Azubi-Krise

Die Reisebranche verliert ihren Nachwuchs

Statt neue Auszubildende einzustellen, setzen viele Touristikunternehmen immer noch auf Kurzarbeit und Einstellungsstopp, um die Krise zu meistern.
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Statt neue Auszubildende einzustellen, setzen viele Touristikunternehmen immer noch auf Kurzarbeit und Einstellungsstopp, um die Krise zu meistern.

Schon seit Jahren gibt es in der Touristik immer weniger Auszubildende. Durch die Corona-Krise spitzt sich dieser Rückgang beim Branchennachwuchs dramatisch zu.

Seit Jahren setzt sich Cassandra Ferebee für den Nachwuchs ein. Die Personalleiterin von Reiseland stockte Azubi-Stellen auf, vereinfachte mit einer App den Bewerbungsprozess, organisierte Schulungen und Events. "Es ist immer wieder ein Glück, wenn uns junge Talente positiv überraschen."

Noch im März gab es ein Assessment Center. "Es waren sehr gute Bewerber dabei", sagt Ferebee. Dann kam Corona – Lockdown, Kurzarbeit, Einstellungsstopp.

Viele Azubis in Kurzarbeit geschickt

Auszubildende und junge Berufseinsteiger leiden besonders unter der Corona-Krise. Viele Veranstalter wie Reisebüros haben in der Corona-Krise um ihre Existenz zu kämpfen. Rund 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Ausbildungsbetriebe gaben an, alle Azubis in Kurzarbeit schicken zu müssen, ergab die jüngste Umfrage des Deutsche Reiseverbands (DRV).

"Die aktuellen Entwicklungen bereiten uns große Sorge, da zu befürchten steht, dass der Branche der Nachwuchs ausgeht", sagt der DRV-Präsident Norbert Fiebig. Der Ausblick auf das Ausbildungsjahr, das in diesen Wochen beginnt, ist verheerend. Im Vergleich zum Vorjahr planen die Unternehmen, nur noch rund halb so viele neue Ausbildungsplätze anzubieten.

Im Berufsbild der Tourismuskaufleute ist der Rückgang mit 64 Prozent gegenüber dem Vorjahr besonders deutlich, ergab die DRV-Umfrage. Eine Befragung der Allianz Selbstständiger Reiseunternehmen (ASR) ermittelte im April einen Rückgang um rund 50 Prozent. Bisher sind es nur Hochrechnungen.
„Klotzen, nicht kleckern! Das wäre die richtige Botschaft vom Staat, um Ausbildungsbetriebe in diesen Zeiten zu stärken. “
Stefan Sell, Professor und Arbeitsmarktexperte, Hochschule Koblenz

Wie groß die Corona-Azubi-Lücke wirklich ausfallen wird, weiß man erst 2021. Branchenübergreifend rechnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mit einem Rückgang um gut sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes in diesem Krisenjahr sei schwer abzuschätzen. Viele Betriebe müssten durch die Pandemie "auf Sicht fahren".

So war die Kooperation Reiseland, die sonst überdurchschnittlich ausbildet, gezwungen, ihr Engagement im Vergleich zum Vorjahr stark zu reduzieren. Statt 60 fangen 2020 nur sechs Azubis an. "Wenn so viele Kollegen in Kurzarbeit sind, ist eine Ausbildung auf unserem gewohnten Qualitätsniveau leider nicht möglich", bedauert Ferebee.

Gerade Berufsanfänger bräuchten eine gute Einführung und Betreuung. "Es blutet mir das Herz, dass ich so viele tolle junge Leute nicht einstellen konnte." Jetzt versucht sie, mit Bewerbern Kontakt zu halten, um sie einzustellen, wenn es wieder läuft. "Unsere Branche kann sich einen längeren Ausbildungsknick nicht leisten, wir brauchen die jungen Leute", betont Ferebee.

Bei TUI sind aktuell noch Azubi-Stellen, vor allem im Retail-Bereich, ausgeschrieben und werden erst zu September besetzt. "TUI Deutschland stellt auch in diesem Jahr im August und September Auszubildende ein, wenn auch weniger als im Vorjahr", betont Bettina Gläser-Krahn, Leiterin des Ausbildungsbereichs bei TUI Deutschland.

Die genauen Zahlen stehen noch nicht fest. "Es werden jedoch die tarifvertraglich geregelten Einstellungsquoten eingehalten", versichert sie.

Auch FTI hält trotz des aktuellen Sparkurses an den Verträgen fest, die vor Monaten mit künftigen Azubis abgeschlossen wurden. Statt 41 wie im Vorjahr starten in diesem Jahr 15 neue Azubis in der Münchner Zentrale – Tourismus- wie auch Bürokaufleute.

Ähnlich sieht es bei DER Touristik aus: Hier beginnen 2020 zehn junge Leute mit der Tourismusausbildung, drei weniger als im Vorjahr. "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und setzten auf qualifizierte Fachkräfte aus den eigenen Reihen", sagt Stephanie Wulf, Chief Human Resources Officer der DER Touristik Group.

Der Nachwuchs habe sich in der Krise mehr als bewährt. "Sie sind uns eine große Stütze, weil sie gut ausgebildet sind, viele Abteilungen und Arbeitsabläufe kennengelernt haben und flexibel einsetzbar sind", lobt Wulf. In diesem Jahr setzt der Veranstalter verstärkt auf ein Patenmodell: "Azubis aus dem zweiten Lehrjahr begleiten einen neuen Auszubildenden und stehen ihm in den ersten Monaten zur Seite", erklärt Wulf.
Bund hilft mit Prämien
Ausbildungsprämie
Kleine und mittelständische Betriebe mit maximal 249 Beschäftigten, die 2020 genauso viele Ausbildungsplätze besetzen wie in den drei Vorjahren, erhalten für jeden neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag 2000 Euro. Weitere Voraussetzungen sind hohe Umsatzeinbußen durch Corona oder wenigstens ein Monat Kurzarbeit. Die Prämie wird nach der erfolgreich abgeschlossenen Probezeit ausgezahlt.
Betriebe, die ihr Angebot an Lehrstellen im Vergleich zu den drei Vorjahren anheben, erhalten für jeden zusätzlichen Ausbildungsvertrag eine Prämie von 3000 Euro. 

Übernahmeprämie
Wer sich bereit erklärt, Auszubildende aus insolventen Betrieben zu übernehmen, damit sie ihre Lehre beenden können, bekommt pro übernommenem Azubi 3000 Euro Übernahmeprämie.

Gehaltszuschuss
Unternehmen, die ihre Auszubildenden trotz Corona-Belastungen weiter ausbilden, erhalten bis Ende dieses Jahres 75 Prozent der Brutto-Ausbildungsvergütung für jeden Monat, in dem der Arbeitsausfall mindestens 50 Prozent beträgt. Die Azubis dürfen dabei nicht von Kurzarbeit betroffen sein.

Trotzdem: Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell schlägt Alarm. "Das, was sich an den Azubi-Zahlen abzeichnet, ist sehr beunruhigend." Schon seit Jahren stehe der Ausbildungsmarkt stark unter Druck.

Die Schülerzahlen sinken, der Trend geht zum Studium, und immer weniger Betriebe bilden aus. Die Zahl der angehenden Tourismuskaufleute sank bereits im vergangenen Jahr auf 4497. Ein neuer Tiefststand.

"Die Corona-Krise hat die bestehende Schieflage weiter verstärkt“, sagt der Professor von der Hochschule Koblenz. Aus Sicht der krisengebeutelten Unternehmen sei es vollkommen nachvollziehbar, dass bei Azubis gespart werde.

Hohe Kosten und psychologische Hürden

"Dabei geht es nicht nur um zu hohe Kosten, sondern auch um psychologische Hürden", weiß der Ökonom. Oft stellen Unternehmen keine Azubis ein, weil sie fürchten, keine Arbeit für sie zu haben oder sie nicht richtig betreuen zu können.

"Wir müssen verhindern, dass wegen Corona jede Menge Ausbildungsplätze wegfallen", appelliert Sell. Wer einmal Lehrstellen gestrichen habe, biete häufig auch in Zukunft keine Ausbildungsplätze mehr an, weiß der Professor.

Der Ökonom fordert seit Monaten eindeutige, positive Signale vom Staat, zum Beispiel die Übernahme aller Azubi-Gehälter bis Ende des Jahres. "Klotzen, nicht kleckern!" sei die richtige Botschaft angesichts der enormen Bedeutung der Berufsausbildung. Doch beim aktuellen staatlichen Hilfspaket werde "leider wieder nur gekleckert", findet Sell.

Auch den Verbänden DRV und ASR gehen die Bundeshilfen nicht weit genug. 2000 oder 3000 Euro würden nicht ausreichen, um die drängendsten Herausforderungen der Reisewirtschaft zu lösen. "Die derzeit prekäre wirtschaftliche Lage vieler Ausbildungsbetriebe macht Neueinstellungen unmöglich. Die Prämien werden die Situation nicht grundlegend ändern", ist DRV-Präsident Norbert Fiebig überzeugt.

Dagegen fordern DRV und ASR eine Übernahme der kompletten Ausbildungskosten im ersten Lehrjahr. Weiter werben die Verbände für mehr Flexibilität: So müsse das Ausbildungsjahr nicht zwingend im August oder September starten.

ASR fordert Sonderweg für Azubis in spe

Zudem fordert der ASR für Azubis aus insolventen Unternehmen eine verbindliche Zusage des DIHK, dass sie weiter zur Berufsschule gehen und 2021 an der Prüfung teilnehmen dürfen. Und für alle Auszubildenden in spe, die wegen Corona ihre Lehre nicht anfangen können, möchte der ASR einen Sonderweg einführen: Wie bei einer Umschulung sollten die jungen Interessenten kostenlos zur Berufsschule gehen können und auch Praktika in touristischen Betrieben machen. Läuft das Geschäft dann wieder an, würden sie in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt.

Daran, dass 2021 alles wieder normal läuft, glaubt Professor Stefan Sell dagegen nicht: "Die Krise hat auch psychologische Effekte." 

Sell geht davon aus, dass potenzielle Azubis künftig die Finger ganz vom Tourismus lassen. "Wenn eine Branche ihre Azubi-Zahlen wirklich halbiert, bekommt man nicht nur Risse in der Fassade, sondern auch am Fundament."

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1.
Ingo Simandi
Erstellt 27. August 2020 07:42 | Permanent-Link
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Wo sollen die Auszubildenden auch herkommen? Das Arbeitsamt ist nicht der objektive Berater bei der Berufswahl, mit Äußerungen wie:" Das ist kein Beruf mit Zukunft, die Kunden buchen immer mehr im Internet ." Die Vergütung, auch in jungen Jahren ist nicht prickelnd, die Verantwortung sehr groß, die Arbeitszeiten sind auch nicht freundschaftsfördernd, wenn ich in Mecklenburg-Vorpommern am Samstag, in einem Einkaufszentrum sitze. Gleichzeitig hören und lesen die jungen Menschen, dass in der Reisebranche hunderte von Menschen entlassen werden (ohne das es reflektiert wird). Sollte dann, ein noch an dem Beruf interessierter junger Mensch, durch eine noch nicht ganz verwaiste Innenstadt flanieren, dann sieht er Schilder, auf denen auf die bestehende Situation hingewiesen wird (Korona), das Büro ist ganz, zeitweise, vorübergehend geschlossen, auch keine vertrauensbildende Maßnahme. Die Branche ist an der Situation auch ein bisschen selber Schuld, darüber habe ich schon oft genug lamentiert, das die Jugend nicht mitgenommen wird und ehrlich, oft ist er Auszubildende auch eine billige und "teure" Arbeitskraft (ich vernehme schon jetzt das Kollektive verneinen - bei uns nicht). Statt wieder einmal zu jammern, wäre doch eine Initiative zur Lehrlingsanwerbung angebracht, dies von Seiten des oder auch der Verbände. Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden, das es auch Marktaustritte geben wird, damit wird sich die benötigte Anzahl der Lehrlinge verringern, es werden dadurch auch jüngere, ausgebildete Fachkräfte freigesetzt, wenn diese nicht abwandern.

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