Berufsausbildung für Touristikkaufleute

"Schüler fühlen sich unterfordert"

Dirk Aufermann ist Berufsschullehrer und Vorsitzender des ASR-Bildungsausschusses.
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Dirk Aufermann ist Berufsschullehrer und Vorsitzender des ASR-Bildungsausschusses.

Dirk Aufermann ist Berufsschullehrer und Vorsitzender des ASR-Bildungsausschusses. Im Interview spricht er darüber, welche Unzufriedenheit er von Azubi- und Firmenseite mit der Touristikausbildung wahrnimmt – und welche gangbaren Alternativen er sieht.

Dirk Aufermann arbeitet als Lehrer an der Staatlichen Berufsschule für Reiseverkehr und Touristik in Hamburg. 2010/11 wirkte der Pädagoge an der bundesweiten Novellierung der Lehrinhalte für die Berufsausbildung zur/zum Touristikkauffrau/Touristikkaufmann mit.

Herr Aufermann, wie zeitgemäß sind die aktuellen Lehrpläne?
Die letzte Novellierung der Ausbildung zur/zum Touristikkauffrau/Touristikkaufmann war 2011. Seither ist viel geschehen. Die Lehrpläne sollten perspektivisch an die Entwicklungen, wie Digitalisierung, angepasst werden. Die Touristik klagt über Nachwuchsmangel. Wer dagegen ernsthaft etwas unternehmen will, muss dafür sorgen, dass am Anfang des Berufslebens eine attraktive Ausbildung steht. 



Ist das denn nicht der Fall?
Vieles ist gut und sinnvoll und soll unverändert bleiben. So höre ich auch von Schülerseite wenig Kritik an klassischen Ausbildungsinhalten wie der Betriebswirtschaftslehre. Bei den touristischen Inhalten sehe ich aber Verbesserungspotenzial.

Inwiefern?
Eine aktuelle Umfrage des Verbands ASR unter Ausbildungsbetrieben hat ergeben, dass die Ausbildung besonders im ersten Ausbildungsjahr von vielen Firmen und Azubis als zu langweilig angesehen wird. Hier fehlt besonders den Azubis die Destinationskunde, mit der sie am Counter schnell Sicherheit gewinnen können.

Was sollte denn mehr über Destinationen vermittelt werden?
Wichtige Destinationen tauchen auf dem Lehrplan überhaupt nicht auf, die Kanaren etwa. Hier sollte nachjustiert werden. Es kann nicht sein, dass in drei Jahren Berufsausbildung von Touristikkaufleuten die Kanaren keine Rolle spielen, dafür aber beispielsweise der Wanderurlaub im Allgäu auf dem Lehrplan steht.

Insgesamt lernen Touristikkaufleute 13 Zielgebiete in Verbindung mit Reisemotiven kennen. Besteht nicht die Gefahr, die Lehrpläne zu überfrachten?
Das sehe ich nicht. Denn erstens könnten einige klassische Lehrinhalte wie Iata und Bahn etwas verringert werden, da sie die Realität in vielen Büros nicht mehr widerspiegeln. Zweitens sehe ich insbesondere im ersten Ausbildungsjahr noch viel Raum für Inhalte. Denn in diesem Jahr werden die Schüler eindeutig unterfordert, was unsere Umfrage auch belegt.

Die Schüler selbst sagen in der Umfrage von sich, sie seien unterfordert?
Ja! Seit der Novellierung 2011 werden im ersten Lehrjahr viel zu wenige touristische Inhalte vermittelt, so die Befragten. Der ASR hat deshalb unter dem Namen "360 Grad" ein Lernmodul für Auszubildende entwickelt, um diese Lücke zu schließen. Azubis werden in zwölf Lehrheften per Fernunterricht einmal um die Welt geführt und lernen so im eigenen Tempo weitere wichtige Grundlagen zu den relevanten Destinationen kennen. Dies geschieht, wie im Rahmenlehrplan, in Kombination mit Reisemotiven zu diesen Destinationen.

Der Mangel an Lehrinhalten im ersten Ausbildungsjahr hat aber noch zu ganz anderen Entwicklungen geführt: An einigen Schulen haben die Ausbilder gemeinsam mit den Lehrern weitere Destinationen und Reisemotive ausgewählt, die im Unterricht behandelt werden. Das zeigt, dass die Unternehmen hier Handlungsbedarf sehen.

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