Persönlichkeit

Innere Werte zählen bei Bewerbungen

Job-Suche: Bei Veranstaltern brauchen Bewerber keine Top-Noten mehr.
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Job-Suche: Bei Veranstaltern brauchen Bewerber keine Top-Noten mehr.

Wer Karriere beim Veranstalter machen will, muss heute nicht mehr Top-Noten und einen 1A-Lebenlauf haben. Im Bewerbungsprozess ist Persönlichkeit gefragt.

Einser-Abi, Top-Abschluss, Jahrgangsbeste: Das war einmal extrem wichtig bei Bewerbungen, wenn nicht sogar entscheidend. Doch das ist Schnee von gestern. Andere Dinge stehen heute bei Personalern höher im Kurs – Persönlichkeit vor allem. "Wir legen weniger Wert auf Noten und konzentrieren uns stattdessen mehr auf das persönliche Profil, etwa wie gut dieses zur Stellenausschreibung passt, sowie auf die bisherigen Erfahrungswerte der Bewerber", sagt Felix Miketta, Head of Human Resources bei der FTI Group.

Judith Mallmann, Abteilungsleiterin Personalentwicklung und Projekte bei Berge & Meer, stimmt ähnliche Töne an: "Bei uns zählen Persönlichkeit und Praxiserfahrung mehr als Bestnoten oder Abschlussart. Bewerber sollten zum Unternehmen und ins jeweilige Team passen."

Persönlichkeit statt Bestnoten – diesen Trend beobachtet auch Bernd Slaghuis. Für den Karriere-Coach aus Köln ist dies "eine super Entwicklung, die ich nur begrüßen kann". Die Beziehungsebene – und dazu zählt er den Faktor Persönlichkeit – rücke stärker in den Mittelpunkt, weil sich die Art der Zusammenarbeit verändere. "Je mehr Maschinen und Roboter eingreifen, desto intensiver und kreativer müssen Menschen zusammenarbeiten, insbesondere in der Touristik, wo Menschen für Menschen arbeiten", ist Slaghuis überzeugt.
„Für uns sind in erster Linie die persönliche Eignung, Teamfähigkeit, strukturiertes Arbeiten und eine Hands-on-Mentalität sehr wichtig. Relevante Praxis- sowie Auslandserfahrung sind große Pluspunkte für uns.“
Felix Miketta, Head of Human Resources, FTI Group

Doch was genau ist mit Persönlichkeit gemeint? Slaghuis macht dies am so genannten "Karrierequadrat" deutlich: An der einen Seite steht das Fachwissen aus Schule und Studium, an der nächsten Seite die Berufs- und Lebenserfahrung. Persönliche Stärken und Talente stehen an der dritten Seite des Quadrats, Persönlichkeit an der vierten. Richtig trennscharf seien diese beiden letztgenannten Kategorien allerdings nicht: "Ganz oft werden Stärken unterstützt durch Persönlichkeitseigenschaften: welcher Typ man ist, wie man tickt, was andere über einen sagen würden", weiß der Experte.

Diese vier Seiten des Karrierequadrats sollten Bewerber im Hinterkopf haben, wenn sie Anschreiben formulieren. In einem Absatz sollte es demnach um die eigene Persönlichkeit gehen, Teamfähigkeit oder Kommunikationsstärke etwa. Diese Begriffe allein sagen jedoch nichts aus, warnt der Karriere-Coach. Er plädiert dafür, sie zu umschreiben: Woran würden Kollegen bemerken, dass ich teamfähig oder kommunikationsstark bin? Oder die Eigenschaft auf den Punkt bringen: "Meine Kollegen schätzen meinen Teamgeist" oder "Mit Kunden zu telefonieren fällt mir leicht". Durch klare Worte mache sich ein Bewerber greifbar, "er zeigt Kante und hebt sich von 08/15-Bewerbungen ab".
„Bewerber sollten gut vorbereitet in die Interviews gehen, um zu punkten. “
Judith Mallmann, Abteilungsleiterin Personalentwicklung und Projekte, Berge & Meer

Überhaupt sollten sich Bewerber mit dem Anspruch an ein Anschreiben setzen, darin ihr Potenzial zu zeigen. "Hier geht es um die Zukunft: Das bringe ich mit, das ist mir wichtig. Die Vergangenheit steht im Lebenslauf", sagt Karriereexperte Slaghuis. Unterm Strich sollte beim Personaler ein gutes Gefühl übrig bleiben und der Wunsch, den Bewerber kennenzulernen.

Auch für das Vorstellungsgespräch rät Bernd Slaghuis zu einer offenen Haltung. Außerdem sollten Bewerber nichts auswendig lernen oder Standardantworten geben. Ungeduld, Perfektionismus oder Schokolade als Schwächen nennen – bloß nicht! Besser sei es, erwartbare Jobsituationen zu skizzieren, etwa Präsentationen im größeren Kreis, und mangelnde Routine zuzugeben, aber auch Bereitschaft zu signalisieren, sich diese anzueignen. Karriere-Coach Slaghuis ist überzeugt: "Schwächen sind Entwicklungspotenziale." Deshalb lautet sein Tipp: ehrlich sein und sich gut vorbereiten. Absolventen sollten sich selbstverständlich über das Unternehmen informieren und realistische Vorstellungen über die Stelle und Tätigkeit haben.

Dass Persönlichkeit nun schwerer ins Gewicht fallen soll als Noten, dürfte sich für viele gut anhören. Aber spielen Ausbildungszeugnisse jetzt tatsächlich keine Rolle mehr? Ganz so einfach ist es nicht. Für den Jobeinstieg sind sie zwar nicht mehr ausschlaggebend, aber für das Gesamtbild sind sie schon relevant, findet Judith Mallmann von Berge & Meer. "Noten, die auf die Kernkompetenzen abzielen, sollten nicht schlechter als befriedigend sein", sagt die Personalexpertin.

Auch bei TUI Deutschland spielen Zeugnisnoten eine Rolle, wenn es um die Auswahl von Absolventen für die begehrten Trainee-Programme geht, sagt Lena Weber, Head of Recruiting Office. Die Rolle sei "allerdings nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren". Es werde lediglich ermittelt, ob ein entsprechender Studienabschluss mit einem Notendurchschnitt von zwei oder besser erreicht wurde. Dagegen zählt bei Direkteinsteigern vor allem eines: Berufserfahrung.
(von Astrid Schwamberger)
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