Recruiting

Unternehmen setzen bei der Personalsuche auf digitale Helfer

Per Smartphone bewerben: Erste Anwendungen ermöglichen das.
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Per Smartphone bewerben: Erste Anwendungen ermöglichen das.

Mit der Digitalisierung eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten für den Recruiting-Prozess. Zugleich verändern sich die Erwartungen der Kandidaten an den Unternehmensauftritt und Bewerbungsprozess. Die Personalberatung Robert Walters hat neue Tools unter die Lupe genommen.

Neue Technologien sind für weite Teile der Bevölkerung Alltag: "Wer ein Taxi braucht, bestellt es per App und erwartet, dass es in wenigen Minuten da ist", öffnet Faye Walshe den Blick für die Normalität des digitalen Wandels. Die gleiche Haltung würden viele Kandidaten bei der Jobsuche an den Tag legen, ist die Leiterin des Bereichs "Global Innovation" bei der Personalberatung Robert Walters überzeugt. Sie möchten sich mobil über potenzielle Arbeitgeber informieren, durch Videos glaubwürdige Einblicke ins Unternehmen bekommen, per Chat kurzfristig Fragen klären, sich vielleicht direkt vom Smartphone bewerben – und keinesfalls wochenlang auf eine Reaktion warten.

Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden und gehen weit über derlei einfache Anwendungen hinaus. Mit Hilfe von Big Data und künstlicher Intelligenz ist es längst möglich, auch potenzielle Kandidaten zu identifizieren, die noch gar nicht aktiv suchen. So mancher Algorithmus weiß quasi schon vor dem Mitarbeiter selbst, dass er offen ist für eine neue Herausforderung.



Doch viele Unternehmen sind noch nicht so weit. Etliche Personaler beurteilen die eigenen Prozesse als wenig innovativ. Sie tun sich schwer, den praktischen Nutzen gegen den Arbeitsaufwand abzuwägen und scheuen die Investition. Erschwerend kommt hinzu, dass 85 Prozent der Start-ups, die innovative Lösungen für HR-Prozesse anbieten, bereits nach 18 Monaten wieder von der Bildfläche verschwinden.

180 Tools im Check

Robert Walters will den Prozess unterstützen. Deshalb durchleuchtet Walshe mit ihrem Team fortwährend den Markt und testet die digitalen Helfer. Innerhalb von zwölf Monaten durchliefen rund 180 Tools den Check des Dienstleisters. Einige Anwendungen bewertet Walshe als interessant und praxistauglich.

Dazu gehört beispielsweise die App "Videomyjob": Arbeitgeber können damit lebendige Stellenanzeigen erstellen, Jobvideos direkt am Handy produzieren, mit Texten, Logos, Kontaktdaten ergänzen und direkt in sozialen Netzwerken teilen. "Das Lesen von Texten ist auf dem Handy schwieriger", weiß Walshe. "Mit diesem kostengünstigen Service können auch kleinste Unternehmen Video-Stellenanzeigen kreieren." Ein App-interner Teleprompter erleichtert es, den richtigen Text für den Film zu sprechen. Notwendig ist lediglich ein Smartphone. Wenn vor einer persönlichen Begegnung ein Bewerbungsvideo erwünscht ist, kann die App dafür von den Kandidaten genutzt werden. Ortsunabhängige Bewerbungsinterviews werden immer häufiger nicht mehr per Skype geführt, sondern als aufgezeichnetes Video gesendet.

Auch für eine leichtere Koordination hat Walshe ein paar Tipps parat: Statt über eine Vielzahl von Telefonaten und E-Mails die Termine für Vorstellungsgespräche abzustimmen, könne man mit "x.ai" den einzuladenden Bewerbern einen Kalender zugänglich machen, in den sie sich selbstständig eintragen und gegebenenfalls auch Termine verschieben können. Ein Vorteil: Die Abstimmung ist nicht an die Arbeitszeit gebunden, der Zugang ist rund um die Uhr möglich.

Möglichkeiten, den Auswahlprozess zu beschleunigen, ergeben sich durch digitale Assessments. So bietet "Codility" maßgeschneiderte Tests insbesondere für Schlüsselkompetenzen im IT-Bereich. Und "MindX" ist ein spielerisch aufgebautes Assessment, das die kognitiven Fähigkeiten, individuelle Stärken und Schwächen offen legt.

Grundsätzlich beobachtet die Personalberaterin einen Trend zu geschlossenen Communities. Jobsuchende hinterlegen dort ihr Profil und machen sich über Unternehmen schlau, die sich dort präsentieren. Personalverantwortliche zahlen für den Zugang zu potenziellen Kandidaten. Spannend wird es, wenn künstliche Intelligenz die passenden Jobs und Suchenden zusammenbringt. Die Plattform "We love work" analysiert dabei nicht etwa die fachliche Qualifikation, sondern vielmehr die kulturellen Eigenschaften. Dafür machen Interessierte ein kurzes Online-Assessment. Und auch die Unternehmen werden entsprechend befragt. Die Technologie soll nicht nur helfen, neue Mitarbeiter zu finden, sie kann auch für die interne Entwicklung oder Change-Prozesse eingesetzt werden.

Künstliche Intelligenz findet wechselwillige Arbeitnehmer

Auf gezieltes Matching setzt auch die KI-Technologie HiringSolved. Sie durchsucht dafür das gesamte Internet und kann über Social Media auch passive Kandidaten finden, die sich nicht aus Eigeninitiative um einen neuen Arbeitgeber bemüht hätten. Das Tool erkenne aber aufgrund der Art und Intensität mit der sich jemand in sozialen Netzwerken bewegt, ob er wechselbereit ist, sodass es sich lohnt, ihn zu kontaktieren, erläutert Walshe. Und auf der Suche nach brauchbaren Kontaktdaten könnten dann das Chrome-Tool "Prophet" oder eine Anwendung von "Hiretual" helfen. Diese forschen im Web nach der passenden Mailadresse – auch der privaten – oder Telefonnummer. Es heißt, sie könnten auch auf Infos zugreifen, die der User auf den Plattformen als "nicht öffentlich" eingegeben hat.

Noch einen Schritt weiter geht "Fama.io": Mithilfe künstlicher Intelligenz macht das Tool ein Social-Media Background-Screening, um das Unternehmen vor Charakteren zu schützen, die Gift für das Team wären: Rassisten, Sexisten, Drogenkonsumenten und Hassprediger aller Art werden anhand ihrer Postings in Text oder Bildform entlarvt bevor sie einen Vertrag unterschreiben.

Dieser Artikel stammt aus der ebenfalls im Deutschen Fachverlag erscheinenden Lebensmittel Zeitung.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. A.Schlehuber
    Erstellt 16. Juli 2019 14:21 | Permanent-Link

    Das ist symptomatisch (Zitat Lebensmittelzeitung): '....... Erschwerend kommt hinzu, dass 85 Prozent der Start-ups, die innovative Lösungen für HR-Prozesse anbieten, bereits nach 18 Monaten wieder von der Bildfläche verschwinden. +++ Bewerber sind Menschen und keine Datensammlung, insbesondere, wenn es um qualifizierte Dientleistung geht. Wenn die HR keine Zeit zum Recruiting haben, dann sollen sie ihren Job aufgeben. Es geht hier um Menschen und um die Zukunft des Unternehmens. Das beste Kapital was ein Unternehmen hat, sind motivierte Mitarbeiter, die mitziehen !!!

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