Monaten.

Investitionen sind zu gering

Konkret wurde es bei der Frage nach Finanzspritzen für die Forschung: 0,022 Prozent der gesamten Forschungsausgaben hat der Bund 2017 in Tourismusforschung investiert. "Erschreckend wenig", urteilt der DTV. "Der Bund ist zuständig für Innovationsförderung, da kann er noch eine Menge tun", sagt DTV-Chef Kunz.

Im Rahmen des Förderprogramms "Forschung an Fachhochschulen" war in den vergangenen zehn Jahren kein Projekt aus dem Tourismus dabei. Kein Wunder, denn für große Forschungsprojekte sind die Fachhochschulen oft nicht ausgestattet. Es fehlt an Mitteln und Personal. Die Krux dabei: Tourismus gibt es heute fast ausschließlich an Fachhochschulen.

Bundesweit werden gleich 138 touristische Studiengänge an Fachhochschulen angeboten, listet der Bund auf. 2017 waren 9993 Studenten für Tourismuswirtschaft eingeschrieben. Fast alle gehen mit dem Bachelor-Abschluss in den Job: Unter den 1756 Absolventen im Jahr 2017 machten nur 187 ihren Master, so der Bund. Laut der Analyse des Bundes gibt es an deutschen Universitäten keinen einzigen Tourismuslehrstuhl mehr.

Ein Problem, dass die Bundesregierung den Ländern und Universitäten zuschiebt, die für die Verteilung der Sach- und Personalmittel auf Fachbereiche zuständig sind. Dabei hat der Bund durchaus Möglichkeiten, kontert der DTV, zum Beispiel finanziere das Verkehrsministerium mit Stipendien einige Radverkehr-Professuren – "man muss es nur wollen".

Auch Harald Pechlaner, Professor an der Universität Eichstätt, fordert ein Umdenken bei der Vergabe von Finanzhilfen. "Entscheidend sind Anreize über Förderprogramme, die den multidisziplinären Charakter des Tourismus berücksichtigen", sagt Pechlaner.

Derzeit sei die Forschungsförderung sehr disziplinär ausgerichtet. Doch Tourismus sei im engeren Sinn keine Disziplin, sondern habe unterschiedliche Zugänge von Geografie, Psychologie, Informatik bis hin zur Wirtschafts-, Umwelt- oder Kulturwissenschaft.

Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung der Branche ist Pechlaner trotz allem optimistisch: "Man muss nicht Tourismus in der Lehrstuhlbezeichnung führen, um Forschung im Tourismus zu machen."Der

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  1. Ingo Simandi
    Erstellt 6. Dezember 2019 07:48 | Permanent-Link

    Was nützen uns die bestens ausgebildeten touristischen Fachkräfte, wenn diese in den Konzernen keine Aufstiegsmöglichkeiten haben, da die Führungskräfte aus der Telekommunikation kommen.

  2. Alexis Papathanassis
    Erstellt 9. Dezember 2019 21:44 | Permanent-Link

    Schade... Aber keine Überraschung! Vielleicht wäre es Zeit das Promotionsrecht für FAs (selektiv) ernsthaft zu überlegen. Wenige Tourismuslehrstuhle => kaum Promotionen im Tourismus (oder im Ausland)=> immer weniger Tourismus-Professoren => Noch weniger Tourismuslehrstuhle.
    Wenn PromotionsRecht ein (Promotions)Privileg bleibt... Ist es, wie Privilegien so sind, für die Wenige.

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